Wohlfahrtsverband macht Zeche Zollverein zum Armuts-Symbol

Frank Meßing
Zeche Zollverein ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in NRW - und offenbar auch ein Symbol für Armut.
Zeche Zollverein ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in NRW - und offenbar auch ein Symbol für Armut.
Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool
Spitzenvertreter des Ruhrgebiets kritisieren den Wohlfahrtsverband "Der Paritätische": Er stellt die Essener Zeche Zollverein auf dem Titelblatt seines Armutsberichts als Symbol für Armut dar. Dem Doppelbock steht eine bayrische Lederhose als Zeichen für Wohlstand gegenüber. Laut Regionalverband Ruhr ein „Tiefschlag“.

Essen. Ausgrechnet der Doppelbock. Symbol des Bergbaus im Revier, Wahrzeichen einer ganzen Region. Ausgrechnet das Unesco-Weltkulturerbe, das jeden Ankömmling mit Hinweisschildern an der Autobahn willkomen heißt im Ruhrgebiet, soll nun als Marke für eine Elendsregion stehen? Kein geringerer als der paritätische Wohlfahrtsverband hat den Doppelbock von Zeche Zollverein gekapert und aufs Titelblatt seines Armutsberichts gehoben – als Symbol für Verarmung, im Gegensatz zum Wohlstand, der mit Lederhose und Oktoberfest-Herz nach Bayern verlegt wird.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Spitzen des Regionalverbands Ruhr (RVR) und der Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr schrieben dem Paritätischen einen gepfefferten Brief. Von einem „Tiefschlag“ für das Revier ist darin die Rede. „Mit der Auswahl des Titelbildes schaden Sie unserer Region völlig ohne Not. (...) Sie schmälern somit auch die Chancen der im Armutsbericht thematisierten Menschen im Ruhrgebiet.“ RVR-Direktorin Karola Geiß-Netthöfel, Oberhausens OB Klaus Wehling und Chefwirtschaftsförderer Rasmus Beck werfen dem Paritätischen „Effekthascherei“ und „Polarisierungen“ vor.

Ulrich Schneider zeigt sich „betroffen und nachdenklich“

Gute drei Wochen später reagierte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, der sonst keiner Fernsehkamera ausweicht, mit einer kargen Antwort. „Betroffen und nachdenklich“ habe ihn der Brief aus dem Revier gemacht. „Keinesfalls kann es unsere Absicht sein, dem Ruhrgebiet in irgendeiner Form zu schaden.“ Ansonsten taucht der Paritätische ab, stellt unserer Redaktion nur Schneiders kurzes Schreiben zur Verfügung und will weitere Fragen nicht beantworten.

Was ist denn nun dran an der ewigen Rivalität zwischen Bayern und NRW? Ein Blick zurück zeigt, dass das südlichste Bundesland längst nicht immer so blendend da stand wie heute. Als die Schlote an der Ruhr noch rauchten und auch die Zeche Zollverein noch Kohle förderte, profitierte der Agrarstaat erheblich von der Wirtschaftskraft an Rhein und Ruhr.

Lange half NRW den Bayern

Denn erst seit 2008 ist Bayern der größte Zahlmeister im System des Länderfinanzausgleichs. Bis Ende der 80er-Jahre galten aber auch die Bayern als „arm“ und kassierten ordentlich aus dem föderalen Umverteilungstopf. Etliche Milliarden flossen auch aus NRW in den Süden der Republik. Das hat sich freilich gewandelt: 2012 drückte Bayern 3,9 Milliarden Euro ab, NRW erhielt knapp 402 Millionen Euro.

Die Strukturkrise, die Bayern bis in die 90er-Jahre zu bewältigen hatte, setzte in NRW später ein. Insbesondere das Ruhrgebiet hat den Arbeitsplatzverlust durch den Rückzug von Kohle und Stahl bis heute nicht verkraftet. Das macht sich natürlich auch im Armutsbericht bemerkbar. Der Paritätische spricht von einer „völlig ungebremsten Armutsentwicklung“ im Revier, gar von einem „armutspolitischen Erdrutsch“, der sich 2012 vor allem in Dortmund und Duisburg bemerkbar gemacht habe. Den wohlhabenden Regionen wie Bayern und Baden-Württemberg gehe es immer besser, den „Armutsregionen“ wie dem Revier dagegen immer schlechter, argumentiert der Paritätische.

Zwei Millionen Besucher jährlich

Aber reicht diese Erkenntnis aus, ausgerechnet die Zeche Zollverein als Symbol für Armut auf das Titelblatt des Berichts zu drucken? Bis zu ihrer Stilllegung im Jahr 1986 galt sie als die größte und modernste Schachtanlage der Welt.

Aber auch als Weltkulturerbe seit 2001 und als Leuchtturm der Industriekultur steht Zollverein für erfolgreichen Strukturwandel. Designzentrum, Ruhrmuseum, Ateliers und der Denkmalpfad ziehen jährlich rund zwei Millionen Besucher an. Im Januar sogar die schwedische Kronprinzessin Victoria, die sich auf dem Schacht-Denkmal über die Erfahrungen mit der Kulturhauptstadt 2010 informieren wollte. Zollverein war Kern des Mega-Events und erzeugte Bilder, die um die Welt gingen.