Die „Essbare Stadt“ Andernach will ein Vorbild sein

Hier darf jeder pflücken.
Hier darf jeder pflücken.
Foto: Stadt Andernach
Das kleine Andernach in Rheinland-Pfalz hat sich in eine „Essbare Stadt“ verwandelt. Die Bürger pflanzen und ernten am Wegesrand. Ist das ein Vorbild für andere Orte? Margrita Hermanuz aus Duisburg erinnert sich an die Stadtgärten nach dem Krieg.

Richard Ibald zupft an einem Bohnenstrauch. Zwei Hände voll grüner Bohnen hat er am Seitenstreifen geerntet. Seine Frau hat ihm aufgetragen, das Mittagessen zu besorgen. Andernach, eine beschauliche Stadt in Rheinland-Pfalz, ist eine essbare Stadt. Statt Tulpen und andere „Wechselbeetbepflanzung“, wie die Blümchen am Wegesrand im Beamtendeutsch heißen, wachsen hier nun Karotten, Kräuter und sogar Kaki. Der Klimawandel wird’s schon richten, dass auch bald Exoten in Deutschland sprießen. Ernten darf jeder.

Vor fünf Jahren hatte die Stadtverwaltung entschieden, auf Nutzpflanzen zu setzen. Die bedeuteten weniger Pflegeaufwand, so ließ sich viel Geld sparen. Nun staunen sie, dass aus ganz Europa Kamerateams und Umweltexperten nach Andernach pilgern, um sich etwas vom Erfolg abzuschauen. Auf einmal ist die Stadt cool – durch Zufall. Dabei hat anfangs niemand an die Idee geglaubt, denn die Pläne wurden, ausgerechnet, an einem 1. April vorgestellt.

Schwarzseher sagten voraus, dass Jugendliche reife Tomaten an die Wände schmettern oder die Kartoffeln einfach rausgerupft würden. Nichts davon ist eingetreten. Noch nicht einmal Müll liegt in den Beeten. „Im Gegenteil – die Leute achten mehr aufeinander und sind stolz auf ihre Stadt“, erklärt Oberbürgermeister Achim Hütten. Dort, wo es früher einen Angstraum rund um die Burg gab, gackern nun Hühner. Aus ihren Eiern machen Mitarbeiter einer Beschäftigungsmaßnahme Rührei oder backen mit ihnen Kuchen.

Er selbst habe keinen grünen Daumen, sagt Hütten, und eigentlich geht es ihm auch gar nicht um die paar Kartoffeln vor dem Schloss: „Ich bin interessiert an Projekten und dass die Ideen meiner Mitarbeiter sprießen.“ So entschied er mit seiner Verwaltung im Alleingang über die essbare Stadt. „Der Rat redet ja auch nicht mit, ob wir Stiefmütterchen pflanzen.“ Für die Pflege sind seitdem Bürgerarbeiter und Langzeitarbeitslose zuständig. Die wachsen an ihren Aufgaben genauso wie die Pflanzen.

Susanne Fuchs hat früher als Krankenschwester gearbeitet, hat Kinder bekommen, wurde arbeitslos. Dann empfahl ihr das Arbeitsamt das Projekt „Essbare Stadt“. In ihrer Hosentasche steckt eine Gartenschere, die Knie sind schmutzig, heute wird Unkraut gejätet. Sie zupft und rupft. „Das sind ja eigentlich Wildkräuter“, sagt sie lächelnd. Raus müssen sie trotzdem.

Die Kaki war eigentlich ein Gag

Für ihre Arbeit bekommt sie viel Lob. „Es macht Spaß, weil man die Ergebnisse sieht.“ Sechs Männer und Frauen sind sie, es gibt eine Schul-AG, die Beete betreut. Aus dem Projekt soll eine Bewegung werden. 30 Hektar werden schon genutzt. Die Kaki war eigentlich ein Gag. Doch da der Obstbaum nah an der alten Burgmauer steht und diese die Wärme speichert, gedeiht der Exot ausgesprochen gut. Und auch sonst sind die Bedingungen bestens. Gedüngt wird allenfalls mit Mist, mit Abgasen gibt’s in dem Städtchen am Rhein kaum Probleme. Der fruchtbare Auenboden und das Weinklima tun ihr übriges.

