Beim Guerilla-Yoga hilft die Kunst beim Sonnengruß

Auch beim Yoga in einer Kunstgalerie wollen die Teilnehmer den Kopf frei bekommen, vor Bildern von Frauen-Silhouetten – ohne Kopf.
Auch beim Yoga in einer Kunstgalerie wollen die Teilnehmer den Kopf frei bekommen, vor Bildern von Frauen-Silhouetten – ohne Kopf.
Foto: FUNKE Foto Services
Guerilla-Yoga tut nicht mehr weh als übliche Yoga-Übungen. Der Treffpunkt ist ein anderer: Parks, Hochhaus-Dächer oder eine Kunstgalerie in Essen.

Essen. Drei Mal ertönt der helle, sanfte Ton einer Klangschale. Auf dem Boden ausgebreitet liegen lang ausgestreckt die Guerilla-Yogi auf ihren Matten – mitten in einer Kunstgalerie im Ruhrgebiet.

Seit Jahren pilgern immer mehr Leute mit der Matte unterm Arm zur Yoga-Stunde in die Studios. Aber auch in der Galerie Ikosaeder in Essen-Holsterhausen hat die indische Philosophie Einzug gehalten. Unter dem Motto „Yoga trifft Kunst“ kommen hier einmal pro Woche die sogenannten Guerilla-Yogi rund um Yogalehrerin Christina Averkamp zusammen. „Die Umgebung verändert sich ständig – so ist es ja auch im wahren Leben“, sagt die Essenerin zu diesem ungewöhnlichen Yoga-Raum.

Genau das ist das Besondere beim Guerilla-Yoga: Die Übungen unterscheiden sich nicht von denen anderer Yoga-Schulen; entscheidend ist lediglich der Kontext, in dem Yoga stattfindet. In anderen Städten wird Guerilla-Yoga etwa in Parks oder auf Hochhaus-Dächern praktiziert.

Yoga trifft Kunst

Während der Entspannungsphase zu Beginn der Stunde bleibt Zeit, um einen Blick auf die aktuelle Ausstellung der Galerie zu werfen. Die asiatischen Bilder von Songnyeo Lyoo zeigen paradiesische Landschaften in leuchtenden Farben, eingefasst in Körpersilhouetten auf Reispapier. Durch die Motive hindurch ziehen sich goldene Fäden, die auch im Verlauf der Yoga-Stunde noch wichtig werden.

Doch dann ist plötzlich ganz schnell Schluss mit lockerem Herumliegen und entspannenden Atemübungen: Es geht weiter mit dem Sonnengruß, einer Abfolge von zwölf Bewegungen, die mehrmals wiederholt werden und fließend ineinander übergehen. Oder besser: ineinander übergehen sollten. Denn so einfach, wie es bei Christina Averkamp aussieht, ist es für einen blutigen Anfänger dann doch nicht.

Yogi hängen am goldenen Faden

Der Sonnengruß soll den Körper dehnen und aufwärmen, hunderte von Muskeln werden dabei eingesetzt. Spätestens nach der ersten Runde ist klar: Yoga ist mehr als mit verknoteten Beinen und gefalteten Händen auf einer Matte zu sitzen. Yoga ist anstrengend.

„Stell dir vor, dass dich ein goldener Faden an deinem Kopf in die richtige Position zieht“, sagt Christina Averkamp ruhig. Den Rücken gerade, die Schulterblätter zusammen, die Zehen anziehen, den Blick geradeaus. Und als wäre das nicht schon genug: immer schön tief in den Bauch atmen.

Sich auf all diese Dinge konzentrieren und dabei auch noch entspannen? Wo ist dieser goldene Faden nur, wenn der Yogi ihn braucht? Wie so häufig ist alles bloß eine Sache der Übung.

Ausbildung im Himalaya

Die Idee zum Guerilla-Yoga kam der Essenerin während ihrer Yogalehrerausbildung in den Bergen des Himalaya: „Meine damalige Zimmergenossin aus Australien hatte damals sogar schon eine ganz ge-naue Vorstellung davon, in welchen Farben der Raum gestrichen sein soll, in dem sie später unterrichten würde.“ Bei Christina Averkamp hingegen war noch gar nichts klar. „Ich wusste nur, dass ich selber kein eigenes Studio eröffnen werde“, sagt sie.

In der indischen Stadt Ranikhet hat sie 2012 ihre Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert: „Das war echt eine Zeit, die mich an den Rand des Möglichen brachte“, erinnert sie sich. Als „notorische Frostbeule“ habe sie die Meditation um 6 Uhr morgens nur mit Wärmflasche, Schal, Mütze und Handschuhen überstehen können.

Zurück im wärmeren Deutschland wollte sie trotzdem raus in die Stadt, in die Natur, auf Hochhäuser und Kreisverkehrsinseln – um überall dort Yoga zu unterrichten, wo sie gerade Lust dazu hat. Doch aus ihrem Plan, draußen Yoga zu unterrichten, wurde erst einmal nichts: „Die Sommer sind zu kurz, und um es offiziell zu machen, braucht man die Genehmigung vom Ordnungsamt.“

Stattdessen hat Christina Averkamp den Begriff Guerilla-Yoga für sich neu interpretiert und unterrichtet nun immer mittwochs in der Galerie Ikosaeder. Ihr Gedanke: „Kunst heilt, Yoga auch. Was gibt es besseres als beides zu verbinden?“

 
 

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