Der Fall „Heulmeisje“: nach 40 Jahren noch kein Täter

Eine Gesichtsrekonstruktion zeigt, wie das „Heulmeisje“ ausgesehen haben könnte.
Eine Gesichtsrekonstruktion zeigt, wie das „Heulmeisje“ ausgesehen haben könnte.
Foto: Fremdbild
1976 ermordet, nie gesühnt: Der Fall des „Heulmeisjes“, der Kriminalbeamtenach Jahrzehnten noch beschäftigt. Spuren führen an Rhein und Ruhr.

Düsseldorf.. Cold Cases. Kalte Fälle. So nennen Kriminalpolizisten überall auf der Welt über Jahrzehnte ungeklärte Verbrechen. Wenn aber das Schicksal von Kindern ungewiss bleibt, dann lassen kalte Fälle keinen Fahnder wirklich kalt. Bis in die Pensionszeit hinein grübeln manche über die nicht mehr abgeschlossene Arbeit, sagt Frank Scheulen vom Landeskriminalamt in Düsseldorf.

563 Langzeit-Vermisste gibt es in Nordrhein-Westfalen. Unter ihnen sind 13 Jungen und Mädchen, die beim Verschwinden nicht einmal 14 Jahre alt waren. 20 Jahre ist das her wie bei Debbie Sassen in Düsseldorf und Tanja Mühlinghaus aus Wuppertal. Scheulen kann also gut nachvollziehen, warum das Cold Case Team der niederländischen Polizei in Utrecht in einem seiner geheimnisvollsten Vorgänge nicht locker lässt. Selbst das deutsche Bundeskriminalamt in Wiesbaden ordnet den einschlägigen Steckbrief noch auf Platz 25 der aktuellen Fahndungsliste ein.

Diesem Mord, der vor 40 Jahren geschah, ist ein junges Mädchen zum Opfer gefallen. Es war bei seinem Tod vielleicht erst 12 oder 13. Niemand kennt seinen Namen. Nur die Isotopen-Analyse seiner Knochen und Zähne geben ein paar Hinweise auf eine mögliche Herkunft. Wie kann jetzt noch, nach so langer Zeit, die Wahrheit über das Geschehen ans Licht kommen?

Ein Förster findet die Leiche

Es ist 1976. Die Autobahn A 12 führt aus dem Rhein-Ruhr-Raum über Arnheim und Utrecht direkt zur Nordsee. Zwischen beiden niederländischen Städten liegt in dieser Zeit beim Ort Maarsbergen und in Fahrtrichtung Deutschland der Parkplatz De Heul. Am 24. Oktober, einem Sonntag – in der alten Bundesrepublik hat Helmut Schmidt gerade die Wahl gewonnen und Schalke Bayern München mit 7:0 geschlagen – stößt ein Förster in dem bewaldeten Umfeld der Parkbuchten auf eine nackte, halb verweste weibliche Leiche. Sie liegt unter einer Blätterdecke. Nach dem Fundort erhält sie einen Namen. Heulmeisje.

Die Tote, ergeben Ermittlungen, war Teenager. Zwar kennen die Experten noch nicht die Möglichkeit des DNA-Tests. Die Wissenschaft ist noch nicht so weit. Aber hier, glauben sie, könnte es sich um Monique Jacobs aus dem Nachbarort Bilthoven handeln. 1975 ist die 18-Jährige aus ihrem Elternhaus verschwunden. Der Vermisstenfall, wenn auch ohne Spur zum Mörder, scheint abgeschlossen. Familie und Freunde werden von jetzt an 30 Jahre lang glauben, dass es Monique ist, die im Grab mit der Nummer 26 auf dem Kirchhof von Maarn ruht.

Wer ist nur das tote Heulmeisje?

„Irre Wendungen“ kann es in Vermisstensachen geben, versichert der Düsseldorfer LKA-Mann Scheulen. War es nicht so bei der Österreicherin Natascha Kampusch? Genau so irre ist, was 2006 bei Utrecht passiert. Die totgeglaubte Monique Jacobs lebt. Sie kommt mit dem Zug aus Deutschland, wo sie ein eigenes Leben geführt hat. Die Hintergründe für ihr langes Abtauchen sind familiärer Natur. Aber wer liegt im Grab 26? Wer, um Himmels Willen, ist das tote Heulmeisje?

