Zukunft bei Bosch - Per Smartphone in den Kühlschrank schauen

Volkmar Denner ist Vorstandsvorsitzender bei Bosch.
Volkmar Denner ist Vorstandsvorsitzender bei Bosch.
Foto: getty
Im Interview spricht Bosch-Vorstandsvorsitzender Volkmar Denner über das Auto der Zukunft, Elektromobilität und Kaufanreize. Und er öffnet einen Kühlschrank mit integrierter Kamera.

Bochum.. In der 129-jährigen Geschichte des Erfinders der Autoelektrik ist Volkmar Denner erst der siebte Lenker bei Bosch. Seit 2012 stellt der Vorstandschef den Konzern mit weltweit 290.000 Mitarbeitern neu auf. Der Zweiradfan und Physiker (58) beantwortete Fragen von Gerd Heidecke zum Auto und zum Kühlschrank der Zukunft.

Herr Denner, Bosch gilt als schwäbisch-konservativ und hierarchisch. Sie haben den Extra-Aufzug für Chefs in der Konzernzentrale abgeschafft. Wie definieren Sie moderne Unternehmenskultur?

Volkmar Denner: Ich weiß nicht, wo Sie dieses Bild her haben. Ich glaube nicht, dass das noch der aktuellen Situation entspricht. Kommen Sie mal vorbei und besuchen unseren neuen Forschungscampus in Renningen oder die Bosch Start-up GmbH. Da gibt es vielleicht viele Schwaben, aber die sind weder konservativ noch hierarchisch.

Unsere Start-up-Plattform ist auch ein gutes Beispiel für das, was für mich heute ein wesentlicher Teil einer modernen Unternehmenskultur ist: Gründergeist – auch oder gerade in etablierten Unternehmen. Wir fördern bei Bosch zunehmend das Unternehmertum im eigenen Unternehmen.

Bosch ist einer der größten Automobilzulieferer der Welt, die Kraftfahrzeugtechnik trägt zwei Drittel zum Jahresumsatz bei. Wo liegen die größeren Chancen: bei Elektromobilität oder autonomem Fahren?

Denner: Bosch versteht sich nicht länger als reiner Automobilzulieferer. Zusätzlich zu Komponenten und Systemen bieten wir unseren Kunden künftig auch Mobilitätslösungen an. Wir setzen dabei ganz wesentlich auf die Vernetzung, auch des Autos. Das Auto der Zukunft fährt nicht nur elektrifiziert und automatisiert, sondern auch vernetzt.

Bosch ist wie kein anderes Unternehmen in allen dieser Bereiche aktiv und kein anderes Unternehmen kann alle drei Bereiche so gut verbinden wie wir. Elektromobilität und automatisiertes Fahren sind zwei der drei maßgeblichen Entwicklungsfelder der Autoindustrie – und damit auch von Bosch.

Wann könnten abseits der rechtlichen Voraussetzungen sich selbst steuernde Serienfahrzeuge auf den Markt kommen?

Denner: Automatisiertes Fahren kommt schrittweise. Jede Teilfunktion bis hin zum vollautomatisierten Fahren wird den Kunden bereits einen enormen Nutzen bringen und wesentlich zur Vermeidung von Unfällen und zur Steigerung des Fahrkomforts beitragen. Aktuell geht beispielsweise unser Stauassistent bei einem europäischen Hersteller in Serie. Der Stauassistent ist eine teilautomatisierte Fahrfunktion und übernimmt in dichtem Verkehr bis Tempo 60 das Bremsen, Gas geben und Spur halten.

Allerdings muss der Fahrer das Fahrzeug noch permanent überwachen. Diese Überwachungsaufgabe entfällt beim hochautomatisierten Fahren, das wir bis 2020 erwarten. Der Autobahnpilot von Bosch fährt Sie dann automatisch von Auffahrt bis Abfahrt. Das vollautomatisierte Fahren in eingeschränktem Geschwindigkeitsbereich und bekanntem Umfeld wird bereits früher kommen, beispielsweise beim vollautomatischen Parken.

