Das Ufo schwebte herbei, nur sein Designer blieb fern

Schon von Weitem imposant: der Lüntec-Tower mit dem Colani-Ei.
Schon von Weitem imposant: der Lüntec-Tower mit dem Colani-Ei.
Foto: Lars Heidrich
Die Halde Achenbach hat zu ihren Füßen das Colani-Ei. Es mutet an wie ein Raumschiff, das auf einem Fördergerüst gelandet ist. Hier siedelt Hightech.

Lünen. Als grüne, waldig schattige Bergehalde hat man es schwer, so richtig, richtig schwer, die Blicke auf sich zu ziehen. Selbst wenn sich die Fußgängerwege aus der Luft betrachtet auf den Hängen entlangschlängeln wie Kornkreise. Aber was kann das schon an Aufmerksamkeit bringen, wenn gleich in der Nachbarschaft ein Ufo niedergegangen ist? Ein Ufo! Nicht in Roswell. In Lünen-Brambauer! Der außerirdische Ellipsoid thront schon seit über 20 Jahren auf dem Förderturm der ehemaligen Zeche Minister Achenbach.

Vor Ort geht man sehr gelassen mit dieser großartigen und einmaligen Absonderlichkeit um, ganz typisch für’s Ruhrgebiet: Man hat etwas ganz Tolles – und die meisten betrachten es bescheiden als etwas ganz Selbstverständliches. Dabei ließe sich anhand des Schachts IV der Zeche Minister Achenbach, anhand ihrer Schließung und der Umwidmung zum Technologiezentrum Lüntec recht trefflich eine Geschichte von Strukturwandel, von Ernüchterung und Hoffnung, von Enttäuschung und Erfolg erzählen.

Deutschland im Colani-Fieber

Es wäre zwar eine hanebüchene Verzerrung der Tatsachen, zu behaupten, dass zwischen 1918, als Schacht IV abgeteuft wurde, und dem Ende der Förderung im Sommer 1991 hier alles seinen ganz normalen Bergbaugang gegangen sei. Allerdings setzt die eigentliche Wandelgeschichte, wie so oft bei den Landmarken des Reviers, erst mit dem Ende des Bergbaus ein. Damals wurde das Technologiezentrum Lüntec zur Internationalen Bauausstellung Emscherpark angemeldet, denn man musste ja etwas machen mit dem großen Gelände. Und da ohnehin in Lünen schon alles im Wandel war, sprachen im Jahr darauf Wirtschaftsvertreter auf einer Messe in Dortmund den Stardesigner Luigi Colani an, der sich für das Projekt erwärmen konnte. Es waren die frühen 90er-Jahre, Deutschland befand sich eh im Colani-Fieber, der Meister der fließenden Formen legte Hand an beinahe alles: Computergehäuse, Mineralwasserflaschen, Kameras, Flugzeuge, Lkw-Karosserien.

Und nicht zuletzt eben auch jenen Lüntec-Tower, der von der Bevölkerung wahlweise Ufo oder Colani-Ei genannt wird. Der Designer entwarf die Skizze für den Ellipsoiden, der auf das Fördergerüst sollte – und als er schon dabei war, schmiedete er für Lünen noch weitere große Pläne. 1994 sollte auch das Colani-Design-Centrum auf der Zeche Minister Achenbach einziehen, der Schöpfer selbst wollte in seinem Ufo über dem Gelände sein Büro beziehen. Doch als am 3. Mai 1995 endlich der fertig konstruierte, 110 Tonnen schwere Trumm an einem Kran mit der sensationellen Geschwindigkeit von 5,5 Metern pro Minute auf das Fördergerüst zu schwebte, um dort oben seinen endgültigen Landeplatz zu finden, fehlte Colani. Ebenso als eine Woche später Wirtschaftsminister Günter Einert das Colani-Design-Centrum eröffnete. Der Meister selbst beschäftigte sich zu dieser Zeit angeblich damit, eine Stadt in China zu entwerfen.

Impulse kamen auch so in die Stadt

„Zu sehen ist noch das Tor, an dem der Colani-Truck damals an die Schachthalle andocken sollte“, sagt Heiko Gelesch, Betriebsleiter des Lüntec Technologiezentrums. „Es ging damals nicht immer harmonisch zu“, weiß er zu berichten, auch wenn er selbst noch nicht dabei war. Dass der Heilsbringer Colani nicht kam, führte zur ein oder anderen Ernüchterung, denn allein der Name hätte Impulse in die Stadt gebracht, die so ausblieben.

Doch genau dies war andererseits Ansporn, das Technologiezentrum trotzdem zum Erfolg zu führen. Allein in den folgenden sechs Jahren siedelten sich dort fast 40 Unternehmen mit 140 Mitarbeitern an. Heute sieht die Bilanz noch besser aus. Gelesch: „Zurzeit haben wir 50 Mieter hier, die 250 Mitarbeiter beschäftigen. Für die versuchen wir die optimalen Bedingungen anzubieten, damit die sich um ihr Business kümmern können. Wir versuchen, ihnen möglichst viel von dem abzunehmen, was sonst Vermieter nicht tun. Das geht von der Stellung eines Kopierers, Organisation von Reinigungstätigkeiten, Veranstaltungen für die Mieter organisieren.“ IT-Unternehmen residieren hier, Beratungsfirmen für die Gesundheitsbranche und die Recyclingwirtschaft.

Wie die Brücke eines Raumschiffs

Und natürlich kümmert man sich um das Ufo: Nachdem in den 90ern eine Werbeagentur ins Raumschiff-Ambiente gezogen war, wird es heute als perfekt durchgestylte Business-Lounge genutzt, mit den bunten Designer-Sitzmöbeln und den elliptischen Fenstern kann man sich im Inneren wie auf der Brücke eines Sternenkreuzers fühlen – und hat dabei eine großartige Aussicht auf die Halde Minister Achenbach IV.

Die ist allerdings, das muss man zugeben, selbst recht bescheiden und unspektakulär, bewaldet mit Sichtschneisen, auf das Ufo und auf das Kraftwerk, das am anderen Ufer des Datteln-Hamm-Kanals liegt. Dennoch ist sie ein guter Ort, ganz schnell aus dem Alltag zu entfliehen, denn gerade die Tatsache, dass man nur an manchen Punkten in die Ferne blicken kann, entrückt den Spaziergänger schnell von anderen weltlichen Dingen. Und die Vegetation sprießt, am Fuß hat ein Imker seine Bienenstöcke platziert, so dass es sogar regelmäßig Achenbacher Honig geben dürfte.

So liegen industrielles Erbe, zurückeroberte Natur, Hightech und Existenzgründung in Lünen ganz dicht nebeneinander. Die ehemaligen Zechengebäude sind in der Substanz erhalten geblieben und perfekt in Schuss, moderne architektonische Elemente und Infrastruktur vereinen sich mit den hübschen späten Gründerzeit-Bauten. Und auch der schwarze Kubus, ein hochmodernes, preisgekröntes Bürogebäude, das erst vor einigen Jahren gebaut wurde, fügt sich ein. Manchmal muss man eben auf dem Weg in die Zukunft einfach ein Stück Geschichte mitnehmen.

 
 

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