Dortmund

Der erste Jahrmarkt der Ideen in der Dasa in Dortmund

Nicht nur Kinder basteln und erfinden neue Sachen auf dem Kreativfestival „Maker Faire Ruhr“.
Nicht nur Kinder basteln und erfinden neue Sachen auf dem Kreativfestival „Maker Faire Ruhr“.
Foto: Funke Foto Services
Erste Kreativ-Messe „Maker Faire Ruhr“: In Dortmund trafen sich experimentierfreudige Menschen. So nahmen ungewöhnliche Einfälle Gestalt an.

Dortmund. Wie ein „Nerd“ sieht Helmut Fritz nicht aus: kein Kapuzenpulli, keine langen Haare, keine Hochwasserhosen, keine sonstigen Merkmale, die dem Klischee entsprächen. Nein, Helmut Fritz, Pardon, Dr. Helmut Fritz, der weißhaarige Ingenieur, ist nicht der Typ, den unbedarfte Besucher auf einer „Maker Faire“ verorten würden.

Die Deutsche Arbeitswelt Ausstellung (DASA), hat am ersten März-Wochenende nach Dortmund geladen, der bunte blinkende surrende Technik-Zirkus der Maker-Szene hat angenommen. Über 200 Aussteller, unter ihnen Helmut Fritz, zeigen auf der ersten „Maker Faire Ruhr“ ihre Tüfteleien, Spielereien, Spinnereien. Anfassen, mitmachen, mitdenken ausdrücklich erwünscht. Dafür sorgen auch die begleitenden Workshops. Denn eine Maker Faire ist keine Messe der Produkte – sie ist vielmehr eine Messe der Ideen.

Vor Fritz auf dem Tisch steht, und das ist in diesem Umfeld wenig überraschend, ein Roboter. Die neben dem Tisch geparkte Konstruktion auf drei Rädern, von denen eines ein Fußball ist, wirft da mehr Fragen auf. Das Gefährt erinnert an das Gestell eines dreirädrigen Sportkinderwagens, nur ohne Aufbau. Herr Fritz – was ist das, was kann es, was soll das? Der Clou, so Fritz, sei das Vorderrad, der Fußball: sein „zweiachsiges Kugelrad“. Man kann damit normal geradeaus fahren, denn eine magnetische Achse hält den Ball in der Spur, aber, und das ist das Besondere, man kann auch spontan abdrehen. „Ohne, dass das Vorderrad sich schräg stellt und blockiert.“ Der Fußball sei noch nicht die optimale Lösung, gut geeignet vor allem für weichen Wiesenboden, weniger für Asphalt. Aber er arbeite daran. Und was sagt die Industrie dazu? Hersteller von Kinderwagen, oder noch besser: von Rollatoren? „Ich habe da mal angefragt. Die Reaktion war, nun ja, eher verhalten.“

Rollator-Lösung 2.0

Heute kann von verhaltener Reaktion keine Rede sein. Immer wieder bleiben Leute stehen, alte, junge, mittelalte, gucken erst ein wenig ratlos, und hören dann mit sichtbar wachsendem Interesse zu, was Fritz ihnen erklärt. Nicht jedes Projekt auf der Maker Faire ist so schnell zu begreifen wie diese Rollator-Lösung 2.0.

Hackerspaces, CAD-Konstruktion, CNC-Fräsen, FabLabs, 3D-Druck – das Vokabular der Szene ist gewöhnungsbedürftig. Doch die Kinder, die am Stand von nicai-systems Miniatur-Roboter basteln, stören sich nicht daran. Schließlich werden sie am Ende einen Verwandten von R2-D2 mit nach Hause nehmen. Den erstaunten Eltern bleibt nur zuzusehen, wie die lieben Kleinen Lötzinn erhitzen und winzige Drähte auf Platinen löten.

Die Mathematikerin Katja Bach ist bei nicai-systems fürs Didaktische zuständig, sie schreibt Anleitungen für die Bausätze und erstellt Online-Tutorials. Vor ihr auf dem Tisch folgt ein diensteifriger Roboter unbeirrbar einer verschachtelten Linie, bis er an einem roten Kreis angekommen ist. Dann wartet er eine Weile und fährt wieder zurück ans andere Ende der Linie, zu einem blauen Kreis.

Frau Bach, jetzt mal ehrlich: Kann so etwas wirklich jeder bauen? „Das Löten ist die einzige handwerkliche Grundvoraussetzung“, sagt Katja Bach. „Gestern war hier sogar eine Sechsjährige, die das schon hinbekommen hat.“ Aber wenn der Roboter fertig ist, muss man ihm doch auch noch etwas beibringen . . . Er fährt ja nicht einfach so von A nach B. „Das Programmieren ist gar nicht so schwer, das erklären wir in einem Tutorial.“ Und dann sei da ja auch noch die „Community“, die Fragen beantworte. Beispielprogramme gebe es zwar auch, die brauche man nur aufzuspielen, „aber das ist ja langweilig!“

Erst löten, dann programmieren

Recht hat sie, wenn selbst gelötet, dann auch selbst programmiert. Schließlich wird die Maker-Szene vom Geist des Selbermachens beherrscht. Und vom Geist des Upcyclings. Noch so ein Begriff – der aber nichts anderes bedeutet, als das man aus Altem Neues herstellt. Wie Schlüsselanhänger aus Kronkorken oder Gürtel aus Fahrradschläuchen.

Dieses „aus Alt mach Neu“ setzt eine Untergruppe der Maker-Bewegung auf besonders skurrile Weise um – die Steampunker. Sie sind für Außenstehende wohl am schwersten einzuordnen: Männer mit Zylinder und Weste, Frauen in Korsett und Vokuhila-Volantrock. Die Maschinen, die sie vorführen, könnten einer Kooperation von Leonardo da Vinci und Lewis Carroll entstammen. Computer im Messinggewand, lasersprühende Musikapparate, Lampen in Glaszylindern. „Morgen bin ich übrigens im Baumarkt“, sagt eine Besucherin zu ihrem Begleiter. „Diese Lampe muss ich unbedingt nachbauen.“ Eine neue Makerin ist am Start.

Die Faszination für das Selbstgemachte

Aber woher kommt diese Faszination für das Selbstgemachte? Wozu eine Lampe basteln, die man nirgendwo bestellen könnte, wozu einen Roboterbausatz in stundenlanger Frickelei zusammensetzen und programmieren, wenn man den Roboter auch fix und fertig kaufen könnte?

Geht es vielleicht darum, sich in einer immer komplexer werdenden Welt etwas zurückzuerobern? Fest steht: Dadurch, dass die Maker ihre Ideen mit anderen teilen, lassen sich diese viel schneller weiterentwickeln, als das einer kleinen abgeschotteten Labormannschaft oder gar einem Einzelkämpfer möglich wäre.

Auch Helmut Fritz hat diese Erfahrung gemacht. Die Suche nach der perfekten Bereifung für sein Kugelrad könnte bald beendet sein: „Ein großer Reifenhersteller scheint da gerade etwas ganz Neues entwickelt zu haben . . .“, sagt Fritz. Der Hinweis kam von einem anderen Maker.

 
 

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