Davon träumt der scheue Morten Harket

Katja Schwemmers
Seit den 80er-Jahren ununterbrochen im Scheinwerferlicht: Morten Harket.
Seit den 80er-Jahren ununterbrochen im Scheinwerferlicht: Morten Harket.
Foto: Lars Heidrich
Morten Harket, einst Sänger bei A-ha, ist nun solo unterwegs. Uns erzählte er von seiner Familie, seiner Jugend am Seziertisch des Vaters, seinen frühen Tagträumen und warum er in Norwegen nicht freiwillig in einem Restaurant zu Abend essen möchte.

Oslo. Morten Harket ist der berühmteste Popmusik-Export Norwegens. Mit seiner Ex-Band A-ha schrieb der heute 54-Jährige Musikgeschichte, mit seinem zweiten Soloalbum namens „Brother“ will er sich allein behaupten. Wir haben den Sänger mit der Ausnahmestimme bei einem Fernsehkonzert in Oslo besucht. Und im Publikum sahen ihm einige Menschen ganz schön ähnlich! Ein Gespräch über seine Familie, Sammlerleidenschaften und seine Anfänge in der Pathologie.

Herr Harket, fühlt es sich anders an, in Ihrer Heimat Norwegen aufzutreten?

Morten Harket: Schon. Denn es ist sonderbar, in Norwegen Englisch zu sprechen, weil das Publikum überwiegend aus Landsmännern und -frauen besteht. Aber auch mit A-ha waren wir immer und konsequent eine englischsprechende Band. Das hat sich für mich als Solokünstler nicht geändert.

Ihre halbe Verwandtschaft war bei Ihrem Gig zugegen. Ist das immer so?

Harket: Zwei meiner Brüder und meine Schwester waren heute da, ja. Wenn ich in Oslo auftrete, schauen sie gern vorbei. Wenn ich in anderen Städten in Norwegen unterwegs bin, bevorzugen sie einen Trip ins Ausland. Sie benutzen Konzerte von mir gern als Vorwand, fremde Orte kennenzulernen.

Ihre beiden Brüder sehen Ihnen recht ähnlich. Arbeiten die auch kreativ?

Harket: Ja, eigentlich alle. Mein älterer Bruder Håkon ist Autor und Verleger – der sieht mir wie aus dem Gesicht geschnitten aus, oder? Kjetil ist der jüngere, und er stellt erstklassige Möbel her.

Handelt Ihr neues Album „Brother“ also von ihnen?

Harket: Nicht konkret, das muss man spiritueller betrachten. Es geht um Brüderschaft als solches. Es geht darum, die Integrität jedes Einzelnen zu respektieren. Brüder können aber auch Gorillas sein, wenn man mal von dem Ursprung ausgeht. Wie jedes Lebewesen verdienen auch die Respekt und müssen ausleben dürfen, was sie sind.

Ihren Vater habe ich vorhin kennengelernt. Der scheint ein Gentleman zu sein!

Harket: Das ist er. Wir haben eine tolle Beziehung. Er hat was auf dem Kasten: Er ist Doktor für innere Medizin und Pathologie.

Haben Sie ihm jemals assistiert?

Harket: Indem ich gestorben bin? (lacht) Nein, mal im Ernst: Ich bin ihm tatsächlich schon zur Hand gegangen. Als Kind war ich oft in der Pathologie. Ich habe Herzen abgetrennt von Eingeweiden.

Was haben Sie?

Harket: Na ja, das Herz war schon dem Körper entnommen. Es lag da für sich auf dem Tisch. Ich habe nicht an Personen rumgeschnitten, sondern nur an Organen. Als Sohn eines Pathologen kriegt man einiges mit. Es lagen oft Körperteile rum, wenn ich meinen Vater besuchte. Die waren dann Teil einer Obduktion.

Und das hat keine bleibenden Schäden bei Ihnen hinterlassen?

Harket: Es war keine Horrorshow, auch wenn ich verstehe, dass das auf Leute abstoßend wirken kann. Das Unbekannte hatte auch für mich etwas Beängstigendes, aber gleichzeitig war ich unglaublich neugierig und interessiert. Das liegt mir wohl im Blut, dank meines Vaters.

Also könnte man sagen: vom Herzensschneider zum Herzensbrecher?

Harket: (lacht) Ja, so ungefähr. Wobei ich Ersteres weniger als symbolischen Akt betrachte. Das Herz ist ein funktioneller, pumpender Muskel. Es kann vom Körper abgetrennt werden wie ein Finger oder ein Bizeps. Und dann gibt es da noch das andere Herz, was in Verbindung steht mit unserem emotionalen, spirituellen Ich. Das gibt es in meiner Musik. Nur wenn sie Herz hat, kann sie Menschen berühren.

Wenn ich einen früheren Lehrer von Ihnen treffen würde, was würde der mir über den Schüler Morten erzählen?

Harket: Dass er die Schule stets langweilig fand! Es fiel mir schwer, mich auf das zu konzentrieren, was vor sich ging. Mein Kopf war meistens irgendwo anders.

Sie waren wohl eher der Tagträumer!

Harket: Das auch. Ich habe selbst Recherchen betrieben, wie die Dinge so funktionieren. Die Schule lief nebenbei.

Konnten Sie Frauen beeindrucken mit dieser Einstellung?

Harket: Da müssen Sie die Frauen fragen.

Aber im Sportunterricht waren Sie doch bestimmt der Hammer, oder?

Harket: Nicht wirklich. Ich habe damals lieber Schmetterlinge gefangen!

Sie haben Schmetterlinge getötet?

Harket: Ich habe nicht gesagt, dass ich ihnen eine Stecknadel in den Körper gerammt habe. Ich habe sie nur gefangen. Nun ja, zumindest am Anfang war es so. Irgendwann habe ich sie dann tatsächlich auch gesammelt. Das war, als ich 12 bis 16 Jahre alt war, das ist lange her.

Trifft man Sie in Norwegen in Kneipen oder Restaurants?

Harket: Nein, da wäre nichts, was mich interessiert. Ich muss keine Leute treffen, die sich fragen, wie es mir gerade geht. Ich will einfach nur ich sein. Das kann ich nicht, wenn alle sich in meiner Gegenwart merkwürdig verhalten, weil ich ein Objekt der Schaulust bin. Ich bin für die Leute nicht irgendjemand, sondern eine Abwechslung in ihrem Alltag.

Aber Sie wären gerne nur irgendjemand?

Harket: Ich bin nur irgendjemand! Das ist es, was ich bin. Der normale Typ aus der Menge. Deshalb ist ein Restaurant kein Ort für mich, um zu Abend zu essen. Aus demselben Grund geht es übrigens Tieren in den meisten Zoos nicht gut. Ihre Integrität sollte genauso akzeptiert werden wie meine und die von allen anderen Menschen.

  • Morten Harket: Brother (Starwatch Entertainment/Sony Music, ab 11.4.) Konzerte: 6.5., Köln, E-Werk. Karten in den Leserläden Ihrer Zeitung, unter 0201/804-6060 und bei www.ruhrticket.de