Ein anderes Beispiel dafür ist das Google Car, das Bosch mit wesentlichen Komponenten ausrüstet. Dieses schrittweise Vorgehen ist notwendig, um zum einen technisch ausgereifte Systeme zu entwickeln. Zum anderen halten aktuell die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht Schritt mit den technischen Möglichkeiten des automatisierten Fahrens.

NRW hat sich mit seinem dichten Autobahnnetz als Testfeld für autonomes Fahren ins Gespräch gebracht. Was muss eine Autobahn als Erprobungsstrecke mitbringen?

Denner: Um das automatisierte Fahren zur Serienreife weiterzuentwickeln, sind Tests im öffentlichen Straßenverkehr unerlässlich. Wir sind bereits seit Anfang 2013 mit unseren Erprobungsfahrzeugen in Deutschland auf der A81 und auch in den USA unterwegs – im regulären Verkehrsbetrieb.

Um insbesondere hoch- und vollautomatisierte Fahrfunktionen zu testen, hilft die entsprechende technische Infrastruktur auf bzw. entlang der Autobahn. Eine wesentliche Voraussetzung ist übrigens auch ein durchgängig stabiles und schnelles Mobilfunknetz.

Warum tut sich die Elektromobilität so schwer in Deutschland? Brauchen wir staatliche Kaufanreize?

Denner: Das Elektroauto muss sich ohne staatliche Kaufanreize am Markt behaupten. Und das wird es auch auf absehbare Zeit. Davon bin ich fest überzeugt. Es gibt für Elektroautos ein wesentliches Kaufargument. Fahrspaß! Drehmoment und Beschleunigung begeistern jeden.

Allerdings stimmt es, dass wir die Kosten noch deutlich senken müssen. Die Batterie ist hier der Schlüssel, da sie alleine 80 Prozent der Kosten des Antriebsstrangs ausmacht. Wir sind zuversichtlich, dass wir bis 2020 die Kosten von Batterien halbieren und deren Energiedichte verdoppeln können.

Bosch hat sich von der verlustbringenden Solarsparte getrennt, dafür das Gemeinschaftsunternehmen mit Siemens für Hausgeräte komplett übernommen. Wie schätzen Sie das Tempo der Vernetzung von Hausgeräten ein? Wann gibt es den Kühlschrank, der automatisch per Internet die Milch nachbestellt?

Denner: Seit Ende vergangenen Jahres können Kunden schon vernetzte Hausgeräte von Bosch kaufen. Spätestens im Herbst wird es in allen Produktkategorien vernetzte Geräte der BSH Hausgeräte GmbH geben. Mit einem Kühlschrank mit Home Connect-Funktion können Sie unterwegs auf Ihrem Smartphone auch Bilder aus dem Inneren Ihres Kühlschranks abrufen. Sie sehen dann, wie viel Milch noch da ist und ob Sie welche besorgen müssen.

Über die Home Connect App können Sie künftig nicht nur Ihre Geräte vernetzen, sondern auch weitere Dienstleistungen wie Lebensmittellieferungen organisieren. Wichtig ist natürlich, dass wir unseren Kunden Lösungen und Funktionen anbieten, die für sie von Nutzen sind. Diese konsequente Nutzerorientierung wird ein Schlüssel zum Erfolg der Vernetzung sein.

Nur ein Standort von Bosch liegt im Ruhrgebiet. Halten Sie an den Verkaufsplänen für die Windkraftgetriebe-Fertigung in Witten fest?

Denner: Wir stehen derzeit im Gespräch mit einem Industrieunternehmen, das Interesse am Erwerb der Großgetriebesparte von Bosch Rexroth, die in Witten ansässig ist, geäußert hat. Wir nehmen uns für die Gespräche die Zeit, die wir brauchen, um eine für alle Seiten tragfähige Lösung zu finden. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich dazu aktuell nicht mehr sagen kann.

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