Dreißig Jahre sind in der Kriminaltechnik eine lange Zeit. Abgleiche der Erbsubstanzen bei einem DNA-Test sind 2006 längst Standard. Man hat schon 1991 die letzten Stunden des Steinzeit-Jägers Ötzi nachvollzogen, man kennt die Isotopen-Untersuchung. In Utrecht und an der Uni in Amsterdam, wohin die Gebeine des Mordopfers von 1976 gebracht worden sind, erfahren Kriminalisten wie Wim Perlot und Forscher wie Gareth Davies bald mehr. Sie lesen in den Leichenteilen wie in einer Biografie. Einige Spuren werden nach NRW führen.

Die Tote, steht jetzt fest, war jünger als angenommen. Sie könnte zwischen 1960 und 1964 geboren sein. Sie war 1,60 Meter groß und schlank. Das erbringt die Epiphysen-Untersuchung der Knochen. Die junge Frau hatte zu Lebzeiten langes kastanienbraunes Haar und eine helle Haut. Im Labor verraten Zähne und Haare: Heulmeisje lebte in den ersten sieben Jahren irgendwo zwischen Eifel und Ruhrgebiet. Grundwasserspuren in der Leiche, teils vulkanisch, bestätigen das. Um 1975 herum muss ihr Leben eine heftige Wende erfahren haben. Viel weist auf einen längeren Aufenthalt in Osteuropa hin. Erst kurz vor ihrem Tod war sie wieder in Deutschland oder den Niederlanden. Es war eine Zeit, in der ihr Körper kaum Proteine und Fleisch erhielt.Vielleicht hat sie Hunger gelitten, mutmaßt Professor Davies. Die Zeichen für eine „extreme Armut“ könnten Folge einer Entführung gewesen sein. War Heulmeisje in der Hand der osteuropäischen Rotlicht-Mafia?

Die Verdächtigen müssen 70 oder 80 sein

In Deutschland und Holland haben die TV-Suchsendungen „xy ungelöst“ und „Obsporing Verzocht“ nicht nur einmal berichtet. Der Polizist Wim Perlot hat Zeugenaussagen sammeln können. Ein Autofahrer will zur möglichen Tatzeit die junge Frau und einen Begleiter als Anhalter mitgenommen und nahe der Fundstelle rausgelassen haben: „Sie sprachen deutsch“. Ein Taxifahrer erinnert sich an einen Fahrgast, der angetrunken war und Heulmeisje gekannt oder gar getötet haben will. Sie komme aus Essen, hat er gesagt. Und 2012 hat ein Informant hinterlegt, zwei Männer hätten den leblosen Körper weggeworfen. Sie seien damals 30 oder 40 Jahre alt gewesen. Diese Aussage hebt auch das BKA hervor. Heute müssen diese Verdächtigen 70 oder 80 sein.

In den Niederlanden ist die Tat verjährt

Es ist Mitte 2016, fast 40 Jahre nach dem sonntäglichen Fund des Försters. Keine der Spuren ist je richtig heiß geworden. In Utrecht spielen sie deshalb ihre vielleicht letzte Karte aus. Die niederländische Polizei gleicht in deutschen Dateien die DNA von Familien vermisster Kinder mit dem Erbgut der Leiche ab. Das ist im vereinten Europa eine rechtlich immer noch schwierige Sache. Sie ist nicht abgeschlossen. Das Landeskriminalamt bestätigt derzeit nur, in NRW sei kein Treffer erzielt worden. Vielleicht anderswo in Deutschland? Die verrinnende Zeit frisst gerade die Chancen. Aber Polizisten mögen es ja nicht, wenn Fälle mit Kindern ohne Aufklärung bleiben.

In den Niederlanden ist die Tat verjährt. In Deutschland verjährt Mord nicht. Die Jagd geht weiter.

 
 

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