Auch unter der Erde ändern sich die Moden

Dieter Hopf handelt mit Pietätsbedarf aus der Pfalz bis ins Ruhrgebiet.
Dieter Hopf handelt mit Pietätsbedarf aus der Pfalz bis ins Ruhrgebiet.
Foto: Lars Heidrich
Die Firma „Pietätsartikel Hopf“ verkauft seit Jahrzehnten Bestattungszubehör. Auch bei Kreuzen und Kerzen ändern sich die Geschmäcker.

Reilingen..  Großmutter hat Sargkissen genäht und Großvater hat sie verkauft: So bestechend beginnt 1929 die Geschichte der Firma „Pietätsartikel Hopf“. Seitdem ist sie dermaßen gewachsen, dass ihr Enkel Dieter Hopf heute sagen kann: „Wir sind ein Vollsortimenter, wie Rewe.“ Da wird er wissen, was sich gerade wandelt im Bestattungswesen; ein Mann, der sagt, er sei „mit jedem Mittagessen mehr in den Familienbetrieb hineingewachsen“.

Hopfs nach eigenem Bekunden „älteste und größte Spezialfirma für Bestattungszubehör in Deutschland“, gelegen in Reilingen in der Pfalz, kann Särge und Urnen liefern, Erdwurfschaufeln und Grabbagger, Aschekapseln und Grabrandlaufroste, Talare, Leuchter, Kreuze, Kranzständer, Sargversenkungsgerät, Aufbahrungskühlvitrinen, insgesamt über 20 000 verschiedene Artikel, die außerhalb von Bestatterkreisen niemand kennt. Sogar Plastikspardauerkerzen.

Plastiksparwas?

Plastikspardauerkerzen! Große, ummantelte Kerzen, deren Flamme immer oben bleibt, weil eine Feder sie ausgleichend hochdrückt: egal, wie viel Wachs im Innern bereits verbrannt ist. Wenn man weiß, wo, zeigt das nahezu ewige Licht praktischerweise auch an, wann es ausgewechselt werden muss.

Hopfs Kundenkreis reicht dabei durch Süd- und Westdeutschland genau bis zum Nordrand des Ruhrgebiets. „Man muss schnell da und abends wieder zuhause sein können“, sagt der 58-Jährige aus der Nähe von Hockenheim. Denn „das Wichtigste ist: Der Bestatter weiß, er kriegt die Dinge rechtzeitig.“

Etwas tückisch ist es hingegen, wenn der Außendienst seine Termine plant: „Wenn man Termine macht für ein paar Tage später, weiß man ja noch nicht, was der Endkunde braucht. Denn er lebt ja noch.“ Die Hopfschen Sprinter-Lieferwagen führen daher ständig eine gewisse Grundausstattung mit sich.

Doch auch unter der Erde ändern sich Moden, wenngleich nicht so schnell. Herr Hopf, was tut sich denn da? „Früher war alles weiß und der Sarg war braun. Inzwischen geht alles.“ Talare und spezielle Bestattungskleidung zum Beispiel seien entschieden auf dem Rückzug, der Trend sei, in den eigenen Kleidungsstücken aufgebahrt und beerdigt zu werden. „Damit die Leute jemanden wiedererkennen. Die Großmutter liegt da im Kleid, der Feuerwehrmann in Uniform, der Jäger im Wams.“ Das letzte Hemd: gern was Eigenes.

Mit zunehmender Vielfalt hat es inzwischen auch Dietmar Dietel zu tun, der hier im Hause mit der Spritzpistole Urnen gestaltet. Die Wappen von Fußballvereinen sprüht er ihnen auf, die deutschen Farben, immer wieder auch liebliche Landschaften. „Die Leute wünschen sich Motorräder oder Feuerwehrautos auf den Urnen, Porträts ihrer selbst oder Paarbilder, die Mona Lisa, in seltenen Fällen Schrift: ,In ewiger Liebe.’ Oder sie wünschen sich genau den Leuchtturm, der zuhause auch an der Wand hängt.“

Fragt man den „Bundesverband Bestattungsbedarf (BVB)“, so wird dort auf der Basis von 925 000 Sterbefällen in Deutschland im letzten Jahr ein „Wettlauf um eine immer günstigere Bestattung“ beklagt: „Wir dürfen die Ehrung unserer Toten nicht dem nackten Ringen um Euros unterordnen“, heißt es dort nicht ganz uneigennützig. Und: „Die Erdbestattung verliert an Bedeutung, es entstehen anonyme Grabfelder, Trauerfeiern werden auf das Nötigste begrenzt, die Grabpflege wird zurückgefahren.“

„85 Prozent der Menschen glauben,sie hätten das ewige Leben“

Eindeutig wünscht man sich daher beim Bestatterverband, dass Sterbeverfügungen nach dem Vorbild von Patientenverfügungen üblicher werden. Darin könne man noch zu Lebzeiten selbst festlegen, ob man Erd- oder Feuerbestattung wünsche, Friedhof oder Friedwald oder Urnenkirche, welchen Grabschmuck, -stein oder -spruch, einfach alles, bis hin zur abschließenden Gästeliste.

„Diesen letzten Willen kann man als Testament auffassen. Im Prinzip ist das bindend“, sagt BVB-Sprecher Christoph Windscheif. Freilich ist die Sterbeverfügung, anders als in der Schweiz, recht selten in Deutschland. Denn „85 Prozent der Menschen, mit denen ich zu tun habe, glauben, sie hätten das ewige Leben“, sagt Hauptgeschäftsführer, Dirk-Uwe Klaas.

Doch zurück nach Reilingen, zu den sich wandelnden Pietätsartikeln. Aktuell stehen im Hof drei hölzerne Kreuze nebeneinander: Ein Test von unterschiedlichen Schutz-Lacken ist hier im Gange, denn die Kreuze müssen auf einem frischen Grab mehrere Monate durchhalten, bis der Stein kommt. Wenn er überhaupt noch kommt: Auch Steinmetze fühlen sich zurückgesetzt in modernen Zeiten.

Acht oder neun Näherinnen beschäftigt Dieter Hopf für schnell zu erfüllende Sonderwünsche noch, ein winziger Rückzugsraum der deutschen Textilindustrie: Während Näherinnen in Nordafrika und Südamerika die Standardartikel produzieren. Gibt es denn auch etwas, was niemand mehr nimmt? Der Chef schickt eine der Frauen ins Lager, sie kommt weisungsgemäß zurück mit einem Stück Tüll, worauf in Schreibschrift steht: „Ruhe sanft.“

„So etwas wurde früher aufgenäht, das geht praktisch gar nicht mehr.“ Auch Eichensärge seien völlig, Mahagonisärge komplett aus der Mode. Und Kremationssärge werden immer schlichter, „einfachste Särge in Rohausführung“, wie die offizielle Beschreibung heißt: Die trauernden Hinterbliebenen nehmen sie vor allem dann gern, wenn der teure Tote nicht mehr ausgestellt wird vor der Verbrennung.

Für die Zukunft des Hopfschen Pietätshandels insgesamt kann man freilich zuversichtlich sein: Tochter Valerie, die das Unternehmen als vierte Generation eines Tages übernehmen könnte, studiert. Und zwar: Modehandel.

 
 

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