Die Revierbürger fühlten sich im Krieg alleingelassen

Lastenträgerinnen am Güterbahnhof in Recklinghausen am 22. Mai 1918.
Lastenträgerinnen am Güterbahnhof in Recklinghausen am 22. Mai 1918.
Foto: WAZ
Die Menschen gingen 1914 mit einem Gefühl des Aufbruchs in den Ersten Weltkrieg. Doch die Realität holte sie mit ihrem ganzen Schrecken ein und demoralisierte die Region. Ein Gespräch mit Lucian Hölscher, Professor für Neuere Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

Bochum. Lucian Hölscher, Professor für Neuere Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum, über die Gefühlslage der Menschen im Ruhrgebiet während des Ersten Weltkriegs:

Herr Hölscher, bisher interessierte sich die Öffentlichkeit vor allem für den Zweiten Weltkrieg. Warum sollten wir uns ebenso für den Ersten interessieren?

Der Erste Weltkrieg war ein mindestens so starker Zivilisationsbruch wie der Zweite. 1918 endete nicht nur der Krieg, sondern eine Epoche. Das Denken des 19. Jahrhunderts wurde nachhaltig erschüttert. Was man sich in Europa bis dahin unter Krieg vorgestellt hatte, galt ab 1914 nicht mehr. Die Menschen hatten nicht mit diesem industrialisierten, schrecklichen Schlachten gerechnet. Viele dachten noch an 1870/71 und stellten sich einen halbwegs fairen Streit der Nationen vor.

Wie war die Stimmung zu Beginn des Krieges?

Wir können das heute nicht mehr nachvollziehen: Dieses kollektive Aufbruchsgefühl, die Idee von der Volksgemeinschaft. Viele, die zuvor ausgegrenzt worden waren, sahen nun ihre Chance: Juden, Katholiken, Sozialdemokraten, Arbeiter – sie wollten nun nicht mehr als Bürger zweiter Klasse gelten.

Wie ging das Ruhrgebiet in diesen Krieg?

Im Ruhrgebiet spitzte sich vieles zu, was in Deutschland während des Ersten Weltkrieges geschah. Die Entwicklung hier war auf allen Ebenen dynamisch. Erstens war das Revier eine „Waffenschmiede“. Zweitens war es auch damals schon ein „Melting-Pot“. Das Weltmacht-Streben des Kaiserreiches erfüllte zwar auch viele Bürger im Revier mit Stolz. Aber es gab auch ein kritisches Potenzial mit starken Klassen-Gegensätzen. Bürger, Industrielle, Arbeiter, Zugewanderte, Katholiken und Protestanten – alle lebten und arbeiteten in diesem Schmelztiegel. Schließlich gab das Revier Deutschland auch in der Ästhetik und in der Kunst ein neues Gesicht. Der Hagener Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus und der Deutsche Werkbund führten Industrie und Kunst zusammen. Die Industrie-Kultur entsteht und prägt das Erscheinungsbild der Städte. So zeigen die Pläne der 20er-Jahre für den Umbau Essens eine ganz eigene Ästhetik, die an den Film „Metropolis“ erinnert.

Wie war die Gefühlslage der Revierbürger 1918 und danach?

Zwischen 1914 und 1918 kommt es zu einem Mentalitätswandel. Im Ruhrgebiet, aber natürlich nicht nur dort. Die Menschen spüren Enttäuschung auf allen Ebenen: Sie haben kaum eine Zukunftsperspektive, sie müssen ihre Geschichtsbilder korrigieren, dazu kommen die psychischen Zerstörungen. Es gibt eine unglaublich hohe Zahl mentaler und psychischer Zusammenbrüche. Man weiß von 600 000 Menschen, die während und nach dem Krieg in Deutschland in Psychiatrien behandelt wurden, viele von ihnen nicht freiwillig. Die Dunkelziffer ist riesig. Auch die Kirchen spüren diesen Mentalitätswandel. Ihr Einfluss geht zurück. Die Härte der Nachkriegszeit trifft gerade die Bürger des Ruhrgebietes voll. Mit Hunger, Verelendung, Arbeitslosigkeit. Der Ruhrkampf verhindert, dass sich die Lage beruhigt. Zwischen Dortmund und Duisburg sind die Nachwehen des Krieges besonders spürbar. Die Revierbürger fühlten sich in dieser Zeit von Berlin allein gelassen. Das war eine sehr prägende Erfahrung. Das Streben der Städte nach Unabhängigkeit wuchs nach der Revolution von 1918. Vor dem Krieg war das Ruhrgebiet ein Spannungsherd der Moderne mit großem Selbstbewusstsein. Nach dem Krieg war die Bevölkerung gebrochen und demoralisiert, aber auch fortschrittsorientierter.

 
 

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