Manchmal bleiben Passanten stehen, sie haben von der essbaren Stadt gehört. Ob man wirklich alles pflücken dürfe, fragen sie dann. „Die meisten trauen sich erst nicht“, erzählt Susanne Fuchs. Einige finden gar, dass sie es nicht nötig haben, ihr Gemüse am Straßenrand aufzulesen. Doch die Bürger werden von den Gärtnern ermutigt. Statt „Betreten verboten“ heißt es nun ausdrücklich „Pflücken erlaubt“. „Die Beete gehören jetzt uns Bürgern.“

Einen Lerneffekt hat das Projekt zudem. Die meisten wissen nun wieder, wie eine Zucchini-Pflanze aussieht. Oder welch schöne Blätter der Mangold treibt. Und dass es keine gute Idee ist, regelmäßig nachzuschauen, ob die Kartoffeln schon so weit sind. Die Gärtner wollen deshalb im nächsten Jahr ein Ampelsystem einführen. Rot heißt „Finger weg“, Gelb „Wenn der Hunger groß ist, kann man schon ernten“, Grün „absolut genießbar“.

Lutz Kosack ist so etwas wie der Experte für urbane Landwirtschaft bei der Stadt Andernach. Der Geo-Ökologe begleitet das Projekt fachmännisch. Er hat über die Rheinufer-Vegetation in Bonn promoviert und war schon in den 80er-Jahren in der Öko-Bewegung aktiv. Er ging damals „botanisieren.“ Das ist im Grunde der Urahn des Guerilla-Gardening. Kosack beobachtete, wie die Menschen ihre Schrebergärten pflegten und es in den Nuller-Jahren hip wurde, Gemeinschaftsbeete anzulegen. Die Zeit war reif für eine neue Gartenstadt. Ihn wundert, dass es nicht mehr Nachahmer gibt. Früher sei es ganz normal gewesen, dass die Menschen für den Eigenbedarf Gemüse anbauten.

An Früher, genau genommen an 1946, kann sich Margrita Hermanuz noch gut erinnern. Die Duisburgerin war damals elf Jahre alt. Heute geht sie im Botanischen Garten in Duissern spazieren. Der gepflegte Park war früher ein Acker. Kurz nach dem Krieg hat sie mit ihrem Zwillingsbruder Oskar hier Wache geschoben. Dort, wo heute Rosen blühen und Eriken wachsen, hatte die Familie ein kleines Stückchen Land zugeteilt bekommen. Genug für fünf, sechs Reihen Kartoffeln und einige Furchen Gemüse. „Meine Mutter ist mit unserem Spielzeug zum Bauern gegangen und hat es gegen Pflanzen getauscht“, erinnert sich die 78-Jährige. Traurig war sie schon, aber dafür hatten sie fortan eigene Lebensmittel. Die Zeit am Acker war für sie „ein großes Abenteuer“. Nach der Schule postierten sie sich, um gut aufzupassen, dass niemand die Kartoffeln ausbuddelt. „Das war hochspannend. Es war für uns ein Spiel.“ Abends wurden sie von der großen Schwester abgelöst, nachts übernahm der Vater.

„Als Kinder mussten wir immer Steine klopfen. Für jeden Ziegel gab’s drei Pfennige.“ Irgendwann hatten sie genug Steine verkauft, um auf dem Schwarzmarkt einen Bollerwagen anzuschaffen. Mit dem konnten sie dann die Ernte transportieren. Und geschmeckt hat es. „Wobei ich erst später gelernt habe, dass es auch um Geschmack geht. Wir waren ja froh, dass wir etwas zu essen hatten.“ Dass heute noch einmal in Duisburg am Seitenstreifen Kartoffeln sprießen, kann sie sich kaum vorstellen. Dabei sagen die Andernacher, dass eigentlich jede Kommune oder jeder Stadtteil die essbare Stadt nachahmen könnte.

2013 ist in Andernach übrigens das Jahr des Kohls. Davon haben sie besonders viele Sorten gesetzt. 2012 war die Bohne Gemüse des Jahres. Aus den schönsten Rezepten verfassten sie „das kleine Andernacher Bohnen-Kochbuch“. „Wiltruds Buttermilchsuppe mit Bohnen“ wird darin empfohlen. Der Grünkohl braucht noch seine Zeit. Aber so können sie auch in ein paar Monaten noch etwas ernten und ein großes Kohlfest feiern.

 
 

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