Bei Gefahrenbäumen kann nur noch der Sprengmeister helfen

Sprengmeister: ein explosiver Job

Die Sprengung dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde, die Vorbereitungen dafür um so länger. Dabei lastet ein hoher Druck und große Verantwortung auf dem Sprengmeister. Beim Umgang mit dem hochexplosiven Material dürfen keine Fehler passieren.

Die Sprengung dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde, die Vorbereitungen dafür um so länger. Dabei lastet ein hoher Druck und große Verantwortung auf dem Sprengmeister. Beim Umgang mit dem hochexplosiven Material dürfen keine Fehler passieren.

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Beim Job des Sprengmeisters geht’s zuerst um Sicherheit . Und dann darum, dass etwas ordnungsgemäß explodiert. Wir waren bei einer Baumsprengung.

Ratingen.. Samstagmorgen. Wir stehen auf einer Lichtung im Wald. Jogger traben vorbei. Hundebesitzer führen ihren Waldi Gassi. Spaziergänger schauen neugierig auf den Trupp der uniformierten Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW), die hier gleich alles absperren werden. Vor uns neigen sich windschief Bäume zur Seite, zwei von ihnen sind augenscheinlich tot. Gleich wird es hier gewaltig krachen. Dann werden die beiden Bäume gesprengt, was nach einer ganz schön radikalen Maßnahme klingt.

Jeder hat in den Medien oder vielleicht auch schon mal aus eigener Anschauung gesehen, wie ein Schornstein, eine Fabrikhalle oder ein Wohnhaus fachgerecht dem Erdboden gleichgemacht wird. Diejenigen, die diesen Job erledigen, heißen Sprengmeister – und das ist beim THW nur dem Namen nach anders, hier heißen sie Sprengberechtigte. Die Aufgaben sind dieselben. Anschauen, was gesprengt werden muss. Die nötige Menge Sprengstoff berechnen. Den Ablauf überwachen. Und sich dabei um die Sicherheit kümmern. Das klingt nach einem übersichtlichen Job, aber es erfordert ein sehr hohes Maß an Verantwortungsgefühl, die Sicherheitsbestimmungen sind extrem hoch.

In die deutsche Eiche müssen Löcher für die Sprengung gebohrt werden

Wir haben es an diesem Morgen im Forst des Grafen von Spee mit einer dünnen Birke zu tun, für die eine sogenannte Sprengschnur ausreicht. Und mit einer echten, deutschen Eiche, die ihrem Namen Ehre macht. Für sie braucht man größere Mengen des Ammongelit-Sprengstoffs, der in zuvor mit dem Motorbohrer in den Stamm getriebene Löcher gestopft werden muss. Wer dann feststellt, wie der Sprengstoff eigentlich aussieht, muss wohl spontan an Lebensmittel denken. Die Sprengschnur könnte, mit etwas Fantasie, eine Mischung aus dicker, roter Weingummi-Schlange und einem Kabel sein. Und der andere Sprengstoff wirkt wie eine Mortadella-Wurst mit Paprikastückchen. Das gefährlichste Stück Mortadella allerdings, das man sich vorstellen kann. Damit er in die Bohrlöcher passt, muss er aus seiner Plastikpelle befreit und mit Schutzhandschuhen zu dünneren Würstchen geknetet werden.

Die beiden Sprengberechtigten, eine junge Frau und ein junger Mann, dürfen aus Sicherheitsgründen hier nicht mit Namen genannt werden. Dafür erklärt Andreas Fröhlich, der bei dieser Sprengung als Aufsichtsperson fungiert und tatsächlich die oberste Koordination hat: „Jedem sollte ohnehin bekannt sein, wie gefährlich Sprengstoff ist. Für die Kameradinnen und Kameraden ist es, das hohe Maß an Sicherheitsrichtlinien einzuhalten, die das Gesetz vorschreibt – und die, die wir im THW eigenständig erstellen.“ So dürfen nur Materialien eingesetzt werden, die keine Funken reißen. Das heißt: Sprengstoffschneiden mit dem Stahlmesser verbietet sich. Aber mit dem Keramikmesser geht’s.

