Ein Beruf verspricht Hochspannung – Freileitungsmonteur

„Seilgang“ heißt die Leiter an einer Ecke des Mastes. Nur mit einem Sicherungsseil steigen die Freileitungsmonteure wie Danny Hoffmann hinauf. 72,5 Meter hoch wird dieser Mast.
„Seilgang“ heißt die Leiter an einer Ecke des Mastes. Nur mit einem Sicherungsseil steigen die Freileitungsmonteure wie Danny Hoffmann hinauf. 72,5 Meter hoch wird dieser Mast.
Foto: Kai Kitschenberg
Freileitungsmonteure bauen Strommasten. In luftiger Höhe schrauben sie die Stahlträger zusammen – in praller Sonne ebenso wie bei Minusgraden.

Borken.. Wie Akrobaten balancieren sie über die Stahlträger in luftiger Höhe. Nur die Verstrebungen des Strommastes durchbrechen den Blick geradewegs nach unten bis zum harten Boden. Aber für die acht Mann ist diese Sicht nichts, was sie schwitzen lässt. Schweißtreibend wird es erst gleich wieder: Ein riesiges, 300 Kilo schweres Verbindungskreuz schwebt durch die Luft direkt auf sie zu. Wenn der Kran es nahe genug an den Mast gebracht hat, müssen alle zupacken. Ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren . . .

Freileitungsmonteure bauen Strommasten auf – und wieder ab. Sie kontrollieren die Stahlgerüste, ob sie auch nach Jahren und schweren Stürmen die Stromkabel sicher halten. Das Verbindungskreuz schrauben sie nun fest, in 30 Metern Höhe. Das ist so hoch wie zwei bis drei übereinandergestapelte Einfamilienhäuser. Dabei haben sie noch nicht mal die Hälfte bis zum Ziel erreicht: 72,5 Meter hoch soll dieser Abzweigmast in Borken werden, von dem aus ähnlich einer Kreuzung zwei Leitungen abzweigen. Alle 400 Meter bauen sie einen Mast für die Strecke zwischen Wesel und Meppen. „Stünden sie weiter auseinander, müssten die Masten aus statischen Gründen noch höher sein“, sagt Baukontrolleur Dirk Wöhl.

Sein Kollege Christian Torma von der Firma Bilfinger FRB aus Voerde, die der Übertragungsnetzbetreiber Amprion aus Dortmund beauftragt hat, klettert an einer Ecke des Stahlgerüsts die Leiter hinunter. In diesem „Steilgang“ sind sie mit der Steigsicherungsleine verbunden, damit keiner abstürzt. Der 41-Jährige hat sich einen Gürtel umgeschnallt. Dieser kann schon mal 25 Kilo wiegen, wenn die Gurttasche mit Werkzeug gefüllt ist: Ratsche und Ringschlüssel, Schrauben und Verbindungsbolzen . . . Aber das Wichtigste sind der „Rutscher“, der sie mit dem Sicherungsseil verbindet, und die zwei „Schweinehaken“, wie sie scherzhaft die unterarm-langen Haken nennen, mit denen sie sich manchmal unter „saumäßiger“ Anstrengung am Mast sichern. Dirk Wöhl zeigt auf den Gurt und sagt zu seinen Kollegen: „Das ist Eure Lebensversicherung, alles was da dran hängt.“

Ärztliche Untersuchung

Schwindelfrei müssen sie sein. Das wird auch überprüft. Alle drei Jahre gehen sie zur so genannten G41-Untersuchung, die für Menschen vorgeschrieben ist, die Arbeiten mit Absturzgefahr ausüben. Höhentauglichkeit, Belastungs-EKG, Blutentnahme . . . Ab 50 wiederholt sich die Kontrolle jährlich. Aber wer fit bleibt, darf auch weiterhin hinaufsteigen. So ist in diesem Team mit dem Altersschnitt von 32 Jahren auch ein 58-jähriger Kollege dabei.

