Am Ende eines großen Romans

Britta Heidemann
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In der Welt haben wir Angst. Vor allem davor, die Welt verlassen zu müssen. Wer an Gott glaubt, mag die Todesfurcht überwinden und dieser Tage in aller Seelenruh’ Schokohasen knabbern, aber was ist mit den anderen? Sie könnten sich trösten lassen von Julian Barnes: „Nichts, was man fürchten muss” ist ihm der Tod; im gleichnamigen Buch beschreibt er auf ureigene Weise, wie verstorbene Verwandte, tote französische Autoren und zufällig noch lebende Philosophen seine Sicht der letzten Dinge prägten.

„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.” So beginnt Barnes. Sein Bruder, Professor der Philosophie, aber bezeichnet den Satz umgehend als „sentimentalen Quatsch” und ist somit eingeführt als wiederholt auftretender Skeptiker in Barnes’ sehr persönlichen Selbstbetrachtungen. Den Tod des Vaters (ein „todesfürchtiger Agnostiker”) und der Mutter („furchtlose Atheistin”) schildert der 62-jährige Brite eindrücklich – aber auch die „Familientradition, aus trivialen Gründen die Religion aufzugeben”.

Woher kommt das Vermissen? Weil die Religion (historisch zumindest) Sinn und Ernsthaftigkeit bot, antwortet Barnes sich selbst, vor allem aber: „Weil sie eine Fiktion erster Güte war und weil es normal ist, am Ende eines großen Romans ein Gefühl des Verlustes zu spüren.”

Vielleicht werden Menschen dereinst so ratlos vor dem Kreuz stehen wie wir heute vor kykladischen Statuen, überlegt Barnes und zitiert den britischen Dichter Philip Larkin: „Werden wir ein paar Kathedralen chronisch zur Schau stellen?” Spätestens hier sind wir ganz in Barnes’ Welt, in der alles mit allem zusammenhängt und die großen Fragen zu kleinen Dingen des Alltags führen. Zum Beispiel zu den geliebten Nackenhaaren seiner neben ihm schlafenden Ehefrau: Schon in der „Geschichte der Welt in zehneinhalb Kapiteln” zitierte Barnes in dem wunderbaren „halben“ Kapitel über die Liebe eine Gedichtzeile Larkins – und versuchte zu widerlegen, dass das, was von uns bliebe, tatsächlich die Liebe sei.

Das Stendhal-Syndrom

So rational, so (text-)kritisch zeigt Barnes sich nun erneut: Die Wirkung religiöser Stätten auf Ungläubige durchdenkt er anhand des Stendhal-Syndroms: Im Bericht „Reise in Italien” beschrieb der französische Romancier 1826 Herzklopfen und eine Art Nervenanfall beim Besuch der Kirche Santa Croce in Florenz. Für Barnes der Moment, „an dem ästhetische Verzückung an die Stelle religiöser Erfurcht trat”, denn Stendhal glaubte nicht an Gott. Doch in seinen Tagebüchern von 1811 schrieb der Franzose, da noch als Henri Beyle, nichts, was auf Kunst-Taumel deutete: Stendhal litt nicht am Stendhal-Syndrom!

Erinnerung und Erfindung, das sind Barnes Lieblingsthemen. Er glaubt nichts: schon gar nicht der Literatur. Tatsächlich weicht er ja selbst seinem eigentlichen Thema, dem Tod, mit seinen humorigen literarischen Eskapaden aus.

Was soll uns da noch trösten? Vielleicht die Erkenntnis, dass unsere Todesfurcht den lebensverlängernden Wundern der Medizin geschuldet ist, die Sterbende aus ihrem Heim ins Krankenhausbett holte. Der Tod rückt ab von uns, auch zeitlich: Einst wurden Menschen ja kaum alt genug fürs Nachdenken am Lebensabend. So galt das „Schwinden der Kräfte infolge sehr hohen Alters” zu Zeiten des Essayistikers Michel de Montaigne (1533-1592) als „seltener, eigenartiger und außergewöhnlicher Tod”.

Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste. Kiepenheuer&Witsch, 333 S., 19,95 €