Bürger ersetzen fehlende Supermärkte nun mit eigenen Läden

Die Bürger in Welbergen eröffneten kurzerhand ihren eigenen Laden, den heute Rosemarie Sandmann leitet.
Die Bürger in Welbergen eröffneten kurzerhand ihren eigenen Laden, den heute Rosemarie Sandmann leitet.
Foto: Matthias Graben/WAZ FotoPool
Das Comeback von Tante Emma: Immer mehr kleine Supermärkte auf dem Land oder in den Vorstädten schließen. Das macht die Menschen erfinderisch. Sie eröffnen eigene Läden oder kaufen beim rollenden Supermarkt – im Münsterland ebenso wie im Herzen des Ruhrgebiets genießen sie das neue Einkaufserlebnis.

Wellbergen/Essen/ Gelsenkirchen. Hübscher als Welbergen kann das Münsterland kaum sein. Ein Dorf am Fluss, eben an der Vechte gelegen, mit Wasserburg, zwei Kirchen und zwei noch unverfälschten Kneipen. Ein Dorf auch, das seinen 1300 Bewohnern einiges wert ist. Als dort vor drei Jahren das letzte Lebensmittelgeschäft schloss, warfen sie alle ihre Ersparnisse zusammen, um den Laden zu übernehmen. Der heißt seitdem folglich „Unser Laden“ und wurde zum heimlichen Zentrum des Dorfes. Und ein wenig rettet er Welbergen auch in die Zukunft.

Das Comeback von Tante Emma: Solche von Bürgern betriebene Dorfläden erleben derzeit einen Boom. Sie sind eine Reaktion darauf, dass sich die Zahl der Lebensmittelgeschäfte seit den 70er-Jahren bundesweit von 160 000 auf unter 40 000 reduziert hat. Denn der moderne Supermarkt ist riesig groß und liegt auf der grünen Wiese.

Und weil Gebiete mit weniger als 8000 potenziellen Kunden für die Discounter uninteressant sind, veröden Dörfer, ganze Stadtteile. Erst verschwindet der Bäcker, dann der Metzger, dann gibt der letzte Lebensmittelhändler auf. Acht Millionen Bundesbürger sind inzwischen unterversorgt, so eine Studie der Verbraucherzentralen. Aber die Menschen werden erfinderisch – auf dem Land ebenso wie im Herzen des Ruhrgebiets.

Man stelle sich das Dorf Welbergen an diesem kalten Winterabend im Jahr 2010 vor. Rund 300 Menschen sitzen dicht gedrängt in der Kneipe „Zum Kappellenhof“ und ereifern sich, wie es wohl sein mag, in einem Ort zu leben, in dem man nicht einmal mehr Brötchen und Milch kaufen kann. Was also ist, wenn Maria und Bernhard Weßels ihren Laden endgültig schließen? Wenn sie alle fünf Kilometer zum nächsten Supermarkt fahren müssen?

Die Männer, die zu dieser Versammlung per Flyer eingeladen haben, sind gut vorbereitet. Josef Fislage, der Bauunternehmer, hat bei der Volksbank eigens einen Packen Überweisungsformulare drucken lassen. 250 Euro pro Genossenschaftsanteil. Er weiß, die Zeit drängt. In nur vier Tagen muss das nötige Geld für den Kauf, mindestens 80 000 Euro, auf dem Anderkonto liegen.

100.000 Euro gesammelt

Und es lag! Besser noch: Von Montag bis Donnerstag füllte sich das Konto mit 100 000 Euro. Wie gesagt, wir sprechen von einem Dorf mit 1300 Einwohnern. Am Ende kommen für die Rettungsaktion 140 000 Euro zusammen. Was als fixe Idee auf einem Abend der freiwilligen Feuerwehr entstanden war – „für meine Familie wäre mir das durchaus 500 Euro wert“ – wird zum Selbstläufer. „Am schwierigsten war es noch, den Kredit der Bank zu bekommen. Ich wusste, wir mussten gute Argumente haben“, sagt Josef Fislage.

