Crossgolfer bringt neuen Schwung auf alte Halden

Tim Estermann aus Dortmund nutzt freie Flächen im Ruhrgebiet, um den Ball fliegen zu lassen.
Tim Estermann aus Dortmund nutzt freie Flächen im Ruhrgebiet, um den Ball fliegen zu lassen.
Foto: Funke Foto Services
Crossgolfer Tim Estermann sieht auf Halden ideale Spielmöglichkeiten für den Schlag in der freien Wildbahn. Wir trafen ihn zwischen Dortmund und Lünen.

Dortmund.. Was haben sich Anwohner und Politiker, Künstler und Landschaftsarchitekten nicht schon den Kopf darüber zerbrochen, wie sie einer fertig geschütteten Halde ein neues Gesicht geben könnten. Tim Estermann findet das Gesicht der Halde ganz in der Nähe seines Wohnorts in Dortmund eigentlich genau richtig so, wie es jetzt ist: ungepflegt und nahezu unbewachsen. An vielen Stellen ist nur hellbrauner Boden zu sehen. Wenn es nach dem 33-Jährigen ginge, bräuchte die Halde Groppenbruch keine Bäume, Büsche, Bänke. Sie würden ihn nur bei seinem liebsten Hobby stören: Crossgolfen.

Beim Crossgolf wird nicht eingelocht

Tim Estermann hat bereits so manches brachliegende Gelände getestet. „Ich habe in jeder Stadt des Ruhrgebiets schon mal gespielt.“ Er stoppt spontan, wenn er eine spannende Spielmöglichkeit sieht; denn in seinem Auto liegen immer zwei, drei Schläger. Aber eine Halde mit unterschiedlich hohen Flächen sei ideal. Eine, auf der keine Spaziergänger unterwegs sind. Und auch keine Radfahrer. Eine Halde, auf der man ordentlich Schwung holen kann, ohne zu befürchten, dass der Ball etwas anderes trifft als das Ziel. Das ist beim Crossgolfen jedoch nicht ein Loch, sondern eine mitgebrachte Tasche oder ein Stück Holz oder ein großer Stein.

Estermann klopft mit dem Schläger den Boden vor sich flach und legt den Ball ab. Er zieht einen weißen Golfhandschuh über die linke Hand, stellt die Füße schulterbreit und geht leicht in die Knie. Der Schläger liegt nun locker auf seinen Fingern, der linke Zeigefinger ist mit dem rechten kleinen Finger verschränkt, die Daumen liegen auf dem Griff. Und dann lässt Tim Estermann den Schläger schwingen. Doch nicht nur der Ball, sondern auch eine Staubwolke und Grasbüschel fliegen durch die Luft.

Ein guter Schlag. Der Ball steuert geradewegs auf sein Ziel zu. Doch kurz vorher landet er auf einem Stein, der dem Ball eine neue Richtung gibt. „Der Boden ist unberechenbar“, sagt Tim Estermann. Man kann noch so gut spielen, der Ball lässt sich beim Crossgolfen nicht ganz kontrollieren. Dabei hängt der Erfolg von der Anzahl der Schläge ab: Gewonnen hat derjenige, der die wenigsten Schläge braucht, um das Ziel zu erreichen. Trotzdem gefällt es ihm. Der Sport in der freien Wildbahn sei schneller als auf dem Golfplatz – und individueller: „Ich kann sagen, heute ist das ,Loch’ nicht an dieser Stelle, sondern drei Meter weiter links.“

Das Rauschen der A2

Quad- und Motorcrossfahrer hatten bereits versucht, die Halde Groppenbruch für sich zu erobern. Aber über den Lärm ärgerten sich die Anwohner. Crossgolfen ist leise. Das permanente Rauschen der A2, die direkt neben der Halde verläuft, könnte umgekehrt eher die Crossgolfer bei ihrer Konzentration stören.

Groppenbruch in Dortmund-Mengede gehört zu einer Haldenlandschaft an der Stadtgrenze. Denn daneben liegt die Halde der ehemaligen Zeche Achenbach I/II in Lünen-Brambauer. Der Fernblick bietet nicht viel Spannendes. Alte Fördergerüste oder Kunst auf benachbarten künstlichen Hügeln sucht man auf diesen Halden vergebens. Aber die Menschen gehen dort in Lünen ähnlich wie durch einen Park spazieren. „Ich mag keine Spaziergänge“, erzählt Tim Estermann – „aber Spaziergänge mit Sinn.“ Wobei er schnell festgestellt hat, dass der Sport kein Spaziergang ist. „Es ist wesentlich anstrengender als man denkt.“

Es war Zufall, dass er das Crossgolfen für sich entdeckte. Er wollte einen neuen Sport kennenlernen und schaute sich in einem Fachgeschäft um. Für bereits 30 Euro bekam er einen normalen Golfschläger und ein paar Bälle. Und dann legte er einfach los. Er nahm auch an einem Golfeinsteigerkurs teil und lernte so die Grifftechnik; aber sonst wurde er besser durchs Üben, Üben, Üben. Mittlerweile ist der Technische Redakteur als Crossgolf-Fachmann gefragt. Er hat Kurse an der Uni Köln gegeben. Aber er zieht auch weiterhin für einen Junggesellenabend über die Felder .

In Dortmund entspannt, in Herne verboten

Vor seinen ersten Schlägen hat er beim Ordnungsamt nachgefragt: „In Dortmund sind sie entspannt.“ In Herne sei das Crossgolfen dagegen verboten. Da befürchte man, der Schläger könnte selbst zum Wurfobjekt werden und andere verletzen. Sicheres Spiel ist die oberste Regel, betont Estermann. „Alle anderen kann man verhandeln.“

Es ist noch nicht lange her, da rollten die LKW zur ehemaligen Bergehalde: In den 1980er-Jahren wurde sie erst beschüttet. Und die Emschergenossenschaft hat den Hügel von 2011 bis 2013 weiter wachsen lassen. In der Nähe wurden vier Hochwasser-Rückhaltebecken gebaut. Und die ausgehobene Erde landete auf der Halde Groppenbruch. Bis heute ist sie im Besitz der RAG Montan Immobilien und für die öffentliche Naherholung noch nicht freigegeben. Eine eigene Halde nur fürs Crossgolfen bleibt vorerst also Wunschdenken.

Neben der Halde fließt der Dortmund-Ems-Kanal, an dem man auch spazieren kann. Das Gras am Wegesrand reicht Estermann bis zu den Knien. „Das ist zu hoch.“ Da würde er ja nie den Ball wiederfinden. Das Suchen dauert beim Crossgolfen sowieso schon länger als das Schlagen. Estermann bleibt stehen und stellt schnuppernd fest: „Hier duftet es ja nach Waffeln!“ Man riecht es, sieht es aber nicht: In der Nähe, auf der anderen Seite des Kanals, werden Waffeln gebacken. Die Fabrik bietet bereits einen Werkverkauf an. Für den gastronomischen Teil wäre also bei dieser Halde schon gesorgt.

 
 

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