Das ganze Land NRW gehört auf die rote Couch

Geschichte und Integration: Hier nimmt der Interkulturelle Siedlungsgarten der Zechensiedlung Fürst Leopold in Dorsten Platz.
Geschichte und Integration: Hier nimmt der Interkulturelle Siedlungsgarten der Zechensiedlung Fürst Leopold in Dorsten Platz.
Foto: Horst Wackerbarth
Zum 70. Geburtstag von Nordrhein-Westfalen reiste Horst Wackerbarth mit seinem roten Sofa durchs Land. Und erweiterte seine „Galerie der Menschheit“.

Essen..  Das größte aller Bindestrichbundesländer feiert in diesem Jahr seinen 70., und die NRW-Stiftung, die sich um Naturschutz, Heimat und Kulturpflege zwischen Monschau und Minden, zwischen Kleve und Siegen kümmert, wird 30. Macht zusammen „100 Jahre Heimat“ – und so lässt einer der bekanntesten Künstler Nordrhein-Westfalens, der Düsseldorfer Fotograf Horst Wackerbarth, sein noch viel bekannteres Markenzeichen durch das ganze Land reisen: das rote Sofa.

Das gemütliche Sitzmöbel, das schon zu Kulturhauptstadt-Zeiten von den Löwen im Duisburger Zoo zerfetzt wurde, über die Ruhr schwamm und drei Weltreligionen – Imam, Rabbi und Pfarrer – auf Sitzhöhe vereinte, fand seinen Platz auch auf den Externsteinen im Münsterland und winzigklein auf dem Rand des gigantischen Radioteleskops Effelsberg.

Es stand am Bonner „Bundesbüdchen“, wo die Abgeordneten früher ihre Zeitungen kauften, auf einem niederrheinischen Kappesfeld und auf dem schneeweißen Kahlen Asten, dem Vize-Höhepunkt des Landes. Vor der Ruine des Opel-Werks Bochum und auf den Schienen der S9 in Essen, auf der „Süd“ im BVB-Stadion und bei den Gelsenkirchener Ultras.

Aber in Wirklichkeit geht es gar nicht um das Sofa, sondern um seine vorübergehenden Be-Sitzer: „Ich sammle Schicksale“, sagt Horst Wackerbarth, der mit Hilfe seines roten Sofas seit 1979 an einer „Galerie der Menschheit“ arbeitet. Es ist ja nicht so, also ob nur Promis von Ustinov bis Gorbatschow, von Jimmy Carter bis Steve Jobs Tuchfühlung mit dem bekanntesten Möbel der Gegenwartskunst aufnehmen würden.

Inzwischen haben nämlich über 900 Menschen in 53 Ländern auf der roten Couch Platz genommen, und die allermeisten sind ganz normale Menschen wie du und ich, Menschen mit einer unverwechselbaren Geschichte, Flüchtlinge und Feuerwehrleute, indianische Medizinmänner, chinesische Fahrradspediteure und eine Balletttänzerin im russischen Perm, der Apfelbauer in der Normandie und der Neander­thaler in Mettmann. Letzterer, Wackerbarth nennt ihn „Mr. 4 Prozent“, weil dieser Anteil unserer Gene auf den Neanderthaler zurückgeht, ist die Kunstfigur des gleichnamigen Museums und quasi der älteste Nordrheinwestfale in der jüngsten Fotoserie von Wackerbarth.

Die echten Menschen dieser Serie müssen übrigens noch einen Fragebogen beantworten oder ein Video-Interview absolvieren, mit universellen Fragen wie „Was macht das Leben lebenswert?“, „Was bedeutet Unglück für Sie?“, „Was ist Ihr größter Wunsch?“ oder „Was erwarten Sie nach dem Tod?“

Für seine neue Sofaserie kreuz und quer durch NRW fotografierte Wackerbarth starke Seiten des Landes ebenso wie Schwachstellen: Kohle und Stahl und Chemie und die Integrationskraft dieser Industrien, die Bio-Streuobstwiese der Urdenbacher Kämpe im Süden von Düsseldorf, die Waldarbeiter eines inklusiven Ökologieprojekts in Bielefeld-Bethel und die Senne-Schäfer nebenan, aber auch Rotmilane, die den Windkraftanlagen am Haarstrang zum Opfer fielen.

Oder Star-Geiger Frank Peter Zimmermann, dem seine geliebte Stradivari „Lady Inchiquin“ durch die ungeschickte Liquidierung der WestLB („Portigon“) abhanden kam, und die Bauern im rheinischen Erkelenz, deren Idyll vom Braunkohleabbau zerstört wird.

Horst Wackerbarth zeichnet mit seinen Fotos und Interviews (auch als Video im Internet zu sehen) ein ungeschöntes, umso glaubwürdigeres Bild von einem Land, das nicht nur ihm zur Herzensangelegenheit geworden ist.

Das erste rote Sofa fiel Wackerbarth übrigens in die Hände, als sich seine Eltern ein neues Wohnzimmer kauften und ihre alte Couch ausmusterten. Heute ist – seit 1996 – das vierte, schon oft sanierte Couch-Exemplar im Dienst.

Eines ging beim Schiffsmanöver im Pazifik über Bord, eines ist ausgerechnet bei Aufnahmen mit Feuerwehrmännern abgebrannt und eines wurde wie die Fettecke von Beuys von Museumsmitarbeitern, die es für Sperrmüll hielten, versehentlich „entsorgt“. „Es gibt immer nur ein amtierendes Sofa“, sagt Wackerbarth, „es muss die Aura in sich aufnehmen, es lädt sich immer weiter auf, mit jedem Menschen, der darauf gesessen hat.“

Ausstellung und Katalog

Horst Wackerbarth wurde 1950 im hessischen Fritzlar geboren und studierte an der Kunsthochschule Kassel. Er arbeitet seit Jahrzehnten in Düsseldorf, ist in der Werbefotografie tätig und gehört dem renommierten Art Directors Club an.

Seine rote Couch aber steht im Mittelpunkt seiner Arbeit. Und bis Ende Juli 2016 wird sie noch zwischen Rhein und Weser auf der Reise sein. Die Bilder, die dabei entstehen, sollen auch in Form einer Ausstellung präsentiert werden. Im Spätsommer dieses Jahres wird sie zunächst im Düsseldorfer Landtag und dann (17. September bis 30. Oktober) im NRW Forum der Landeshauptstadt gezeigt, dort um andere Foto-Arbeiten von Wackerbarth ergänzt. Danach soll sie durch das Bundesland, durch Deutschland und Europa wandern.

Zur Ausstellung wird es einen Katalog geben; ferner ist ein Kalender mit NRW-Motiven der roten Couch geplant. Die Redaktion wird in regelmäßigen Abständen Wackerbarths Aufnahmen und die Geschichte der Menschen darauf vorstellen und die passenden Video-Interviews zu den Fotos zeigen, zudem Filmaufnahmen von den mitunter sehr aufwendigen Vorbereitungen für das Fotografieren der roten Couch.

 
 

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