Ein optimaler Fall für den „Gefahrenbaum“

Der grobe Ablauf an diesem Tag: Die Sprengberechtigten gehen mit dem Messband zu den betreffenden Bäumen und stellen den Durchmesser fest. Dann wird an der dürren Birke schon einmal mit Gaffertape die Sprengschnur festgeklebt. Anschließend werden die Zündschnüre verlegt und in den dicken Eichenstamm vier Löcher gebohrt – so, dass der Baum optimal fällt. Wenn Andreas Fröhlich von dem Gehölz spricht, benutzt er den Begriff „Gefahrenbaum“, was ein bisschen klingt wie „Problembär“, aber zutreffend ist. „Der Forstwirt, der das Sagen hat, kann den Baum nicht mehr selbst bearbeiten“, so Fröhlich. Würde der Waldarbeiter sich mit der Kettensäge daran zu schaffen machen, könnte sich das Blatt festfressen und der Arbeiter sich verletzen.

Baumsprengungen werden heute immer öfter durchgeführt, weil sich unter Forstwirten herumgesprochen hat, dass es sie gibt. Und dass sie weniger Unfallgefahr bergen, als das Niedersägen eines unberechenbaren Trumms von Baum. Das THW in Nordrhein-Westfalen hat insgesamt sieben Fachgruppen fürs Sprengen, die sich auch an anderes wagen. Etwa an Schneefelder, wenn Lawinengefahr besteht. Oder unter Wasser, wenn etwa bei Überschwemmungen das mitgetriebene Holz das Wasser wie einen Damm staut.

Zuverlässigkeit steht mit an erster Stelle

Einfach ist der Job nicht. Neben den hohen fachlichen Anforderungen muss vor allem ein Vertrauensverhältnis vorliegen, denn die Mitarbeiter vom THW setzen sich bei solchen Situationen ja einer gewissen Gefahr aus. „Die gesetzlichen Voraussetzungen sind klar geregelt: Der Sprengmeister muss mindestens 21 Jahre alt sein. Er muss körperlich und geistig geeignet sein. Und er muss auch eine gewisse Zuverlässigkeit aufweisen, die auch überprüft wird.“ Oft werden die Kollegen erst zu Sprengmeistern, wenn sie schon jahrelang ihre Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt haben. Eine Zusatzausbildung ist zudem zu absolvieren, bevor man fit ist. Dafür wird man in gewisser Weise belohnt. Fröhlich: „Das Reizvolle an dem Job ist der Umgang mit einer Arbeit, mit der kein normaler Bürger in Berührung kommt. Der Umgang mit den explosionsgefährlichen Stoffen, die Berechnungen, das Feinjustieren, um ein Objekt vernünftig zu Fall zu bringen.“

Die Sicherheitsanforderungen nehmen an diesem Tag viel Zeit ein, gerade hat noch ein Mitarbeiter einen Trampelpfad entdeckt, der genau auf die Lichtung mit den zu sprengenden Bäumen zuführt. Der muss nun auch noch für mögliche Personen gesperrt werden. „Es sind solche Maßnahmen, wegen denen bei uns noch nie etwas passiert ist“, erzählt Fröhlich. Wir stehen nun mehr als 300 Meter von den Bäumen entfernt leicht in Deckung. Die Zündschnüre führen zum elektrischen Zünder, den die Sprengmeisterin hält.

Das Sprengsignal ertönt, die letzten zehn Sekunden vor dem Knall

Mit einem Horn gibt Fröhlich das erste Sprengsignal, einen langen Ton, dann erfragt er von allen Sicherheitsposten, ob alles okay ist. Darauf ertönt das zweite Signal, zwei kürzere Töne. Er gibt durch, dass die Sprengung in zehn Sekunden bevorsteht. Die Sprengmeisterin zählt: drei, zwei, eins, kabumm. Am Birkenstamm flammt es auf, der Baum fällt. Wenig später, diesmal darf der Sprengmeister ran, dieselbe Prozedur. Und drei, zwei, eins. Kaaaaaaaaabuuuumm. In einer Zehntelsekunde reißt es den Stamm der Eiche von innen auseinander, diesmal ohne sichtbare Flammen, dafür umso lauter und heftiger. Der Stamm kippt exakt in die vorausberechnete Richtung. Maßarbeit.

Bei der Inspektion des Eichenstumpfs wird klar, wie gewaltig die Kraft war, die hier waltete. Mit einer Geschwindigkeit von 3500 bis 4000 Metern pro Sekunde hat sich der Sprengstoff bei der elektrischen Zündung ausgebreitet – und machte aus massivem Holz ein Spalier aus Splittern. Der Sprengmeister schaut sich das an – und lächelt zufrieden. Baum gefällt, niemand zu Schaden gekommen. So soll es sein. Denn Sicherheit ist alles.

 
 

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