Die letzten ihrer Art – In den Werkstätten der Handwerker

In der Arbeit versunken: Geigenbauer Volker Bley in seiner Werkstatt in Dortmund.
In der Arbeit versunken: Geigenbauer Volker Bley in seiner Werkstatt in Dortmund.
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Wie Geigenbauer, Schäftemacher und eine Glasbläserin sich den Platz für ihre traditionellen Berufe bewahren - und was ihre Chancen für die Zukunft sind.

Wer glücklich ist, für den hängt der Himmel sprichwörtlich voller Geigen. Wie es um Volker Bleys Glückseligkeit bestellt ist, lässt sich zwar nur mutmaßen – aber immerhin hängt sein Himmel tatsächlich voller Geigen. Von der Decke seiner Werkstatt blicken sie geduldig wartend auf ihn herab, auf dass er ihnen Klang und Leben einhauche. Volker Bley ist Geigenbauer. Die Dortmunder kennen ihn: Wann immer Besucher von außerhalb die Stadt gezeigt bekommen, gehört ein Halt vor dem Geschäft in der Arneckestraße ganz sicher mit zum Programm. Denn so etwas, ja, das muss man selbst gesehen haben.

Das Schild mit den gekreuzten Geigen ist schon von weitem zu erkennen. Große Fenster geben den Blick in die Werkstatt frei: Volker Bley (72) will seine Arbeit nicht verstecken. Denn wenn er eines nicht sein möchte, dann ist das „ein Geheimtipp“. Ob Spaziergänger oder Fußballfans auf dem Rückweg vom BVB-Spiel: Wessen Blick zu lange draußen an der Fensterscheibe haften bleibt, den holt Meister Bley auch schon mal hinein.

Hinein in seine Bilderbuchwelt mit ihrem schummrigen warmen Licht, dem Holz – Fichte und Ahorn, „das auf bestimmte Art aus den Stämmen gespalten werden muss, nicht gesägt werden darf“ –, den alten Arbeitstischen, den Regalen und Schubfächern, die über 2000 unterschiedliche Werkzeuge beherbergen, den geheimnisvoll schimmernden Instrumenten.

Mit 15 lernt Volker Bley, Cello zu spielen, in der Schule, einem Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt. „Ich hatte mich für Klarinette gemeldet, wegen Benny Goodman natürlich, aber der Lehrer schaute sich meine Hände an und sagte ,Nein, du bekommst ein Cello’, dabei wusste ich nicht mal, was das ist.“ Seine Nachmittage verbringt er damit, durch die Straßen zu streifen, mal hier, mal dort bei der Arbeit zuzusehen. „Wie Körbe geflochten wurden, wie die Bürsten- und Besenbinder arbeiteten, wie eine Straßenbahn gebaut wurde. Die Werkstätten waren ja alle offen, man konnte durch die Tore reinschauen. Heute wäre das undenkbar.“

Heute findet Handwerk meist hinter verschlossenen Türen statt. Wenn es überhaupt noch stattfindet. Denn viele der alten Berufe sterben langsam aus: Warum sich an eine Arbeitsweise klammern, die mit der Schnelligkeit neuer Maschinen nicht mithalten kann, warum im heimischen Traditionsbetrieb fertigen, was im Ausland am Fließband längst billiger produziert wird?

„Weil wir das besser können als Maschinen.“ Der Mann, der diesen Satz sagt, hat auf den ersten Blick wenig Grund für Optimismus: Eigentlich müsste der Schäftemacher Hartmut Seidich das Schild an seinem Tor in Wanne-Eickel mit einer Erläuterung versehen, denn sein Beruf ist so selten geworden, dass kaum noch jemand etwas mit der Bezeichnung anfangen kann. „Schäfte, kommt das vielleicht von ,Geschäfte’?“ Hartmut Seidich ist es gewohnt, sich erklären zu müssen – die Anekdote kommt ihm leicht über die Lippen: „Als meine Kinder klein waren, haben sie auf die Frage, was denn die Eltern beruflich machen, immer geantwortet: ,Die machen halbe Schuhe’.“

