Das Geleucht in Moers – Der Leuchtturm des Ruhrgebiets

Maren Schürmann
Die Aussicht als Belohnung: Die Autos überqueren den Rhein über die A42-Brücke. Daneben: die alte Haus-Knipp-Eisenbahnbrücke.
Die Aussicht als Belohnung: Die Autos überqueren den Rhein über die A42-Brücke. Daneben: die alte Haus-Knipp-Eisenbahnbrücke.
Foto: FUNKE Foto Services
Neue Serie über die Halden: Der Geleuchtwart auf Rheinpreußen zeigt den Menschen die größte Grubenlampe. Schon so manche Liebe ist dort oben entfacht.

Moers. Ein Poltern auf der Treppe: Eins, zwei, drei, ... zehn Feuerwehrmänner mit Pressluftflaschen auf dem Rücken stürmen auf die Aussichtsplattform. Was machen sie hier? Auf dem „Geleucht“, der begehbaren Grubenlampe, die so groß ist, dass sie einem Riesen gehören könnte. Brennt es? Nirgends ist ein Feuer zu sehen. Nur Brand, Karl Brand. Denn der 65-Jährige ist der „Geleuchtwart“.

Der Titel führt in die Irre. Denn Brand wartet lediglich auf Neugierige. Auch zündet er das Licht nicht an, in der 30 Meter hohen Lampe. „Das macht ein Automat.“ Brand nennt sich daher lieber: „Ansprechpartner für Besucher“. Klingt nicht so geheimnisvoll, aber die Menschen entdecken gerne mit ihm die Geheimnisse auf der Halde Rheinpreußen in Moers. Sie schauen zum Horizont – und werden dabei ganz ruhig.

Schornsteine und Kühltürme tupfen weißen Qualm an den blauen Himmel. Durch das viele Baumgrün schlängelt sich der Rhein. Und am Fuß des bis 1990 aufgeschütteten Tafelberges schwimmt ein Ruderboot auf dem schimmernden Waldsee.

„Niederrhein Guide“ steht auf Brands Kappe. Er führt auch Wanderungen über die Halde an, etwa bei Vollmond. Unter Tage hat er nie gearbeitet. Tischler war er, später hat er Küchen verkauft. Eines Tages, als noch keiner an das Halden-Kunstwerk dachte, fand Brand einen Stein mit fossilen Farnblättern. „Das war alles schon mal an der Erdoberfläche“, erinnert er an die Entstehung von Kohle. Brands Interesse für den Bergbau war geweckt. Er griff zu, als man einen ehrenamtlichen Hüter der größten Grubenlampe suchte. Auch über das Geröll aus den Stollen weiß er zu berichten, wie es zu hässlichen Hügeln aufgetürmt wurde und sich in attraktive Ausflugsziele verwandelte.

RWE-Turm so klein wie ein Stecknadelkopf

Spaziergänger machen Fotos vom Geleucht. Ein Jogger läuft schwitzend die Halde hinauf. Kinder brausen jauchzend mit Rädern den Weg hinab. Viermal in der Woche schließt Brand im Sommer die Tür zum Geleucht auf, geht vorbei an der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, 53 Stufen hoch zur Aussichtsplattform.

Der Wind trägt leises Rauschen von der A42 hinauf, die Autos – so winzig klein – überqueren die Schrägseilbrücke über den Rhein. Duisburg mit dem Thyssen-Krupp-Stahlwerk liegt vor uns. Augen zusammenkneifen und die Skyline von Essen sehen. Der RWE-Turm ist auf Stecknadelkopfgröße geschrumpft. Brands Zeigefinger wandert zum Landesarchiv im Duisburger Innenhafen und auf einen leuchtenden Punkt zu, der in Wirklichkeit 25 Meter hoch ist. Eine weitere Landmarke. Sie markiert die Mündung der Ruhr in den Rhein: „Rheinorange“.

In rotes Licht wird abends ein Hang der Halde getaucht. Auch das Geleucht erstrahlt dann in dieser Farbe. Sie steht für Energie und für einen glühenden Eisenstrom – ein weiterer Bezug zur Montanindustrie. Und natürlich symbolisiert Rot die Liebe: Auf einer Picknickdecke auf der großen Wiese vor dem Geleucht küsst sich ein Paar. Brand hat den Turm schon mal geöffnet, damit ein Mann die Grubenlampe – Stufe für Stufe – mit Kerzen und Rosen schmücken konnte. Es war nicht der einzige Heiratsantrag auf diesem Gipfel.

Das Geleucht aus Stahl von Otto Piene, das seit 2007 mit privater Unterstützung leuchtet, ist ein Kunstwerk, das nicht lange erklärt werden muss. Und doch gibt es Geschichten dazu: Brand hält das Vorbild in der Hand – eine Davy-Lampe. Ihr Drahtgeflecht verhinderte die Schlagwetterexplosion, bei der sich ein Methan-Luftgemisch entzündet. Auch veränderte sich die Flamme je nach Gas-Konzentration. Dadurch rettete die Lampe im 19. Jahrhundert vielen Bergleuten das Leben.

Kopf nach links: Zeche Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort. Kopf nach rechts: „das Goldschächtchen“, wie der lukrative Schacht IV von Rheinpreußen genannt wurde. Ansonsten liegt Moers selbst, Brands Zuhause, etwas versteckt hinter Bäumen: „Die Wetterseite ist bewaldet, damit eine Abrutschung verhindert wird.“

Brand mag jedes Wetter. Das Spiel der Wolken bei Sonnenschein ebenso wie Blitze, die den Himmel erleuchten. Der Wind weht selbst an milden Tagen – am 22. und 23. August lassen die Menschen bei einem Fest wieder Drachen steigen. Die Aussicht, die Weite. Das alles genießt Karl Brand. Und die Zufälle: Die Feuerwehrmänner sind Azubis. Als Brandmeister sollen sie mal Menschen aus brennenden Hochhäusern retten. Dafür trainieren sie auf der Halde. In ihrer Ausrüstung sind sie hinaufgelaufen. „Das geht schon gut in die Beine“, sagt einer, während ihm eine Schweißperle die Stirn hinabläuft. Brand: „Dafür wird man belohnt: mit diesem Ausblick.“ Die jungen Männer stellen sich an die Brüstung des Geleuchts. Sie schauen zum Horizont, ihr Atem wird ruhiger.

Mehr Informationen: Das Geleucht