Als die Grenze zum Nachbarn sündig war

„Haben Sie etwas zu verzollen?": Manchem Fahrer trat 1960 bei dieser Frage Angstschweiß auf die Stirn.
„Haben Sie etwas zu verzollen?": Manchem Fahrer trat 1960 bei dieser Frage Angstschweiß auf die Stirn.
Foto: Zoll
Die Ferien haben begonnen, viele erinnern sich noch an die Zitterpartien bei der Fahrt über die Grenzen, die es früher in Europa gab. Damals gab es ständig Stau - und mancher Kaffeeschmuggler ließ sein Leben, weil er keine Steuern zahlen wollte.

Elten. Zoll. Douane. Zwei Worte im roten Rand und durch einen schwarzen Balken getrennt. Es war das Verkehrsschild, das den Eltern vorne den Angstschweiß aus den Poren drückte. Hinten verkrümelten sich die Kinder lieber in die Rücksitze. Der Strand zum Urlaubmachen? Noch zwei Autostunden entfernt. Der Schlagbaum, den der liebe Gott vor die Ferienlaune gesetzt hat und auch ans Ende des Urlaubsglücks? 500 Meter voraus. „Habt Ihr die Pässe?“ „Müssen wir den Kofferraum aufmachen?“ Oder, die Zitterpartie: „Ob die das finden?“

Angstraum Grenze. Da wartete bis 1993 die Obrigkeit. Da standen 40 000 Zollbeamte, die die deutschen Grenzen bewachten, kontrollierten und nach „anzumeldender Ware“ fragten. Über 815 Kilometer waren die gewundenen, Respekt einflössenden Linien auf der Landkarte zu Österreich gezogen, 440 Kilometer waren es zu Frankreich, 562 zum nahen Holland.

Elten und Venlo hießen die Nadelöhre, Weil am Rhein zur Schweiz oder Kiefersfelden und Schwarzbach-Autobahn auf dem Weg nach Tirol, Kärnten oder Italien. Andere Orte, Helmstedt-Marienborn und Herleshausen-Wartha, standen in den Jahrzehnten davor für Minen und Stacheldraht, für die Grenze im Osten der alten Bundesrepublik, die geteilt hat und die tatsächlich furchterregend war.

Durch die Geschichte der Wegemaut

Der Aachener Uwe Büttner ist im westlichen Grenzgebiet aufgewachsen. An der einen Seite der Stadt: Belgien. An der anderen: die Niederlande. Uwe Büttner steht am längst pensionierten Zollamt, wo die Horbacher Straße heute ereignislos in die Heerlerbaan übergeht, die Holland ist. Zwei angerostete Schlagbäume und ein paar Grenzsteine sind vor dem Eingang postiert. Zeugen scheinbar längst vergangener Zeiten.

In die ehemalige Abfertigungsanlage ist das Zollmuseum Friedrichs eingezogen. Hier führt Büttner durch die Geschichte der Wegemaut. Sie erzählt von den Sumerern und dem verachteten Zöllner Matthäus, von den rüstungsbewehrten Mautnern des 16. Jahrhunderts, vom elektrisch geladenen Drahtzaun zwischen Aachen und Knokke, der während des Ersten Weltkriegs 3000 Menschen das Leben kostete, und vom europäischen Binnenmarkt und dem Vertrag von Schengen. Es gab die armen, ertappten Sünder und die Zollgewinnler im Lauf der Jahrhunderte: Das alte Köln habe „das große Geld abgestaubt mit den Rhein-Zöllen“, sagt Büttner. Er berichtet von den Methoden der Schmugglermädchen, die „Schwarze Katz“, eine Kaffee-Marke, auch mal im Kinderwagen unter Kind und Bettdecke versteckten, und wie das mit dem langen Warten war, als in den strengen 50ern in der heißen Mittagssonne alle Viertelstunde jeweils nur 15 Personen zur Einreisekontrolle aufgerufen wurden: „Wenn Sie da ein Pfund Roomboter versteckt hatten, dann lief das Ihnen die Hosenbeine runter“.

„Habt Ihr auch Kaffee getrunken?“

„…oder, im Winter, da haben sie sie neben der Heizung warten lassen“. Jürgen Hoymann bestätigt die Butter-Story. Auch Hoymann kennt die kleinen, weniger feinen Tricks, mit denen der Zoll gerne die schmuggelnde Kundschaft enttarnte. Hoymann ist heute Ermittler der Finanzkontrolle Schwarzarbeit und beschäftigt sich – Hobby! – mit der Geschichte des Zolls. Aber er war selbst lange Jahre im Grenzdienst von Goch und Elten im Einsatz. Riesige Anlagen waren das, in denen bis zu 500 Beamte arbeiteten. „Bei uns gab es Kollegen, die haben die Kinder gefragt: Wie war es denn im Urlaub? Habt Ihr auch Kaffee getrunken?“ Wenn der Neugierige in Uniform Glück hatte, prustete der Nachwuchs auf der Rückbank los: „Wir haben ganz viel Kaffee dabei“.

