Dieser Apfel könnte in Wahrheit eine Pflaume sein

Jens Dirksen
Im einen Moment noch zum Reinbeißen, im nächsten schon mehlig: der Klarapfel.
Im einen Moment noch zum Reinbeißen, im nächsten schon mehlig: der Klarapfel.
Foto: Jens Dirksen
Da habe ich mich aber jetzt doch sehr beeilen müssen, um einen Klar-Apfel vor die Linse zu bekommen, der wirklich noch am Baum hängt.

Niederrhein.  Vor gerade mal zwei Wochen habe ich den ersten davon gepflückt – früher als diese blasse Schönheit ist ja keine Sorte reif. Wobei ich immer noch nicht restlos überzeugt bin, ob es sich bei Klar-Äpfeln wirklich um Äpfel handelt.

Bei Lichte besehen halte ich es nicht für völlig abwegig, dass es sich bei dem Klar-Apfel eigentlich um eine Pflaume handelt, die irrtümlich im Körper eines Apfels eingesperrt ist. Es gibt ja quasipraktisch keinen Apfel, der eine so kurze Haltbarkeit hat – die ist höchstens so lange wie die von Pflaumen. Wirklich, Klar-Äpfel sind von einem Tag auf den anderen überreif. Genau genommen gibt es wahrscheinlich für jeden Klar-Apfel höchstens ein bis zwei Tage, an denen er überhaupt genussreif ist. Lange Zeit ist er ja viel zu sauer, um hineinzubeißen. Und genau in dem Moment, wo sich allmählich eine gewisse Süße einstellt, die unser Pseudo-Apfel-Früchtchen essbar macht, scheint auch schon der Verfall einzusetzen und er wird statt knackigfrisch ruckzuck – ha! – pflaumenweich. Karl May hat so etwas ähnliches mal über orientalische Frauen geschrieben, aber Karl May war genauso angekränkelt vom Rassismus wie viele seiner Zeitgenossen.

Ich dagegen halte es weiterhin für wahrscheinlich, dass die äußeren Merkmale eines Lebewesens eben nicht unbedingt alles über sein Wesen verraten. Deshalb ja auch meine Klar-Apfelpflaumen-Theorie. Klar-Äpfel sind so stoßempfindlich, dass ich manchmal schon bei heftigerem Wind fürchte, er könnte für braune Flecken sorgen, bloß weil zwei Äpfel gegenein­ander baumeln und bollern. Und wenn so ein Klar-Apfel erst mal anfängt, braun zu werden (und sei es, weil ein Vogel ihn schräg angeguckt hat oder gar angepickt), dann kann man beim Vollundganzbraunwerden zugucken, das geht innerhalb von Stunden, wenn nicht gar Minuten. Und dann sieht sein Fruchtfleisch tatsächlich aus wie das einer – ha!: Pflaume.

Man kann, aus rechtzeitig geernteten Klar-Äpfeln aber auch ein wunderbares Mus machen. Und tolle Pfannkuchen. Aber das, ha!, haben sie auch schon wieder mit Pflaumen gemeinsam...