Schuhe wurden ein Wegwerfprodukt

Die „halben Schuhe“, das sind die Oberteile von Maßschuhen, sogenannte „Schäfte“. Im Grunde geben die Schäftemacher dem Schuh ein Gesicht. Auch Maßschuhmacher sind nicht mehr besonders zahlreich vertreten, und die wenigsten von ihnen fertigen Schäfte selbst an. „Das ist gar nicht schlimm, oder ein Zeichen mangelnder Qualität“, beeilt sich Seidich zu sagen. „Jeder Kunde möchte ein anderes Leder, eine andere Farbe“. Für einen kleinen Schuhmacherbetrieb würde es sich schlicht nicht lohnen, so viele Materialien (Seidich selbst hat 240 verschiedene Leder und Alternativen für Veganer standardmäßig vorrätig) auf Lager zu haben. Denn auch Maßschuhe werden schließlich nicht jeden Tag zu Dutzenden in Auftrag gegeben. „Schuhe sind heute für viele nur noch ein Wegwerfprodukt“, sagt Seidich und wirkt für einen Augenblick resigniert.

Ein Instrument wegzuwerfen käme hingegen einem Sakrileg gleich: Instrumente werden repariert. Das kann mitunter länger dauern, als eine komplett neue Geige zu fertigen. „Denn reparieren kann man im Prinzip alles, es ist letztlich eine Kostenfrage“, sagt Volker Bley. Er hat schon völlig zersplitterte Exemplare gerettet oder fehlende Teile rekonstruiert. „Oft verbinden die Menschen mit dem Instrument besondere Erlebnisse.“ Es kommt aber auch vor, dass jemand eine kaputte Geige vor der Werkstatt des Meisters aussetzt – wie ein Kind, das er nicht behalten kann, dem es aber an nichts fehlen soll. Diese Findelkinder nimmt Bley bei sich auf, um sie beizeiten wieder zum Klingen zu bringen. Was macht eine gute Geige aus, Herr Bley? „Dass man sie gern anschaut, gern in die Hand nimmt, gern auf ihr spielt – das hat etwas mit Liebe zu tun.“ Und was einen guten Geigenbauer? „Endlose Geduld, der Blick für Details und die Achtung vor dem, was unsere Vorgänger gemacht haben.“

Ein Satz, der auch von Hartmut Seidich stammen könnte. Voller Begeisterung erzählt der 53-Jährige Kapitel um Kapitel Betriebsgeschichte, die immerhin bis ins Jahr 1928 zurückreicht, und geizt weder mit Details noch Bewunderung für Vater und Großvater. Bilder und Urkunden machen den Flur zum betriebseigenen Museum. Im Lederlager schließlich sind neben Pferd auch schottisches und Ruhrgebiets-Rind zu finden. „Und jetzt raten Sie mal, was das ist!“ Schlange? Krokodil?

Weil Seidich es ablehnt, Schäfte aus dem Leder seltener Tiere zu machen, manche Kunden aber eine solche Optik wünschen, empfiehlt er ihnen Alternativen. „Wenn man einen guten Gerber kennt“ – und den kennt er selbstverständlich – „dann kann man zum Beispiel aus Seelachs wunderbare Schäfte in Schlangenlederoptik herstellen“. Und dann ist da noch das „härteste Leder der Welt“: eine Oberfläche wie eine Hügellandschaft – lauter perfekt geformte Halbkugeln. Das soll Leder sein? „Perlrochen“, sagt Seidich, „in Asien ein beliebter Speisefisch, die Haut ist also übrig“. Und hier kommt wieder der erfahrene Gerber ins Spiel.

