Die Heimat der Nachtschwärmer

Ulrich Schilling-Strack
Christian Borghoff, Barchef des Sheraton-Hotels in Essen, bereitet einen Longdrink zu. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Christian Borghoff, Barchef des Sheraton-Hotels in Essen, bereitet einen Longdrink zu. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool
Die Bar ist eine Insel der Einsamen, auf der sich die Gäste eine Zeit lang am Glas festhalten und gedanklich davonfliegen können. Eine Betrachtung eines einzig-, aber nicht immer artigen Ortes der Anbahnung, des Gesprächs und des Beobachtens.

Nach Hause geht man erst, wenn einem all die anderen Orte ausgegangen sind, behauptete die amerikanische Schauspielerin Barbara Stanwyck. Die anderen Orte, das kann ja alles mögliche sein. Etwa das Restaurant. Dort ist man aber normalerweise in den entscheidenden Stunden nach Mitternacht, die der Amerikaner treffend die „small hours“ nennt, nicht mehr willkommen. Oder die Kneipe. Die ist vielleicht noch geöffnet, man trifft aber dort um die Zeit eher die lauten Typen wie den deutschen Theken-Philosophen Otto. In der Kneipe hört man kesse Sprüche wie: Bin in einer Glaubenskrise. Ich glaube, ich krieg’ hier nix mehr zu trinken. Gar nicht einfach also, die Flucht vor der Einsamkeit. Was bleibt also übrig, wo endet er, der ruhelose Streifzug des Nachtschwärmers? In der Bar!

Tradition und Zeitgeist

Die Bar wird nicht verwechselt mit der Nachtbar, wo forsche Animierdamen süßen Sekt kredenzen. Die Bar ist auch nie in der Provinz. Es gibt ja auch keine T-Shirts mit dem Aufdruck „Hard Rock Cafe Hückeswagen“. Die Bar ist immer Metropole. Manchmal hat sie Tradition, wie Harry’s New York Bar in Paris, die nun ihren 100. Geburtstag feiert. Immer wieder erfindet sie sich aber auch neu und lässt sich dann auf einen Wettlauf mit dem Zeitgeist ein.

Wie die „King Size Bar“ in Berlin. In der „King Size Bar“ wird hart gefeiert und mächtig getrunken, und zwar mit den richtigen Leuten, auch das ist wichtig für eine Bar. Man fällt dort ein irgendwann nach Mitternacht und zieht irgendwann weiter, zur nächsten Bar, wo man wieder die richtigen Leute trifft. So ging es jedenfalls kürzlich noch zu in der „King Size Bar“. Ob das morgen auch noch so ist, weiß niemand, nicht einmal der Zeitgeist.

Es gibt volle Bars und leere Bars, gemütliche Absacker und knallharte Sauflöcher, auf der Karte des Lebens werden sie alle als Inseln für Einsame ausgewiesen, und eine ganz besondere lag an einer Ecke in Manhattan.

Edward Hoppers Bar

Unsterblich wurde das „Phillies“, längst abgerissen, durch das Gemälde „Nighthawks“ von Edward Hopper, das inzwischen in jeder Wohnung der Welt hängt, wenn auch oft verfremdet. Auf den eher albernen Plagiaten hocken Donald Duck und Micky Maus am geschwungenen Tresen. Manchmal hat man auf die Barhocker aber auch unglückliche Hollywood-Figuren wie Marilyn Monroe oder James Dean gesetzt, was der Sache schon sehr nahe kommt.

Geschöpfe der Nacht

Im „Phillies“, so erzählt uns nämlich das Bild, versammeln sich die Geschöpfe der Nacht. Einsam, wortkarg und rätselhaft. Draußen spürt man den nassen Asphalt. Drinnen sitzen an einer Seite des Tresens ein Mann und eine Frau nebeneinander. Ob sie sich kennen, bleibt offen. Ein weiterer Mann sitzt mit dem Rücken zum Betrachter, denkt er gerade an seine Frau, die ihn verlassen hat? Der Barkeeper (heißt er Phillies?) schaut vom Gläserpolieren hoch, ein müder Blick, will jemand noch was bestellen? Dazu Musik von Miles Davies oder Charlie Parker, aber auch das kann man natürlich nur vermuten.

Ab und an wird versucht, die Geschichte des „Phillies“ weiterzuerzählen, das Geheimnis zu lüften. Wolf Wondratschek etwa lobt die Wortlosigkeit, die völlige Leere der Situation, und entdeckt dann doch Mann und Frau in der Ecke als Paar, das sich längst nichts mehr zu sagen hat, und spürt im Mann mit dem Rücken zu uns die Erinnerung auf an eine Frau mit einem roten Kleid.

Ein mystischer Ort

Im „Spiegel“ haben einst gleich fünf Autoren ein Drehbuch der „Nighthawks“ geschrieben, darunter auch Christoph Schlingensief, der die Hauptrollen mit Iris Berben und Bernd Eichinger besetzte und erwartungsgemäß alles in einem Kettensäger-Massaker enden ließ.

Letztlich bleibt nur: Wir wissen nichts vom „Phillies“. Ein mystischer Ort, etwa so wie „Rick’s American Cafe“, das es lange nur im Film gab. Vor ein paar Jahren hat man dann doch eins eröffnet in Casablanca, aber ohne Humphrey Bogart wirkt es irgendwie leer.

„Sloppy Joe’s“ dagegen gibt es wirklich, in Key West. „Sloppy Joe’s“ war Heimat eines der berühmtesten Bargäste aller Zeiten. Ernest Hemingway brauchte nicht mal die Nacht, um in seine Bar zu flüchten. Er trank die Margaritas auch mittags, und er gehörte zum Inventar wie Cocktailshaker und Eiswürfel-Eimer.

Hemingway ist also der Schutzpatron der Bar. Alle Bars der Welt listen heute den Amerikaner in ihrem Gästebuch. Hemingway ist längst tot, Nachfolger werden gesucht. Sie müssen rätselhaft und trinkfest sein. Der Berliner Autor Harald Martenstein machte sich einmal auf einen Streifzug durch die Bars der Hauptstadt. Er traf zwar aus bekannten Gründen nie auf Hemingway, aber überall auf den Schauspieler Otto Sander, immerhin.