Das Ruhrgebiet hat seinen eigenen Vulkan mit Gleisanschluss

Georg Howahl
Vom gewaltigen Panorama des Vulkanplateaus, vor dem Amtsleiterin Sabine Brinkmann und Ulrich Ostrawsky (RAG MI) hier stehen, können wir nur einen Ausschnitt zeigen.
Vom gewaltigen Panorama des Vulkanplateaus, vor dem Amtsleiterin Sabine Brinkmann und Ulrich Ostrawsky (RAG MI) hier stehen, können wir nur einen Ausschnitt zeigen.
Foto: Jakob Studnar
Die Mottbruchhalde ist fast zwei Jahrzehnte als Landschaftskunstwerk aufgeschüttet worden – und wird bald Anziehungspunkt auch für Freizeitsucher.

Wer auf die Mottbruchhalde steigt, tritt die Kunst mit Füßen. Und das ist jetzt gar keine bösartige Unterstellung. Oder etwas, weshalb man gar ein schlechtes Gewissen bekommen sollte. Vielmehr darf das Treten durchaus wörtlich genommen werden. Denn was da so unter den Sohlen knirscht und knarzt, oben auf dem Gipfel, das ist Kunst. Und gleich so viel davon. Denn Mottbruch unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von allen anderen Halden, die man im Ruhrgebiet findet: Sie wurde gleich als Landschaftsbauwerk geplant und umgesetzt. „Im Rahmen der IBA Emscherpark gab es in den 90er-Jahren das Thema ,Halden im Wandel’. Damals gab es ein erstes Gestaltungsprinzip für die Mottbruchhalde, sie sollte geformt werden zu einem Vulkan. Und ab 1996 ist sie auch als Vulkan geschüttet worden“, sagt Sabine Brinkmann, Leiterin des Ingenieuramts Gladbeck.

Ein Vulkan, der stetig wuchs, denn auf Mottbruch wurde lange und viel geschüttet. Bis zu 10 000 Tonnen pro Tag wurden dort aufgetürmt – und das bis zum Jahr 2013. Da war erst das Schüttungsende für den Vulkan mit Gleisanschluss. Um solche gewaltige Mengen zur Halde zu transportieren, lohnte sich schon eine Bedienung der Halde per Zug. Davon zeugen natürlich die eisernen Adern, die auf das ehemalige Betriebsgelände führen. Aber noch imposanter ist der Verladeturm mit seiner Rampe an der Ostflanke. Hier wurde das Bergematerial erst hoch gefahren in ein Silo, bevor die gewaltigen Kipper damit gefüllt wurden und ihre Last nach oben brachten.

Gewaltiges Areal

Das alles ist noch nicht so lange her – und das ist auch der Grund, warum Mottbruch heute noch nicht frei fürs Publikum ist: Das gewaltige Areal steht zurzeit noch unter Bergaufsicht, es gehört der RAG. „Dadurch ist die Fläche nicht öffentlich zugänglich, bis wir hier fertig sind. Eine grundsätzliche Öffnung geht nicht vor Beendigung der Bergaufsicht“, sagt Ulrich Ostrawsky von der RAG-Tochter Montan Immobilien. Das Abschlussverfahren läuft jedoch, man muss sich eben noch um Fragen der Wasserführung, der Wege-Gestaltung und der Instandsetzung kümmern. „Auch das Thema Staub wird dabei nicht zu kurz kommen, denn wenn hier zwei Tage die Sonne drauf steht und der Wind geht, dann haben wir hier schon Staubfahnen“, sagt Ostrawsky.

Dabei hat man in Gladbeck schon große Pläne mit Mottbruch, die Halde ist das Herzstück der Gladbecker „Haldenlandschaften“, die gemeinsam mit denn Halden 19 und 22 sowie den beiden Moltke-Halden zu einem gewaltigen Freizeitareal werden soll, das man auch schon liebevoll die „Braucker Alpen“ nennt. Es geht insgesamt um 1,3 Millionen Quadratmeter, eine Fläche von umgerechnet 188 Fußballplätzen. Sie sollen so gestaltet werden, dass die Halden durch Brücken oder eventuell gar durch eine Seilbahn verbunden sind, möglichst barrierefrei, so dass die Bürger die Areale am Stück nutzen können. Vor kurzem erst hat die Stadt Gladbeck gemeinsam mit den Haldenbesitzern RAG und dem Regionalverband Ruhr (RVR) das sogenannte Werkstattverfahren abgeschlossen, bei dem vier Planungsbüros Ideen entwickelt haben, gerade wurde es auch dem Rat vorgestellt.