„Das muss ich eben noch erzählen!“ „Das kann ich Ihnen kurz noch zeigen!“. Seidich zaubert Wissensschätze hervor, die für ein Buch reichen würden – nicht ohne immer ein passendes Anschauungsobjekt parat zu haben: den holzbesohlten „Kindernotschuh“ aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, den eisenbeschlagenen Arbeitsschuh eines Bauern vom Balkan und einen beachtlichen Satz uralter Werkzeuge wie Stichmaße und Zwickzangen, die allesamt noch im Einsatz sind: „,Die alten Werkzeuge sind die besten’, sagte mein Vater immer, ,die wissen, was von ihnen erwartet wird’.“

In den nächsten Tagen wird Hartmut Seidich eine E-Mail nach der anderen schicken: „Was ich noch sagen wollte“, „was mir noch eingefallen ist“. Die Mails kommen um 23.56 Uhr, um 0.50 Uhr, um 23.20 Uhr, keine von ihnen ist kurz. Er hat sich zusätzliche Arbeit gemacht, um für seine Arbeit zu sprechen. Auf verlorenem Posten allerdings kämpft er nicht: Seine Kunden mit ihren extravaganten Wünschen kommen aus aller Welt, er wird empfohlen, und empfiehlt sich selbst über das, was er leistet. Neben den Schäften für die Maßschuhe fertigt er Oberteile für orthopädische Schuhe. Auch die gehen in alle Welt, nur sind die Geschichten dahinter weniger glamourös. Dennoch sind es ihm die liebsten. Sichtbar gerührt erzählt er von dem kleinen afrikanischen Jungen, der aufgrund einer Fehlbildung seines linken Fußes nicht richtig laufen konnte. Die Ärzte erwogen schon, den Unterschenkel zu amputieren, um dem Kind wenigstens eine funktionale Prothese anpassen zu können. Durch Zufall erfuhr eine Kundin Seidichs von der Geschichte und fragte den Schäftemacher, ob er nicht helfen könne. Er konnte. Und er wollte. Die orthopädischen Schuhe aus Herne ersparten dem Kind die Amputation.

Der Himmel in Hartmut Seidichs Ausbildungswerkstatt hängt übrigens, wie könnte es anders sein, voller Buchenholzleisten. Jeweils fünf oder sechs in unterschiedlichen Größen und Formen zusammen, baumeln sie dort wie getrocknete Blumensträuße. Der Leistenschneider sitzt in Thüringen, sein Betrieb stellt die Leisten schon seit 1876 in Handarbeit her. Noch so ein seltenes Handwerk.

Ohne Leisten keine Schäfte. Denn sie verraten dem Schäftemacher die genauen Maße für seine Schnittmuster. Aus Leder werden die einzelnen Schaftteile geschnitten. Dann geht es an die filigranen Feinheiten, wie Zierlochungen, „um die 700, frei Hand“, Zacken, Prägungen, spezielle Übergänge zwischen den Teilen. Oder auch an aufgemalte oder eingelaserte Details. Schließlich ans Zusammennähen. Fehler lassen sich nicht ausbügeln oder verstecken: „Jeder Nadelstich hinterlässt in dem teuren Leder ein Loch, das sich nicht wieder schließt“, sagt Seidich. Und wenn er „teures Leder“ sagt, dann meint er das auch. Für ein Paar Cordovan Schuhe beispielsweise – Pferdefreunde mögen diesen Teil überlesen – wird ausschließlich Leder aus der Gesäßpartie von Kaltblutpferden verwendet, Materialkosten: um die 300 Euro.

Macken lassen sich herausreiben

Der Rest wird zu anderen Lederwaren verarbeitet. Ein Pferd, ein Paar Schuhe. Die Besonderheit des Cordovan-Leders: Es ist extrem widerstandsfähig – Macken lassen sich einfach herausreiben, sagt Seidich, und beweist seine Worte am Objekt. Teures Material, teure Handarbeit.