Die hatte er. Er entwarf ein schlichtes Szenario von Welbergen, dessen Immobilien zehn Prozent ihres Wertes verlieren, genau in dem Moment, wo der Schlüssel zum letzten Lebensmittelladen umgedreht wird. Denn wer zieht schon in ein Dorf, wenn der nächste Supermarkt weit entfernt liegt? „Erst kommen keine jungen Familien mehr, dann schließt die Schule!“, sagt Fislage, der heute Vorsitzender der Genossenschaft „Unser Laden“ ist, mit etwa 500 Mitgliedern und 700 Anteilen.

In diesem Laden trifft sich das Dorf

Bald drei Jahre gibt es den Laden nun schon. Größer als je zuvor, weil die Dorfbewohner ihn nach Feierabend eigenhändig umbauten. Mit einem Sortiment, das den täglichen Bedarf komplett abdeckt. Mit Brot und Brötchen, Käse, Wurst und frischem Fleisch, Gemüse, Obst und Getränken. Vor allem aber ist „Unser Laden“ das Gegenstück zu einem seelenlosen Supermarkt, in dem das Packband an der Kasse den Takt bestimmt. Drauflegen, einpacken, zahlen. Und zwar flott.

Im diesem Laden trifft sich das Dorf, sitzen Frauen und Männer auf einen Kaffee beisammen, erfährt Herr Müller, dass es Herrn Schulte nach der Operation schon wieder besser geht. Dass Familie B. wieder Nachwuchs erwartet. Hier liegen die Schlüssel für die Dionysius-Kirche gegenüber und für die Feuerwehr nebenan. Hier haben, nicht zuletzt, neun Frauen in Voll- und Teilzeit Arbeit gefunden, zwei Schüler einen Aushilfsjob.

Der Laden läuft gut. Eine Dividende jedoch wird den Genossen in den ersten fünf Jahren nicht ausgezahlt. Stattdessen wird reinvestiert, stattdessen gibt es Promille, sprich zwei Bierchen, auf der genossenschaftlichen Versammlung. Nicht zu vergessen, die Anerkennung, die die Genossen überall erfahren. So vielen Orten auf dem Land geht es ähnlich, manch einer nimmt sich den Welbergener Laden zum Vorbild.

Diese Rettung ist kein Einzelfall – Die Menschen helfen sich selbst

„Um dörfliche Strukturen zu erhalten, helfen sich die Bürger inzwischen meist selbst, anstatt wie früher nach dem Staat zu rufen“, sagt auch Asmus Schütt vom Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband. Bundesweit, so wird geschätzt, liegt die Zahl der Dorfläden bei rund 300.

Der rollende Supermarkt 

Ein Klingeln. Ein durchdringender Hahnenschrei aus dem Lautsprecher. Dann stoppt Jürgen Sudhölter seinen grünen Mercedes-Sprinter mitten im Gelsenkirchener Stadtteil Feldmark. Klappe auf zum rollenden Supermarkt. Vorhang auf für „Jogi“ möchte man sagen. Rein faktisch nennt sich dieser Beruf Lebensmitteldirektvermarkter im mobilen Einsatz der Firma „Max und Moritz“ aus Ladbergen. „Auf gut Deutsch“, sagt Sudhölter, „Eiermann!“. Und dabei macht er so unglaublich viel mehr als Eier verkaufen. Er versorgt, betüttert, er amüsiert und tröstet.

Ein Klingeln. Ein Hahnenschrei. Klappe auf. 120mal am Tag. Viermal die Woche, vor allem im nördlichen Ruhrgebiet. In Dortmund-Eving und in Huckarde, in Gelsenkirchen-Feldmark oder Essen-Katernberg. Überall dort, wo der nächste Supermarkt zu weit wäre. Wo viele alte Leute wohnen, die es nicht mehr schaffen, mit der Bahn, mit dem Bus zum einkaufen zu fahren. Sie erwarten ihn schon, stehen hinter der Gardine und passen ihn ab. Weil er meist pünktlich ist, auf die Minute.