Etwa sieben Wochen dauert es, bis ein großer Mast steht. Das freihändige Arbeiten in der Höhe ist nicht das einzig Extreme an ihrem Beruf. Auch das Wetter macht ihnen zu schaffen. Im Sommer mag der Wind ja noch eine Erfrischung sein, wenn sie in der prallen Sonne arbeiten. In der dunklen Jahreszeit sind sie ihm gänzlich ausgeliefert. Einzig, wenn der Mast zugefroren ist und die Arbeit zur Schlitterpartie wird, klettern sie nicht hinauf. Und hören sie in der Ferne einen Donner grollen, heißt es sofort: „Runter!“ „Selbst dann, wenn das Gewitter weit weg ist“, sagt der bauleitende Obermonteur Maik Floeting. Denn die Masten sind nicht nur aus Metall, sie sind oft auch miteinander verbunden. Da klingt ein weit entfernter Blitzeinschlag wie eine Morddrohung.

Dann doch lieber bei Kälte arbeiten: Vier Lagen Kleidung haben sie an diesem Tag an. „Die Füße und die Hände sind die Schwachstellen“, sagt der 48-jährige Floeting, obwohl sie Handschuhe und Sicherheitsschuhe tragen. Wobei sie nur frieren, wenn sie mal eine Viertelstunde auf ein neues Bauteil warten. Denn selbst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, wie an diesem Tag, fühlen sie sich wie andere beim Sport: Hochhangeln, über die Stahlträger balancieren, sich immer wieder sichern und schließlich die Schrauben – so groß wie kleine Hanteln – festziehen. Da weiß man am Abend, was man getan hat.

Und dann, nach der Arbeit, kommt das Extremste an ihrem Job, so sagen einige Monteure. Nicht die Höhe, nicht das Wetter, sondern das Alleinsein sei besonders hart. Denn meist sind die Aufträge weit entfernt von Familie und Freunden.

Hand in Hand, wie bei der Formel 1

„Man muss schon reisefreudig sein“, drückt es Torma positiv aus. Dafür sei der Beruf gut bezahlt. Und: „Wenn es ein gutes Team ist, macht es auch Spaß. Dann ist es wie eine Familie.“ Vertrauen sei wichtig. Wie bei der Formel 1 müsste alles ganz schnell und Hand in Hand gehen. Und wenn einer einen Fehler macht? „Dann kann der tödlich sein.“

Unfälle gab es bei ihnen zum Glück noch nicht. Alle seien zudem als Ersthelfer ausgebildet, um notfalls einen verletzten Kollegen aus dem Mast zu holen. „Es ist kein Kindergeburtstag“, betont Torma. „Aber ein Spielplatz für Große“, sagt er grinsend und vergleicht seine Arbeit mit Lego. Allerdings sind die Bauteile so riesig, dass sie mit Lkw angefahren und vor Ort mühsam zusammengesteckt werden, bevor sie dann der Kran anhebt. Wie nun eine Traverse – der Querträger für den Mast, auf dem später das 380 000-Volt-Stromkabel verlegt wird. Wenn die Monteure allerdings auf dem Mast sind, fließt niemals Strom. Manchmal bewegen sie sich auch direkt auf den Leitungen, die in der Luft hängen. Lediglich in einem Stahlkorb, dem Leitungsfahrwagen, gondeln sie von einem Mast zum anderen, um Abstandshalter zwischen den Kabeln anzubringen.

Torma kommt aus Magdeburg. In Ostdeutschland war dieser Beruf früher ein Lehrberuf. Heute sind die meisten Freileitungsmonteure Quereinsteiger. „Es ist von Vorteil, wenn man einen Metallberuf erlernt hat“, sagt Floeting. Elektriker oder Schlosser zum Beispiel. Aber in dem Team arbeitet auch ein Bäcker. Und ein Metzger. Ein ehemaliger Friseur ist dabei. Und ein Fahrradverkäufer. Viele Wege führen nach oben.

Zur Mittagspause klettern sie wieder hinunter. Meistens. Floeting hat sich seine Stullen auch schon mal mit dem Werkzeugsack hochziehen lassen, als sie einen 105 Meter-Mast gebaut haben. Da war der Weg nach unten für eine Pause zu weit. Und dabei war das noch nicht mal der höchste Mast in Europa. Der steht in Norddeutschland zur Überspannung der Elbe. Er misst ganze 227 Meter.

 
 

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