Dennoch betrachtet Seidich den Maßschuh, mal abgesehen vielleicht von Exemplaren wie dem Cordovan- Schuh, nicht als reines Luxusprodukt: „Schließlich müssen Sie den Preis auf 20 Jahre runterrechnen“ – denn so lange halte ein handgefertigter Schuh bei guter Pflege.

Auch die Werke der Bochumerin Regina Buchholz können jahrzehnte- sogar jahrhundertelang halten – oder von einem auf den anderen Augenblick zerspringen. Regina Buchholz ist Glasbläserin. Eine ziemlich ruhelose Glasbläserin, die durch ihre Wohnung – zugleich Atelier, Werkstatt und Lebensmittelpunkt ihrer Familie – wirbelt, als sei ihr die Vergänglichkeit ihrer Produkte entweder nicht bewusst oder vollkommen gleichgültig.

Hier muss sie noch schnell etwas aufräumen, dort ein paar Teelichter anzünden, „möchten Sie Kaffee?“, da etwas ins rechte Licht rücken, und „sich schnell noch ein wenig hübsch machen“, bevor das Gespräch beginnen kann. Hier hängt der Himmel voller Glas: Kugeln, Eier, Zapfen – gläserne Stalaktiten in der Höhle der Künstlerin. Auch jeder übrige Höhlenzentimeter ist besiedelt: von Glasfröschen, -fischen, -schweinchen, -engeln und -teufeln. Es scheint unvermeidlich, dass im Laufe der nächsten paar Augenblicke irgendein gläserner Bewohner, aufgeschreckt durch das Herumgerenne seiner Schöpferin, zu Boden stürzt, und in einer verhängnisvollen Kettenreaktion Heerscharen anderer Glasgeschöpfe mit sich ins Verderben reißt. Doch nichts geschieht: Regina Buchholz und das Glas verstehen sich blind, wer hier wem geschickt ausweicht, lässt sich nicht sagen. Aber geht denn nie etwas kaputt? „Klar, hier klirrt es ständig“, sagt die 51-Jährige lachend. Man würde es nicht glauben – legten nicht die unzähligen Scherben auf den Arbeitstischen ein beredtes Zeugnis ab. „Aber das Gute ist ja, dass man es reparieren kann.“

Zum Dahinschmelzen

Wer jemals versucht hat, Scherben wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen – der Kleber wird es schon richten –, weiß, dass das Ergebnis weder ob seiner Schönheit noch seiner Haltbarkeit überzeugt. Doch Regina Buchholz klebt nicht. Natürlich nicht. Als sie endlich in ihrer Werkstatt sitzt und das Fauchen des Gasbrenners den Raum erfüllt, lässt die Flamme nicht nur jegliche Hektik dahinschmelzen – auch das Glas, „Jenaer Glas, laugen- und säurebeständig“, wird gefügig, lässt sich wie Knetmasse modellieren. 1800 Grad heiße Knetmasse.

Namen, Telefonnummern, Daten, die Regina Buchholz mit Filzstift auf die weißen Fliesen der Werkstatt gekritzelt hat, die Sprüche an den Fensterscheiben „Es glitzert! Es ist nicht sinnlos!“, die Glasrohre- und -röhrchen auf dem Tisch, das Feuerzeug, der Zollstock, ein blauflossiger Glasfisch, der etwas verloren durch das Durcheinander schwimmt – alles scheint sich aufzulösen in dem orangeroten Glühen. Und als Regina Buchholz dann erzählt, dass ihr diesjähriges Mantra „Gelassenheit“ sei, klingt das gar nicht mehr so abwegig.

