Das geht unter die Haut – drei Tattoo-Träger packen aus

Fabiene Piepiora
Linda (27) lässt sich den rechten Arm tätowieren. Um die Schmerzen auszuhalten, fixiert sie mit den Augen einen Punkt an der Wand.
Linda (27) lässt sich den rechten Arm tätowieren. Um die Schmerzen auszuhalten, fixiert sie mit den Augen einen Punkt an der Wand.
Foto: Lars Heidrich
Fürs Leben gezeichnet: Drei Generationen von Tattoo-Trägern erzählen über ihren Körper als Kunstwerk. Was sie lieben, was sie bereuen.

Duisburg.  Robbie Williams hat einen Löwenkopf auf dem Oberarm, David Beckham trägt ein Bild, gemalt von Tochter Harper am Körper – und die Supermarkt-Kassiererin um die Ecke hat ein paar Sternchen am Handgelenk. Jeder zehnte Deutsche ist inzwischen tätowiert. Wer glaubte, dass der Trend abebbt, irrt gewaltig. Zum Aufreger taugt die Kunst auf der Haut kaum noch. Das war vor einigen Jahren ganz anders. Noch in den 1970er- und 80er-Jahren galten Tätowierte als Außenseiter.

Dabei erlebten Tattoos in Europa schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Blütezeit. Mitglieder sämtlicher europäischer Fürstenhäuser hatten Zeichen am Körper. In dieser Zeit galten diese als Ausdruck guten Geschmacks. Wie eng Faszination und Stigma beieinanderliegen, arbeitete kürzlich eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe heraus. Weltweit nutzen Kulturen die menschliche Haut als Bildträger. So sind die Chin-Frauen in Birma im Gesicht gezeichnet. Die Tätowierungen sind Teil eines Rituals beim Übergang von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen. Die Gesichtstätowierungen der neuseeländischen Maori geben Auskunft über die Familienzugehörigkeit und soziale Stellung der Person.

In Europa sind die Zeichen für die Träger Ausdruck von Individualität. Dabei gibt’s keinen Unterschied mehr, ob sich Kfz-Mechaniker oder Banker stechen lassen. „Als damals die ersten Filme mit tätowierten Schauspielern im Kino liefen, wollten auf einmal alle Tribals haben“, erinnert sich Tätowierer Marten Wedekind an die erste Welle zu Beginn der 2000er-Jahre, als plötzlich alle Welt fantasievolle, geschwungene Linien auf der Haut haben wollte. Schon ein paar Jahre später waren diese Zeichen wieder „out“, stattdessen chinesische Schriftzeichen gefragt. Mittlerweile wechseln die Trends fast jedes halbe Jahr.

„Die jungen Leute können sich kaum noch von ihren Eltern abgrenzen. Mit langen Haaren kann man ja keinen mehr schocken“, erklärt Dr. Achim Horstmann. Der Vater von drei Kindern weiß, wovon er spricht. Er war immer gegen Tätowierungen, bis zwei seiner Kinder mit einem Tattoo nach Hause kamen. Der Oberhausener Allgemeinmediziner bietet in seiner Praxis Laser-Behandlungen an – und hat alle Hände voll zu tun. „Je mehr Leute Tattoos haben, umso mehr wollen sie auch wieder weg haben.“ Oder Platz schaffen für Neues.

Mit einem High-Tech-Laser lässt sich ein handteller-großes Motiv in ein paar Minuten entfernen. Meist sind allerdings fünf bis zehn Sitzungen nötig. Die Farbe ist zwar oberflächlich verschwunden, zerlegt in winzige Partikel – verlässt den Körper aber nie. „Die Partikel sammeln sich an Lymphen, wissenschaftliche Studien, wie ungesund das ist, gibt es jedoch nicht.“

Die Dortmunder Stilberaterin Juliane Gareis hat oft Kunden, die in den Beruf einsteigen und ihre „Jugendsünden“ am liebsten verstecken wollen. „In kreativen Branchen ist ein Tattoo überhaupt kein Problem, meist sogar anerkannt.“ In anderen Fällen rät sie dazu, sich vor dem Tätowieren zu fragen, wie das Motiv in ein paar Jahren aussehen wird, und ob es dann noch passt. „Es gibt viele schöne Faketattoos. Die halten rund fünf Tage und man kann erst einmal ausprobieren, wie es sich anfühlt.“ Mediziner Horstmann hat indes die Erfahrung gemacht, dass die meisten sich sehr wohl überlegen, ob sie die Kunst für immer auf der Haut haben wollen. „Viele haben mit 18 Jahren bewusst eine Entscheidung getroffen. Nur manchmal ändert sich eben die Sichtweise aufs Leben.“

