Der Mann erobert den Spielplatz

Hubert Wolf
Auch die Großväter sieht man auf dem Spielplatz.
Auch die Großväter sieht man auf dem Spielplatz.
Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Vor wenigen Jahren noch fielen sie regelrecht auf dem Spielplatz auf: Doch zunehmend bevölkern Väter und Großväter mit ihren Kindern und Enkeln die Grünflächen und Klettergerüste. Eine neue „Papa-Welle“ zwischen Rutsche und Schüppe.

Bochum. Meistens bestimmt ja, nun ja, Emma. Emma will rutschen, Sebastian hinterher, Emma will schaukeln, Sebastian immer hinterher. Später wird man Sebastian Gumpp sehen, wie er die Dreijährige auf ein Klettergerüst verfolgt, während Stefan Mollenhauer mit Aaliya (3) auf einer Art Trampolin-Band hüpft und Norbert Eberz entschlossen am Rad dreht – also, auf einem, auf dem juchzend seine Enkelin Leni (4) kreist. Wo sind wir denn gelandet? Auf der Männerdomäne Spielplatz.

Und wir reden jetzt nicht von den ausgewiesenen Männerspielplätzen, wo sie gegen Geld – mit Baggern oder Panzern lustvoll Dinge demolieren. Stichwort Kind im Manne. Sondern von jenen seltsamen Orten aus einem Paralleluniversum zur Arbeitswelt: Wo so genannte Wippen, Schaukeln und Klettergerüste beisammen stehen und Kinder sich austoben bis zur totalen Erschöpfung der Eltern. „Sie soll sich ruhig ausspielen“, sagt ein Benno, und ,ausspielen’ ist der allgemeinverständliche Geheimcode für: Dann schläft das kleine Monster heute Abend früher ein! Verständnisvolles Nicken allerorten.

Zwei Häppchen Sand in Babys Bauch

Auf diesen Plätzen war Mann vor, sagen wir, 20 Jahren zumindest an Werktagen noch der Exot, allein in der angenehmen Gesellschaft junger Frauen: Andere Kinder haben auch schöne Mütter. Heute sitzt Mann oft zwischen mehr oder weniger alten Vätern oder Großvätern, und manchmal weiß man es auch gar nicht so genau. „Spielt der Oppa schön mit dir?“, fragt ein fremder Rentner im Vorbeigehen kaltblütig ein kleines Mädchen; aber natürlich steht der Vater ganz entspannt darüber, was so ein Kretin sagt.

Sicher ist ,Männerdomäne Spielplatz’ ein ganz klein wenig zugespitzt, die eine oder andere Frau ist schon noch da. Aber augenfällig ist es doch: Die Väter hier sind deutlich mehr geworden, zumindest in Vierteln, in denen die Kinder Konrad oder Maximilian heißen, Helene, Elisabeth, Klara, Katharina, Sophia, Richard – sie haben quasi mit dem Taufschein die Gymnasialempfehlung in der Tasche. Und ihre Väter sind nicht nur mehr, sie sind auch anders. Als die Frauen, versteht sich. Frauen treffen sich gern zu Gruppen auf dem Spielplatz, sie trinken Kaffee, essen Kuchen und reden miteinander, und ab und zu schallt aus der Gruppe ein Lob oder ein Befehl über den Platz. Männer kommen allein oder sind mit der Frau da, aber NIE mit anderen Vätern. Sie lassen mehr zu als die Mütter, zwei Häppchen Sand in Babys Bauch sind schließlich kein Weltuntergang, sie assistieren mehr und loben weniger, zumindest nicht so laut, und sie sind auch nicht ganz so anspruchsvoll gegenüber dem Wetter: „Muss nur trocken sein“, sagt Norbert.

Jeder vierte Vater nimmt Elternzeit

Man kann diese Zunahme leicht erklären, nur ein paar ganz kurze Fakten, versprochen: 3,5 Prozent der Väter nahmen früher Erziehungsurlaub, heute nehmen 25 Prozent Elternzeit – und man will ja nicht nur zuhause sitzen. So viele sind das, dass Blogger schon das ,Spielplatzsyndrom’ als Männerkrankheit erkannt haben: Daran leidet, wer aus seinem Vatertum nicht mehr herauskommt, also zum Beispiel anderen Erwachsenen ein Lätzchen umbindet oder, ein besseres Beispiel: seine Frau abends im Bett fragt, ob sie sich die Zähne geputzt hat.

Nein, im Ernst jetzt: Es gebe heute „eine viel größere Präsenz stolzer Väter im öffentlichen Raum. Offenbar ist eine kritische Masse überschritten“, sagt der Väterforscher und Autor Thomas Gesterkamp („Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere“). Allerdings treffe diese „Papa-Welle“ auf „Institutionen fest in weiblicher Hand“. Einrichtungen wie das „Väterzentrum Berlin“, wo Väter mit Kindern tägliche Angebote vorfinden, gibt es noch kaum im Lande; Angebote sind das wie der „Große Preis vom Prenzlberg“, in dessen Mittelpunkt eine 27 Meter lange Carrerabahn steht – noch Fragen? Die Ruhrgebietsrealität ist aber die: dass der Elterntreffpunkt des Kinderschutzbundes in Bochum „Café Mama Mia“ heißt.

„Mama wartet“

Aber zurück auf den Spielplatz. Inzwischen ist Stefan zum Klettergerüst gewechselt, Norbert ans Trampolin, und Sebastian sitzt kurz auf der Bank. Ein anderer Mann versucht, die Enkelin mit dem Klassiker „Die Mama wartet“ vom Klettergerüst zu locken (bei Redaktionsschluss wartete Mama immer noch).

Im Hintergrund haben gerade in diesem Moment zwei Väter mit drei Kindern angefangen, Fußball zu spielen. Da stehen auch zwei Tore. Es gibt nämlich heute nicht mehr nur mehr Väter auf Spielplätzen, sondern auch mehr Tore.

Unklar ist, was zuerst da war.