Bringen Scherben eigentlich Glück, Frau Buchholz? Sie zögert kurz, lacht: „Aber sicher, schließlich bin ich der glücklichste Mensch, den man sich vorstellen kann.“

Die ausgebildete Glasinstrumententechnikerin, „ach herrje, was für ein Wort“, stellt nicht nur Hübsches zur Dekoration und für den Hausgebrauch her, sondern auch komplizierte technische Glasapparaturen: zum Beispiel einen Kolben mit imposantem gläsernen Innenleben – „alles freihand gemacht“. Während die Glasinstrumententechnikerin streng nach Vorlage fertigt, liebt die Kunsthandwerkerin die Spontaneität. Jetzt „malt“ sie mit einem sich verflüssigenden Stück Buntglas kleine Schnörkel und Punkte auf ein Gefäß. „Das Überflüssige – ein höchst notwendiges Ding“ wird Voltaire auf einer Fensterscheibe zitiert. Doch das Glitzernde, der Schmuck, die Tierchen und Teelichtgläser, sind allein nicht einträglich genug.

So verklärend man traditionelles Handwerk betrachten kann, sich in der Bilderbuchwelt eines Volker Bley, in den museumsgleichen Räumen eines Hartmut Seidich und der Glashöhle von Regina Buchholz verlieren mag – am Ende müssen die Menschen mit den seltenen, spannenden Berufen schließlich auch etwas damit verdienen.

Regina Buchholz hat mit der Zweiteilung Kunsthandwerkerin/Technikerin eine passable Lösung für sich gefunden. Hartmut Seidich fertigt gern auch die orthopädischen Schäfte an, die sehr gefragt sind, beobachtet aber zugleich mit Freude ein steigendes Interesse am handgefertigten Maßschuh. „Da hat ein kleines Umdenken begonnen, hin zu mehr Nachhaltigkeit, wertigeren Materialien.“ Auf Wunsch seiner Kunden wird er ab nächstem Jahr, wenn das Unternehmen den 30. Geburtstag am jetzigen Standort feiert, also nicht mehr ausschließlich halbe, sondern auch ganze Schuhe bauen. Und Volker Bley? Der hat, kraft Berufes, die grenzenlose Macht der Musik auf seiner Seite.

Experten-Gespräch – Wie die Arbeit von morgen aussieht

Die Arbeitswelt wandelt sich rapide: Mit den technischen Möglichkeiten wächst die Produktivität während Preise sinken. Was bedeutet das für uns? Wie werden wir morgen arbeiten und werden traditionelle Handwerksberufe einfach aussterben? Dr. Werner Eichhorst, Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), wagt für uns einen Blick auf die Arbeit von morgen.

Wie könnte die Arbeitswelt künftig aussehen?

Die letzten 20 Jahre waren in Deutschland – aber auch in anderen Ländern – von einer zunehmenden Flexibilisierung in verschiedenen Dimensionen geprägt. Dieser Trend wird sich angesichts von Globalisierung, technischem Fortschritt und Digitalisierung weiter fortsetzen. Gleichzeitig gibt es Versuche, das durch neue Formen der Regulierung, durch neue Regeln zu begrenzen. In dieser Grauzone können viele Lösungen existieren, teilweise auch instabile. Insgesamt wird es in Bezug auf die Arbeitszeit sicher viele unterschiedliche Modelle geben. Einige werden noch länger arbeiten, andere kürzer. Andere üben vielleicht unterschiedliche Tätigkeiten an unterschiedlichen Tagen oder zu unterschiedlichen Tageszeiten aus. Das ist alles gut vorstellbar.

Welche Berufe werden aussterben, was wird bleiben?

Wir werden am ehesten dort Berufe verlieren, wo es um Dinge geht, die ähnlich aber günstiger im Ausland hergestellt werden können und dort, wo es zunehmend die Möglichkeit gibt, Dinge automatisiert, mit intelligenten Maschinen herzustellen oder Prozesse maschinell abzuwickeln. Oder um routineartige Tätigkeiten, die viel mit Informationsverarbeitung zu tun haben, beispielsweise klassische Sacharbeitertätigkeiten. Solche Arbeiten sind eher bedroht als hochspezialisierte Tätigkeiten, die auch ein Zusammenwirken mit anderen Menschen umfassen oder wo es darum geht, komplexe Sachverhalte zu beurteilen und Entscheidungen vorzubereiten. Auch bei klassischen Montagearbeiten im handwerklichen Bereich ist zumindest in den nächsten Jahren noch keine vollständige Automatisierung vorstellbar. Auffällig ist außerdem: Je mehr Routinetätigkeiten automatisiert werden, desto mehr sind die übrigen Aufgaben von menschlichem Zutun abhängig. Das heißt, dass die kommunikativen, forschenden, entwickelnden und kreativen Tätigkeiten umso wichtiger werden.