250 solcher Rollender Supermärkte gibt es im Land. Tendenz steigend. Auch sie füllen die Lücke, die die schrumpfende Infrastruktur hinterlässt. Die Nachfrage nimmt zu, selbst in den Ballungsräumen.

Vor allem kaufen sie bei ihm, weil er zuhört

Sie kaufen 30 Eier auf Lage, Hähnchenschenkel und Kohlrabi. Einen Blumenkohl und die „leckere geräucherte Forelle“. Vor allem kaufen sie bei ihm, bei Jogi Sudhölter. Weil er zuhört, als hätte er nicht nur diese zwei Minuten pro Halt. Weil er weiß, dass ihr letzter Krankenhaus-Aufenthalt erst zwei Wochen zurückliegt. „Wie geht’s?“, fragt er. „Ach, immer noch die Tropfen!“, sagt die alte Dame.

Eilig, mit einer Plastiktüte voller Waren, ist er die zwei Treppen zu ihr hochgespurtet. Zu Frau Hartwich, die nur am Rollator gehen kann. „Sie erwartet mich schon, hat gestern ihre Bestellung aufgegeben. Per Telefon“, sagt er, und: „Die Zeit nehmen wir uns!“. Dafür schätzen sie ihn. Auch wenn es bei ihm ein wenig teurer sein mag als beim Discounter. „Ich werde hier freundlich bedient und bekomme alles“, sagt die Endfünfzigerin, während Sudhölter ihr aus der Klappe heraus die Einkaufstasche füllt. „Und Ihre Sahne, bitte schön. Bis zum nächsten Mal!“

Ein Klingeln. Ein Hahnenschrei. Klappe auf. Eigentlich war Sudhölter Bauschlosser, wurde arbeitslos, als der Autobauer Carman vor 20 Jahren Pleite machte. Auf einer Party bekam er diesen Job angeboten, versuchte es probeweise und „fühlte sich gleich wohler als im alten Job“. Er sei einfach ein geselliger, ein offener Typ. Und seine Kunden, sie erzählten ihm so viel. Ja, die Leute, sie wüchsen ihm ans Herz. Die meisten seiner Kunden seien allein, oft kauften die Kinder regelmäßig für sie ein. „Aber die wollen auch mal selbst einkaufen. Die Waren sehen, selbst auswählen“, erklärt der 51-Jährige.

Eine letzte Station, bevor es über die Stadtgrenze nach Essen-Katernberg geht. Ein Bagger buddelt in dieser 50er-Jahre-Einfamilienhaussiedlung, versperrt den Weg. Sudhölter schwankt. Die Tour weitermachen, seine beiden Kunden verprellen oder doch einiges an Zeit verlieren? Nein, er kann sie nicht enttäuschen, und schon flitzt der weiße Kittel in die Siedlung. Frau Seeger strahlt, als er an der Haustür klingelt. 91 Jahre ist sie, beneidenswert fit und dezent geschminkt. „Er ist so nett!“, sagt Frau Seeger gerührt. Etwas Bratwurst, Fleischkäse und „meine schönen Kekse mit den Nüssen“.

Bis zum nächsten Mal

Zurück zum Wagen, Finger fliegen über die Rechenmaschine. 12.04 Euro! Bis zum nächsten Mal. In Katernberg dann trudelt Sudhölter tatsächlich zehn Minuten zu spät ein. „Kaum aus dem Urlaub und schon zu spät!“, empfängt ihn scherzend eine alte Frau in Küchenschürze. Sudhölter lacht, steigt darauf ein. Wie so oft duzt er die Kundin. „Sie glauben nicht, wie ein Mensch wächst, wenn man ihn mit Vornamen anspricht!“, sagt der Mann, der so viel mehr ist als ein Verkäufer. Klappe zu!

 
 

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