Der 49-Jährige – Der Arm als „Stempelkissen des Lebens“ 

Schon als Dreijähriger war Marten Wedekind von Tätowierungen fasziniert. An einem Nachmittag lief der Film „Moby Dick“ im Fernsehen, die Haut des Harpuniers „Queequeg“ ist über und über mit Zeichnungen versehen – und Wedekind wusste: „Das will ich auch.“ In der Tat dauerte es dann aber noch einige Jahre, bis seine Haut bunt wurde. Mit 18 ließ er sich das „Auge des Horus“ auf den Oberarm tätowieren.

Das war im Jahr 1984, sämtliche Tattoogeschäfte hatten einen schlechten Ruf – zumindest waren es keine Orte, wo sich der junge Wedekind ein Bild stechen lassen wollte. Über Mundpropaganda erfuhr er stattdessen von einem Rockabilly-Typen in Bochum, der in seiner Wohnung arbeitete. „Das war eine ganz bizarre Situation. In der Ecke saß ein Schäferhund, es roch überall nach Gras, an den Wänden hingen Tigertapeten und seine hochschwangere Frau schaute uns zu.“ Er fand’s toll. „Nicht den Schmerz, sondern den Kick, gesellschaftliche Grenzen zu überwinden. Damals war man mit einem Tattoo automatisch Outsider.“ Zu diesem Zeitpunkt machte Wedekind eine Ausbildung zum Erzieher, arbeitete zeitweise in einem Kinderkurheim auf Langeoog. Später war er bei den Salvatorianern, einem Orden, der ein Heim für straffällig gewordene Jugendliche und Erwachsene betrieb. „Von denen war niemand tätowiert“, erinnert sich der 49-Jährige. Deshalb sollte er seine Arme auch immer verdecken. „Ich war ein Provokateur, aber trotzdem dort zu dieser Zeit am richtigen Ort.“

In den 80er „war man noch wer“ mit Tattoos

In seiner Freizeit trug er in den 80ern hingegen Muscle-Shirt, um die Kunst auf der Haut zu zeigen. Entsprechend oft wurde er auf seine Zeichen angesprochen. Mit einer Tätowierung „war man noch wer“ in den 1980er-Jahren. Der ersten folgten weitere – und immer öfter stellte er sich die Frage, was er mit seinem Leben noch anstellen wolle. Wedekind ließ sich treiben, reiste, lernte Länder und Leute kennen. „Urlaub habe ich nie gemacht. Ich war viel auf Schiffen, habe mir in den Ländern Zeit gelassen, die Kultur und die Menschen kennen zu lernen.“

Mit 30 erinnerte er sich dann wieder an seinen Kindheitstraum – und machte seine Leidenschaft zum Beruf. „Zum Tätowierer gibt es keine Ausbildung. Man kann sich nur einen guten Lehrer suchen und von ihm lernen.“ Es war die Zeit der Tribals und „Arschgeweihe.“ In einem Geschäft in Bochum wurde er in die Geheimnisse der Nadeln und Farben eingeweiht. Das Equipment kam in den 90er- und zu Beginn der Nuller-Jahre oft noch aus den USA. Zur Lehre gehörte auch, dass er sich selbst stechen musste. Seitdem hat er einen Koi-Karpfen auf dem Oberschenkel. Für das Studio „Wild Cat“ sollte er dann später in Griechenland einen Laden eröffnen. „Die waren überhaupt noch nicht so weit wie wir in Deutschland. Tattoos hatten dort etwas Kitschig-Altmodisches.“ Mit etwas anderen Zeichnungen schaffte es Wedekind immerhin ein bisschen, das Image zu verändern. Später führte ihn sein Drang, die Welt zu entdecken und noch mehr über die unterschiedlichen Tätowierungen zu erfahren, nach Thailand. Bevor er allerdings dort zur Nadel greifen durfte, musste er sich traditionell von einem Mönch stechen lassen. Mit einem Bambusstab und Tinte ritzte der ihm Schriftzeichen auf die Haut, die sich gemeinsam zu einem Tempel formen. „Der Schmerz war krass, aber das war ein ganz erhabener Moment.“ Zu jedem der vielen Motive kann der Duisburger eine Geschichte erzählen, „aber ich habe mir anfangs nicht überlegt, wie der ganze Arm aussehen soll. Das ist eher ein Stempelkissen der Zeit.“