Diese Szenarien von der Drohne, die Waren ausliefert, bis zum Roboter, der Schüler unterrichtet, sind also in naher Zukunft nicht realisierbar?

Vielleicht irgendwann einmal, aber solche Umstrukturierungsprozesse vollziehen sich kontinuierlich. Das sind Entwicklungen, die Jahrzehnte dauern. In vielen Bereichen wird es zu einer stärkeren Verbindung von menschlicher Arbeit mit technischer Unterstützung kommen. Das kann das Bildungs- und Gesundheitswesen oder so etwas wie Gebäudereinigung und Gastronomie betreffen.

Wird es denn in Zukunft weniger Arbeitsplätze für die Menschen geben?

Wenn man die Geschichte betrachtet, ist die Anzahl der Arbeitsplätze und der Arbeitsstunden nicht rückläufig. Das hat damit zu tun, dass die weggefallenen Jobs durch andere ersetzt wurden, oder dass veraltete Jobs modernisiert wurden.

Und was ist mit dem aktuellen Nachhaltigkeitsbedürfnis, mit der Rückbesinnung auf traditionelles Handwerk? Ist das nur ein Trend, der schnell wieder vorübergeht?

Man kann beobachten, dass es eine Bewegung hin zu regionalen, durchaus auch hochpreisigen Handwerksprodukten gibt, deren Herstellung transparent und überschaubar ist – das ist quasi ein Gegenmodell, das sich stark abgrenzt von der globalisierten und stark zergliederten Produktionsweise. Angefangen beim Konzept von Manufactum bis hin zu Kleinserienproduktionen, die teilweise auch in den kunsthandwerklichen Bereich gehen. Dabei geht es auch um das Bedürfnis bestimmter Zielgruppen, sich abzuheben, etwas Besonderes zu besitzen und gleichzeitig ein gutes Gewissen mit einzukaufen, weil das Produkt unter überschaubaren, wenig anonymen Bedingungen hergestellt worden ist. Das sieht man auch, wenn man durch die Szeneviertel geht. Dort gibt es zunehmend solche Angebote, immer in bestimmten Nischen, die für die Zielgruppen interessant sind.

Ist das also in Zukunft eine Chance für kleine traditionelle Betriebe?

Es ist Teil einer generellen Entwicklung: Wenn man ein Unternehmen besitzt, kann man entweder versuchen, zu expandieren und auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu werden, indem man große Mengen zu günstigen Preisen produziert. Oder man muss stark auf den Aspekt Qualität setzen und teurere Produkte herstellen, die eine besondere Wertigkeit verkörpern. Wenn Sie einen handgesägten Kamm aus Horn kaufen, ist das etwas anderes, als wenn Sie im Drogeriemarkt einen preiswerten Plastikkamm erwerben. Für die Leute, die dafür sensibilisiert sind, und sich das leisten können, ist das ein Lifestyle-Aspekt, mit dem man sich abheben und Gleichgesinnten signalisieren kann, das man da ähnliche Konsummuster hat. Ich glaube, dass diese Nische noch Potenzial hat, in dem Maße, wie die Massenproduktion immer billiger und uniformer wird. Es gibt sicher ein Bedürfnis, einige besondere Dinge zu besitzen, die unter anderen Bedingungen hergestellt werden. Wenn Unternehmen diese Bedürfnis geschickt ansprechen, können sie diesen Bereich sicher noch ausbauen.

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