Das tägliche Rennen der Fahrradkuriere gegen die Uhr

Mit mehr als 40 km/h fährt Daniel Hermey oft durch die Essener City.
Mit mehr als 40 km/h fährt Daniel Hermey oft durch die Essener City.
Foto: Volker Hartmann
Dokumente, Medikamente, Herzklappen: Wenn es um Schnelligkeit in der City geht, sind Fahrradkuriere unschlagbar. Doch im Verkehr lauert die Gefahr.

Essen.. Wenn auf der Straße für alle anderen lange schon nichts mehr geht, schlägt die große Stunde von Daniel Hermey: Wenn der Verkehr in Essen sich mal wieder bis zur Unerträglichkeit staut, kommt niemand schneller von einem Ort zum anderen als der Fahrradkurier. Und selbst im normalen Innenstadtverkehr hängt er alle ab. Im Rucksack des 38-jährigen kann dabei alles Erdenkliche stecken, von Gewebeproben, die dringend vom Krankenhaus zur Analyse ins Labor transportiert werden müssen, bis hin zum Einkauf für eine fußschwache Rentnerin. Ein Minutenjob, den diejenigen in Anspruch nehmen, für die es schnell gehen muss: „Wir sind immer darum bemüht, innerhalb von 20 Minuten beim Auftraggeber zu sein, um die Sendung abzuholen. So dass wir sie dann in 40 Minuten, maximal in einer Stunde abliefern können“, sagt Hermey.

Der Hauch von Gefahr und Abenteuer, der bei diesem Großstadt-Job immer mitschwingt, haftet dem Essener an, der die Kette seines Fahrradschlosses als Gürtel trägt. Er versteht es, im Verkehr Lücken zu nutzen und die Wege zu fahren, an die Autofahrer nicht sofort denken würden. Dabei kann es passieren, dass die Wagen drängeln, unverhofft ausscheren – und den Radler, der auch keine geringe Geschwindigkeit drauf hat, übersehen.

Man müsste an drei, vier Orten gleichzeitig sein

„Dieser Job ist potenziell lebensgefährlich. Das Extremste daran sind die Autofahrer, die einen nicht als vollwertigen Verkehrsteilnehmer wahrnehmen. Sie sind oft sehr rücksichtslos oder wissen meist gar nicht, was sie da machen. Wenn sie zum Beispiel mit 15 Zentimetern Abstand und ihren anderthalb Tonnen Gewicht bei über 30 Sachen an einem vorbeischießen. Aber das passiert an einem Arbeitstag eben drei-, viermal – aber irgendwann ist man da ein bisschen abgestumpft.“

Fahrradkurier ist genau wie Taxifahrer ein Geschäft mit Stoßzeiten. Es kann sein, dass eine Stunde lang kein einziger Auftrag reinkommt. Und im nächsten Moment überschlagen sich die Anfragen. In solchen Augenblicken kommt selbst für einen Routinier wie Hermey, der seit neun Jahren professionell für „Die Kuriere“ aus Essen im Sattel sitzt, ein wenig Stress auf. „Wenn gegen 14 Uhr die Mittagspausen vorbei sind, wird von allen Seiten bei uns hektisch angerufen – und wir müssten dann im Prinzip an drei, vier Orten gleichzeitig sein.“

Freudenfracht fürs horizontale Gewerbe

Heute, während wir Hermey begleiten, ist es vergleichsweise ruhig, er holt von einer Apotheke ein Medikament für eine Patientin ab, die nicht selbst erscheinen kann. An manchen Tagen aber kommen dann mitunter schon mal ganz beachtliche Kilometerzahlen zusammen, Hermey hat schon innerhalb von fünf Stunden 120 Kilometer zurückgelegt, inklusive Abholen und Ausliefern, versteht sich. Dass dabei an einem heißen Sommertag wie diesem auch ordentlich Flüssigkeit verbraucht wird, versteht sich von selbst. Oft hat er nur etwas Wasser dabei, aber: „Mein Rekord sind sechs Erdinger alkoholfrei“, erzählt der Fahrer, auch Malzbier gehe gut, weil man bei solchen Leistungen auch auf den Blutzuckerspiegel achten muss. Klingt ganz schön sportlich, aber Hermey widerspricht: „Ich persönlich sehe mich gar nicht als so sportlich an, ich bin eher das Couch-Potato unter den Fahrradkurieren. Eine gewisse Grundfitness muss man natürlich mitbringen – und den Willen, sich mal ordentlich auszupowern.“

Manche Fahrten sind kurios: „Meine skurrilste Fahrt habe ich für eine Apotheke erledigt, und die Zieladresse war ein Etablissement des horizontalen Gewerbes.“ Im Gegensatz zu solcher Freudenfracht kann es allerdings auch vorkommen, dass man zum Überbringer schlechter Nachrichten wird, teils mit traurigem Anstrich: „In der Vorweihnachtszeit hat einer unserer Kuriere jemandem die Kündigung aushändigen müssen. Derjenige war offensichtlich gerade von Toys’R’Us gekommen und hatte Weihnachtsgeschenke fürs Kind gekauft.“ Solche Momente können einem Fahrradkurier natürlich schon nahegehen, aber auch das gehört zum Job. Genau wie der Transport einer Herzklappe, die für eine Operation benötigt wurde. Gerade in solchen Momenten kommt es auf Sekunden an, das wissen auch die Kuriere. Hier treten sie noch einmal ordentlich ins Pedal. Für „normale“ Auslieferungen gilt, dass sie auch schon mal sieben bis zehn Minuten früher oder später ankommen können – eine Spanne, mit der die Kunden meist gut leben können, denn schneller bekommen sie’s nirgendwoher geliefert.

Draußen bei Wind und Wetter

Auch gute Vorbereitung gehört zum Job: „Morgens, direkt nach dem Kaffeeaufsetzen, checke ich die Wetterberichte, damit ich weiß: Welche Klamotten brauche ich heute? Muss ich eine Regenjacke einstecken? Brauche ich Sonnencreme? Die Sonnenbrille?“ Schließlich radelt Hermey, auf dessen Brust nach ein paar Kilometern durch die Sonne an diesem heißen Spätsommertag doch auch ein paar Schweißperlen glänzen, bei Wind und Wetter, Regen und Schnee. Und so weiß er auch, dass die Autos nicht die einzige Gefahr für ihn bergen: „Einen richtigen Unfall hatte ich noch nie – aber ich bin schon heftig auf Glatteis ausgerutscht.“

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