Strenge Hygienevorschriften

Inzwischen hat er sich selbstständig gemacht. Im Geschäftsbereich der Tattoostudios hat sich viel getan. Für das meiste Zubehör gelten strenge EU-Verordnungen und Hygienevorschriften. Die Kundschaft kommt aus allen gesellschaftlichen Schichten. Manchmal lehnt Wedekind aber auch Leute ab. 18-Jährige zum Beispiel, die sich über die Tragweite nicht bewusst sind und direkt ein Bild auf der Hand wollen.

„Andere sind so reif, da ist das gar kein Problem.“ Gemeinsam entwickeln sie die Bilder, die sich die Kunden ausgesucht haben. Eine Rose sieht jedes Mal anders aus. Das Geschäft läuft, ein halbes Jahr muss man bei ihm auf einen Termin warten. Die wenigsten springen kurz vorher ab. Sein Studio hat er „Queeg Queg“ genannt.

Die 27-Jährige – Mit Blumen fühlt sie sich schöner 

Linda hat sich einen freien Tag genommen. Nun sitzt sie auf einer Liege, hält dem Tätowierer Kai Schmidt ihren Arm hin und will die Blumenlandschaft auf ihrer Haut vergrößern lassen. „Ich hab’ schon immer von einem Tattoo geträumt. Ohne hab’ ich mir auch gefallen, aber mit ist eben schöner. Für mich ist das ein Ausdruck von Individualität“, erzählt die 27-Jährige.

Ihr erstes Bild hat sie sich vor zwei Jahren machen lassen. Es ist ein Schriftzug: „Confidence“, Zuversicht, steht seitdem auf ihrem Rücken. „Das passte gerade, ich war an dem richtigen Punkt in meinem Leben.“ Seitdem hat sie viele Stunden im Studio verbracht, nach und nach sind weitere Zeichen dazugekommen. Im Büro der Speditionskauffrau gab’s nie Probleme – im Gegenteil: Viele andere Kollegen seien ebenfalls tätowiert. Trotzdem will sie ihren kompletten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Zu „Kailitos Way“ kam sie über Empfehlungen. „Die Chemie muss stimmen, und es ist wichtig, ob einem der Stil gefällt“, sagt Kai Schmidt. Der Mann mit dem Kussmund auf der Wange, den Kreuzen auf den Fingern und der Schlange am Nacken ist schon seit Jahrzehnten im Geschäft. Derzeit liegen Babyfüße und -fäuste im Trend. Auch Schriftzüge und Unendlichkeitszeichen gehen gut. „Das wechselt aber regelmäßig“, weiß Schmidt – ebenso die Körperstellen, die kunstvoll verziert werden. Obwohl Tätowierungen zum Massenphänomen geworden sind, gleicht kein Zeichen dem anderen. „Es ist trotzdem noch individuell. Früher gab’s mehr Tattoos von der Stange“, erklärt der Chef, der bei seiner Schwester und dem Schwager in die Lehre gegangen ist. Eine klassische Ausbildung zum Tätowierer gibt’s schließlich nicht. Ein Gütesiegel, an dem man gute Studios erkennt, übrigens auch nicht. Hygiene und gutes Equipment sind wichtig. Oft sieht Schmidt schlecht gemachte Bilder. Einige landen dann bei ihm auf der Liege und wollen es verändern lassen. Der eine oder andere erzählt auch die Geschichte zu den Zeichen und in welcher Lebensphase es entstanden ist. „Vieles will ich aber auch nicht hören“, sagt Kai Schmidt schmunzelnd.

Die Linien für die Blumen sind schon eingezeichnet. Auf einem Tisch liegen Nadeln, Farben und die Maschine bereit. Die Duisburgerin hat alle Anweisungen befolgt. „Man sollte ausgeschlafen sein, gut gefrühstückt haben.“ Trotzdem ist sie etwas angespannt – positiv. „Rund um den Ellenbogen und nah am Knöchel tut’s besonders weh.“ Am Innenarm ist die Haut zarter als außen. Linda weiß, wovon sie spricht. Aber die Hobby-Fußballerin ist hart im Nehmen. Auf dem Platz geht’s manchmal zur Sache. „Wenn ich mich konzentriere, ist der Schmerz aushaltbar.“ Mit den Augen fixiert sie einen Punkt an der Wand.

