Der Tod steht ihr gut – Wie man eine Leiche richtig spielt

„Ich finde es cool, in ungewöhnliche Rollen zu schlüpfen. Wann ist man schon mal eine Leiche?“, sagt die 20-jährige Lehramtsstudentin Nelia Spieske.
„Ich finde es cool, in ungewöhnliche Rollen zu schlüpfen. Wann ist man schon mal eine Leiche?“, sagt die 20-jährige Lehramtsstudentin Nelia Spieske.
Foto: Volker Hartmann
Wie stellt man sich tot? Wie bekommt man Augen, die aussehen, als seien sie ohne Leben? Ein Besuch eines Workshops am Essener Grillo-Theater.

Essen.. Wenn ich wirklich tot wäre, hätte ich das Problem nicht: atmen. Warum musste ich mir aber auch die Haare quer über das Gesicht legen? Ich wollte mir damit ein heimliches Blinzeln ermöglichen. Jetzt kann ich zwar unbemerkt immerhin ein Auge zudrücken, aber mir wird warm unter den Haaren. Ich bekomme schlecht Luft. Durchatmen darf ich auf keinen Fall. Sonst sieht man, wie sich mein Bauch hebt, die Haare fliegen. Und das geht gar nicht. Bewegungen sind ein Tabu – als anständige Leiche.

Im Ballettsaal des Grillo-Theaters liegen fast 20 „Tote“: Jugendliche, Erwachsene, meist junge Frauen. Das Bein der einen wirkt unnatürlich verrenkt, wie nach einem Sturz aus dem Fenster. Bei der anderen berührt die Stirn den Boden – der Tod scheint sie von hinten überrascht zu haben. Dabei sind alle freiwillig „gestorben“. Sie wollen lernen, wie man künstlerisch wertvoll als Leiche auf der Bühne liegt.

Die Theaterpädagoginnen Katharina Feuerhake und Esther Aust haben zu diesem offenen Workshop eingeladen. Denn bei der Frankenstein-Inszenierung, die am 19. September Premiere in Essen feiert, spielen die Toten eine wichtige Rolle. Schließlich will der Wissenschaftler in Mary Shelleys Roman aus Leichenteilen einen neuen Menschen erschaffen. „Ich brauche eine neue Schulter“, sagt der 72-jährige Harald Rosanowski grinsend, als er ein abgerissenes Bein erblickt. Das Körperteil aus Styropor liegt auf der Grillo-Bühne. Das Bühnenbild durften sich die Teilnehmer vor dem „Praxis-Teil“ zur Einstimmung ansehen.

Harter Boden - trotzdem nicht rühren!

Im Ballettsaal sind wir erst vor wenigen Minuten zu Boden gegangen. Aber ich merke bereits jetzt an den Schulterblättern, wie hart er ist. Auch mein Hinterkopf beginnt zu schmerzen. Ein Kissen wäre schön. Oder zumindest die Haare als Polster. Aber das geht ja nicht, die liegen in meinem Gesicht und nehmen mir den Sauerstoff. Jetzt kitzelt auch noch eine Strähne meine Wange! Aber ich darf keinen Finger krumm machen. Kratzen ist ein Tabu – als anständige Leiche.

Auf der Theaterbühne hatten bereits die ersten Teilnehmer versucht, sich tot zu stellen. Sie legten sich in die „Kühlfächer“, in denen auch während der Vorstellung die Leichen zu sehen sind. Doch Theaterpädagogin Katharina Feuerhake sagt zu den einen, die es sich gemütlich gemacht haben: „Ihr seid eher so die chilligen Leichen.“ Und zu den anderen, deren Füße Richtung Zuschauerraum zeigen: „So erkennt man das nicht.“ Anders jedoch Luisa: Sie hat das regungslose Gesicht zum Publikum gewandt, die Augen weit aufgerissen. Die Zwölfjährige erzählt später: „Ich habe schon mal gesehen, dass jemand tot war und jemand anderes die Augen des Toten geschlossen hat.“

Wie lange kann man das Blinzeln vermeiden?

Wie lange kann ich ein Auge offen halten, ohne zu blinzeln? Damit sich meine Pupille bloß nicht bewegt, soll ich einen Punkt fixieren. Ich schaue auf einen Bügel, der an einer Kleiderstange hängt. So starre ich schön ins Leere. Habe ich jemals einen Toten gesehen? – schießt es mir durch den Kopf. Ich bräuchte nur täglich den Fernseher einzuschalten. Aber im wahren Leben wollte ich die verstorbenen Menschen, die mir nahestanden, lieber mit lebendigen Bildern in Erinnerung behalten. Ich muss an meine Großtante denken und lächeln. Nein, verflixt. Lächeln ist ein Tabu – als anständige Leiche.

„Mit Liebesfilmgedöns kann man mich jagen“, sagt Angelika Kroll. Auf ihrer schwarzen Strumpfhose sind weiße Skelettbeine gedruckt. „Ich habe schon als Kind mit meiner Oma immer ,Der Alte’ oder ,Derrick’ gesehen.“ Da konnte die 31-Jährige bereits erste Leichen „studieren“. Nun ist sie selbst eine: Beim begehrten Theater-Casting hat sie eine Rolle als Frankenstein-Leiche ergattert. Unter der Regie von Gustav Rueb wird sie zehn und noch mal 20 Minuten in Totenstarre verfallen. Viele Schauspieler wünschten sich, einmal im Leben eine Tatort-Leiche zu geben, erzählt Krolls Kollege Michael Hoch. Der 45-Jährige steht auch sonst auf der Bühne, etwa beim Essener Theater Courage. Aber ein Toter fehlte ihm im Repertoire. „Auch als Leiche kann man viel falsch machen“, sagt er und gibt einen Tipp fürs Leichenfach: „Wenn es kribbelt oder juckt, an etwas anderes denken.“ Zum Beispiel an den nächsten Einkaufszettel.

Nackt???

Während ihnen also die Tiefkühlpizza durch den Kopf geht, liegen die Theaterleichen sehr gerade wie in einem Sarg: „Wir sind ja Leichen, die wieder ausgegraben wurden“, erklärt Kroll. Auf dem Friedhof, bevor sie nackt in Frankensteins Kühlfach ausharren. Nackt? „Das ist nicht so schlimm“, wiegelt Kroll ab. Die anderen Leichen seien schließlich auch nackt. „Aber es ist verdammt kalt!“ Und noch etwas verrät die „Leiche“: „Ich wollte eigentlich Rechtsmedizinerin werden.“ Daraus wurde nichts. Heute arbeitet sie tagsüber beim Finanzamt in Düsseldorf.

Ich muss schlucken. Sieht man das? Mein Hals kratzt, ich werde gleich bestimmt. . . Aber Husten ist ein Tabu – als anständige Leiche.

Weitere Informationen zu den offenen Workshops: 0201/ 81 22 334.

Und zur Frankenstein-Inszenierung: www.schauspiel-essen.de

 
 

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