Was heute Kokain ist, war in den frühen Jahren der Republik Koffein. Es war das Schmuggelgut Nr. 1. Das Kilo kostete in den Niederlanden 24 Gulden, in Belgien umgerechnet zwölf. Die Deutschen zahlten alleine 30 Mark Steuern auf die gleiche Menge. Bohnenkaffee also stand nicht regelmäßig auf der deutschen Tageskarte der Nachkriegszeit. So kamen arme Bauernjungen durch Schmuggel zu Einnahmen, die dem Monatsverdienst eines Zollinspektors entsprachen.

Was die wenigstens wissen: Das dramatische Preisgefälle ging für sehr viele tödlich aus – vielleicht einer der Gründe für den Schrecken, den Grenzanlagen noch über Jahrzehnte verbreiten sollten. Im Eifler Kaffeekrieg, verfilmt im Streifen „Die sündige Grenze“, starben 50 Menschen. Es waren meist junge Schmuggler, bei der Jagd durch den dichten Grenzwald in den Rücken geschossen mit Waffen, die als Überlassung der britischen Armee an den deutschen Zoll wenig zielgenau trafen. Auch Zöllner waren unter den Toten. Man kämpfte mit „Igelketten“ und „Krähenfüßen“, um Flucht und Verfolgung mit Autos zu stoppen, und erschlug Zollhunde. 1954 wurde die Lage ruhiger. Deutschland hatte die Kaffeesteuern gesenkt.

Das verräterische grüne „E“

Grenzen haben inzwischen, Zug um Zug, an Bedeutung verloren. „Die Nervosität“ am Schlagbaum, wie sie der niederrheinische Ermittler Hoymann noch gut kennt, ließ schon nach, als der Eltener Zoll 1985 die Kontrolle „auf der Spur“ aufgab – und damit die berüchtigten Grenzstaus zum Ferienbeginn oder zu den in Holland einkaufsoffenen zweiten Feiertagen Ostern und Pfingsten deutlich verkürzte. Von nun an wurden nur noch einzelne Fahrzeuge in Kontrollboxen gewunken. Das grüne „E“ an der Frontscheibe – es sollte zeigen: „Ich bin EU-Bürger und habe nichts zu verzollen“ – erwies sich indes als Flop: Es wurde missbraucht. Das provozierte den Zoll und garantierte eine extra genaue Kontrolle.

Am Ende, nach der Einheit, ist der Binnenmarkt gekommen. Die Grenzkontrollen sind heute verschwunden ebenso wie die eng bemessenen „Freimengen“, die die Deutschen aus dem EU-Ausland mitbringen durften. Statt Tempo 10 ist jetzt Tempo 100 an den Grenzübergängen erlaubt. Bei Goch ist ein Reisebüro ins Abfertigungsgebäude eingezogen, in Elten grüßen die blinden Scheiben. Das leer stehende Gebäude hat einen Wasserschaden. Wohl fehlt auch dem Staat das Geld zum Abriss.

Jürgen Hoymann sagt: „Ich bin froh, dass die Grenzen weg sind“. Der Zoll hat längst seine Fahndung anders aufgestellt. Noch fahren seine grün-weißen Streifenwagen Patrouille. Aber er operiert im Inland und mit Zielfahndern im Ausland und jagt weder Kaffee- noch Roomboter-Schmuggler, sondern hat die wirklich schwere Kriminalität im Visier: Drogendealer, Plagiateure, Geldwäscher und Waffenhändler. Zunehmend geht ihm, wie an der Grenze zur Schweiz, dabei der eine oder andere Steuersünder ins Netz, der sein Geld retten will. Hoymann erinnert sich aber auch an die Zeit, als mehr als 60 Prozent der kriminellen Aufgriffe an den Grenzen erfolgten: „Das Nadelöhr war mit Sicherheit effektiv“.

Uwe Büttner in Aachen glaubt gerade in diesen Tagen des Weltkriegs-Gedenkens, dass es der Frieden in Europa wert ist, dass die Schlagbäume verschrottet wurden. Oder zumindest hinrosten. Wie die vor seinem Museum. Jetzt sucht er jemanden, der ihm die Sperren preiswert neu streicht.

 
 

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