„Bereit?“ Schmidt greift zur Maschine, taucht die Nadel in die Farbe. „Sss.“ Das Gerät surrt leise, dann setzt er an. Acht Nadeln à 0,35 Millimeter piksen in die zweite Hautschicht. Mit ruhiger Hand zieht der Tätowierer die geschwungene Linie nach. Ganz vorsichtig. „Wenn ich zu fest drücke, dann blutet’s zu stark.“ Er setzt ab, tunkt die Nadel in Farbe, beginnt erneut. Nach und nach entstehen die Umrisse, die Blumen werden sichtbar. „Geht’s?“ Linda nickt. Sie ist tapfer. Drei Stunden lang lässt sie die Prozedur über sich ergehen. „Dass jemand in Tränen ausbricht, ist ganz selten“, sagt Schmidt. Auch Linda wird wiederkommen. Am Bein hat sie bereits ein Zeichen. Und der linke Arm ist noch komplett frei.

Der 82-Jährige – „Ann“ entstand mit Kugelschreiber und Nadel 

Hans Unzen schiebt den Ärmel hoch. Auf seinem linken Unterarm erscheint Ann. Ein Mädchen mit langen welligen Haaren, Schmollmund. „Da war mal wat“, sagt er und lächelt bedeutungsschwanger. Seit Ende der 1950er-Jahre begleitet ihn Ann auf dem Arm durchs Leben. Damals heuerte Unzen als junger Mann bei der Fremdenlegion an. Mit seinen Kumpels machte er eine Tour. Das Geld ging aus, in Straßburg hatten sie die Idee, sich für einen Einsatz zu melden. Es war eine Bierlaune. „Es wurde schon überprüft, ob sich jemand etwas hat zu Schulden kommen lassen“, erinnert er sich. Unzen und die anderen werden genommen. Zur Grundausbildung, und fünf weitere Jahre, ging’s nach Algerien. Von 1954 bis 1963 herrschte Krieg. Der Staat im Nordwesten Afrikas wollte sich unabhängig machen von Frankreich. „Aber wenn man einmal unterschrieben hatte, kam man nicht mehr raus.“ Der heute 82-Jährige kämpfte gegen Partisanen. „Wenn man wieder reinkam, wurde gefeiert.“ Aus Erleichterung.

Wein war billig. „Es waren weinselige Abende.“ An einem entstand auch Unzens Tätowierung. Ein Kamerad präparierte einen Kugelschreiber mit zwei Nadeln und ritzte links das Porträt von Ann unter seine Haut. Am rechten Arm ist indes nur eine kleine Linie zu sehen. „Da hatte ich noch nicht genug Wein drin. Das hat zu sehr wehgetan.“ An die restlichen Schmerzen kann er sich zum Glück nicht mehr erinnern. Und auch mit der Motivwahl ist er heute noch zufrieden. Ein Kumpan entdeckte am nächsten Morgen eine tätowierte Bierdose auf seinem Körper. Der andere eine Rose auf der Brust. „Die ist aber nicht so deutlich zu sehen. Normalerweise muss man zweimal stechen, aber der hat so geschrien, dass ihm einmal gereicht hat.“

Rückblickend sagt Unzen, der inzwischen im Seniorenzentrum „Im Schlenk“ lebt und Bandmitglied in der Seniorenrockband „Silvergreens“ ist: „Das war alles Quatsch.“ Die Zeit bei der Fremdenlegion, und das Tattoo. Nach fünf Jahren kehrte er in den 60ern nach Duisburg zurück. Er arbeitete bei Rheinstahl als Werkmeister. Später wechselten die Besitzer und der Namen, die Arbeit blieb gleich. Im Bulgarien-Urlaub lernte er seine Frau kennen. Ingeborg. „Was sollte sie machen, sie hat mich ja so kennen gelernt“, sagt er mit Blick auf die Zeichnung. Sie akzeptierte das Bild. Nur die Arbeitskollegen fragten manchmal neugierig nach. Sonst gab’s nie Probleme wegen der Tätowierung. Längst ist Hans Unzen nicht mehr der Einzige in der Familie mit bunter Haut. Sein Sohn Bernd und die Enkelin haben sich ebenfalls Bilder stechen lassen. „Das ist ja heute ganz modern.“ Ann war schon mit Entstehung des Zeichens Geschichte. Mit Gattin Ingeborg ist er seit 49 Jahren verheiratet.