Ärzte in Herne therapieren Patienten mit Theaterspielen

In ihren Kostümen wachsen die Patienten wie der „Kaiser“ über sich hinaus.
In ihren Kostümen wachsen die Patienten wie der „Kaiser“ über sich hinaus.
Foto: Ralf Rottmann
Die Bühne als Behandlungsraum: In der offenen Psychiatrie am St. Marien Hospital Eickel in Herne spielen Ärzte und Patienten zusammen Theater.

Herne.. Sie weint so laut und herzzerreißend, dass man sich die Ohren zuhalten möchte. Doch von einer Sekunde auf die nächste strahlt sie wieder über ihr weiß geschminktes Gesicht: Sie denkt an ihren Prinzen. Aber ihr Vater wird es niemals erlauben, dass sie ein Liebespaar werden dürfen! Und sogleich heult sie wieder los.

Diese Szene spielt sich im Souterrain des St. Marien Hospitals Eickel ab. Die Frau mit dem Fächer in der Hand war Patientin der psychiatrischen Abteilung der Klinik. Die Betonung liegt auf dem Wort „war“. Denn Elena Keiner hat gelernt, mit ihrer Depression zu leben. Dabei hat es ihr geholfen, Prinzessin zu sein.

Die junge Frau probt diese Rolle seit zwei Jahren zusammen mit anderen Patienten: Drei Mitglieder der rund 15-köpfigen Theatergruppe sind Mitarbeiter der Klinik in Herne. Doch wer Patient und wer Arzt ist, erahnt der Zuschauer nicht. Das „PSY-Theater“ probt für den großen Auftritt: „Des Kaisers neue Kleider“. Hans Christian Andersens Märchen über ein narzisstisches Staatsoberhaupt, das sich wie seine Untertanen von Betrügern blenden lässt.

„Mehr Aufregung auf der Bühne! Mehr Getuschel!“, ruft Regisseurin Liliana Moncada-Zervakis – im wahren Leben ist sie Assistenzärztin. Aber auch ohne das Oh und das Ah der Untergebenen strahlt der Kaiser mit der Krone und der kerzengeraden Haltung Würde aus. Arzt? „Patient!“, stellt Liliana Moncada-Zervakis später lachend klar und erzählt begeistert, wie der „Kaiser“ innerlich gewachsen sei. „Er ist sehr selbstsicher geworden.“

Die todunglückliche und himmelhochjauchzende Prinzessin ist für Elena Keiner die perfekte Rolle, „um zu lernen, mit Emotionen umzugehen.“ Die 22-Jährige hat Depressionsschübe. Sie sei nicht mehr so gehemmt, anderen zu zeigen, wie sie sich gerade fühlt. „Ich kann heute mehr aus mir herausgehen.“ Auch fühle sie sich ihren Emotionen nicht mehr ausgeliefert. Sie weiß, dass sie aus ihnen wieder herauskommt, wie aus ihrer Prinzessinnen-Rolle.

Eine extreme Form der Verhaltenstherapie

„Es ist eine extreme Form der Verhaltenstherapie“, sagt auch Chefarzt Dr. Peter W. Nyhuis. Natürlich könne das Theater nicht die Gesprächstherapie ersetzen. Auch sei die Bühne nicht für jeden das Richtige. Aber sie ermögliche zum Beispiel, dass man wieder hartnäckig ein Ziel verfolgt, man Veränderungen wirklich spürt und sie nicht nur durchdenkt: „Wie stelle ich Wut dar? Ärger, Freude, Trauer? Das ist etwas, das bei einer ganzen Reihe von psychischen Erkrankungen verarmt ist.“ Auf der Bühne können solche Gefühle gelebt werden.

Nyhuis glaubt an solche kreativen Ansätze, als Teil der offenen Psychiatrie in dem Herner Hospital, das keine geschlossenen Stationen hat. Der Arzt sei nicht allwissend, er stehe dem Patienten zur Seite, wenn er für sich erarbeitet, wie er sein Leben führen möchte.

„Ich darf mit diesen Leuten ganz locker sein“, sagt auch der Assistenzarzt Giorgos Stavropulos, der mal nicht der Behandler auf dem Stuhl gegenüber ist. Auf der Bühne greift er mit den Händen in die Luft. Als betrügerischer Designer mit lilafarbener Perücke behauptet er, dass er ein Gewand zeige, das nur kluge Menschen sehen können.

Seine Kollegin Moncada-Zervakis hat mehrere Jahre lang mit Kindern Theater gemacht. Das sei ihr für dieses Projekt zugutegekommen, denn während man bei einer anderen Amateurgruppe das Befinden des Einzelnen nicht sehr berücksichtigen muss, achtet sie hier genau darauf, von wem sie wann, was und wie viel verlangen kann. So muss man etwa Menschen mit Lampenfieber anders begegnen, wenn sie eine Angststörung haben.

„Ihr habt heute viel improvisiert“, sagt Moncada-Zervakis nach der Probe – anerkennend. Denn auch dieses Improvisieren, so erzählen die ehemaligen Patienten, würde ihnen im wahren Leben helfen, immer einen Weg zu finden, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht.

Als die Prinzessin laut und herzzerreißend weint, hält sich laut Drehbuch wirklich jemand die Ohren zu: „Security 1 und 2“. Eine Frau mimt zwei Wachleute – gleichzeitig. Schaut sie nach rechts, sieht man ihre schwarz gekleidete Seite. Dann spricht sie im militärisch-harten Ton. Schaut sie nach links, sieht man den pinken Teil ihres zweifarbigen Anzugs – ihre Stimme wird hoch, lieblich. Zwei Stimmen, die miteinander streiten, in einer Person. „Wir kokettieren mit den psychischen Erkrankungen“, sagt Moncada-Zervakis. Aber nicht, um sich lustig zu machen, sondern um sich auch dadurch zu stärken: „Dazu gehört viel Selbstbewusstsein.“

 
 

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