Womöglich das größte Kunstwerk des Landes

„Dabei gab es keine Konkurrenz zwischen den Büros, sondern wir haben gesagt: Wir haben einen riesigen Planungsraum – und wir möchten nicht vier Entwürfe haben, sondern wir möchten einen einzigen. Aber in diesem einen Entwurf möchten wir alle Fachdisziplinen vereint wissen“, so Sabine Brinkmann. Landschaftsplanung, Landschaftspflege, Städtebau, auch Marketing und Tourismus sollten einbezogen sein. Und bei einem solchen Verfahren kann auch herauskommen, dass man für manche Dinge wie den Gipfel der Mottbruchhalde nicht unbedingt große neue Ziele formuliert: „Ich kann schon mal ein Ergebnis vorwegnehmen: Es wird da keine großen Hallen und Kunstwerke drauf geben“, so Brinkmann. Eben weil der Haldengipfel mit seinem schwarzen Kegel und den freien Flanken selbst schon als Kunstwerk konzipiert wurde. Von der Fläche her mit 62 Hektar ist Mottbruch gewaltig. „Wenn man die gesamten Schüttmengen zu Grunde legt, möglicherweise das größte Kunstwerk des Landes“, befindet die Künstlerin Billie Erlenkamp, die am Werkstattverfahren teilgenommen hat.

Die Gestaltung der Mottbruchhalde gehört auch zu den Projekten, mit denen sich der RVR für die Durchführung der Internationalen Gartenschau 2027 beworben hat. Und schlecht stehen die Chancen nicht, bisher ist das Ruhrgebiet schließlich der einzige Bewerber – und es stehen hübsche Fördergelder für einen großen Umbau in Aussicht. Erlenkamp schreibt dazu: „In Gladbeck könnten Besucher der Internationalen Gartenschau IGA 2027 in einer inszenierten Landschaft nachvollziehen, wie zukunftsorientiert diese Region mit Bergbaunachfolgelandschaften umgegangen ist bzw. umgeht: Kreativ, innovativ, ökologisch, bürgernah, visionär.“

Überwältigende Aussicht

Kreativ heißt in diesem Falle, dass man mehr tut, als aus der Not eine Tugend zu machen. Schon bei der Schüttung von Mottbruch war allerdings unerwartet Kreativität gefragt: „Irgendwann hat man festgestellt: Es fehlte ein bisschen an Schüttmaterial. Und deshalb hat man es so gehalten, dass man das Plateau zehn Meter niedriger angelegt hat als ursprünglich geplant. Die Gestaltung im Wesentlichen ist aber beibehalten werden.“ Immerhin: Das Vulkanplateau mit seiner Nord-Süd-Sichtachse bringt es immer noch auf 98 Meter ü. N. N., die Kegel liegen noch einmal 20 Meter höher. Wer hier oben steht, fühlt sich wie auf einem anderen Planeten, der Eindruck von Größe und Verlassenheit wird höchstens vom Wind ein wenig verweht. Wobei der natürlich auf den Kegeln noch einmal mit einer viel gewaltigeren Wucht weht. Die Aussicht von diesem Punkt aus ist überwältigend – der Gipfel überragt ja sogar den Gasometer Oberhausen, wenn auch nur um einen halben Meter.

Was man hier oben an Freizeitgestaltung machen könnte, regt die Fantasie an. Sabine Brinkmann beginnt spontan, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, vom Sandboarden in Costa Rica zu schwärmen, das theoretisch am Rücken der Gipfelkegel auch möglich wäre. Aber das ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Genau wie die mögliche Zuwegung der Halde zur Freizeitstätte Wittringen, die malerisch bewaldet gelegen ist – und im Prinzip nur zehn Minuten zu Fuß entfernt liegt.

Gladbeck hat also noch große Pläne mit seinen Halden. Und Mottbruch wird der zentrale Teil dieser Pläne sein. Sobald der Vulkan aus der Bergaufsicht entlassen ist. Und eines kann man jetzt schon vorhersagen: Sobald der Ruhr-Vulkan offiziell freigegeben ist, werden auch die Bürger kommen – gewiss nicht nur aus Gladbeck.