„Wir sind Siemens“

Wollen kämpfen wie die Löwen: Über 3000 Siemens-Mitarbeiter aus NRW protestierten gestern in Duisburg.
Wollen kämpfen wie die Löwen: Über 3000 Siemens-Mitarbeiter aus NRW protestierten gestern in Duisburg.
Foto: Fabian Strauch
Mehr als 3000 Beschäftigte aus allen NRW-Standorten des Konzerns protestieren in Duisburg gegen die Sparpläne des Vorstands

Duisburg..  Mülheim kommt. Und es kommt mit Macht. Noch wirkt die Schar der Siemensianer verloren auf dieser großen Wiese neben der langen Regattabahn in Duisburgs weitläufigem Sportpark Wedau. Doch die Kollegen aus dem Krefelder Bahnwerk, sie sind nur die Vorhut für das, was hier heute folgen soll: der bundesweit größte Aufmarsch von Siemensbeschäftigten, die den Plänen des Konzernvorstandes für weiteren Arbeitsplatzabbau und die Verlagerung ganzer Produktionseinheiten ins Ausland die rote Karte zeigen wollen.

Über 3000 werden es am Ende sein. Mit Trillerpfeifen, Spruchbändern und natürlich mit ihrer schieren Masse demonstrieren sie hier in Duisburg der Konzernleitung um Siemenschef Joe Kaeser im feinen, fernen München, was sie von den Plänen halten: Mit uns nicht! „Wir werden kämpfen wie die Löwen“, lautet die Losung. Doch dazu braucht es: Mülheim.

Dann kommen sie. Der Demo-Zug trifft gestern Vormittag mit leichter Verspätung ein, dafür aber wie choreografiert zum musikalischen Warm-Up des Essener Liedermachers Heiko Fänger, der soeben Neil Youngs Protestsong „Rockin’ in a free world“ angestimmt hat. Klassenkampf pur.

Mülheim kommt nicht allein. NRW ist Siemens-Land. Und sie alle sind dabei: Bocholt. Der Servicestandort Essen. Das Prüfzentrum in Wegberg-Wildenrath am Niederrhein. Der IT-Standort Bonn. Die Niederlassung Köln. Kollegen aus Düsseldorf, Dortmund, Bielefeld, Paderborn, Münster, Siegen und Aachen. Und natürlich Duisburg selbst, wo im örtlichen Kompressorenwerk rund 2700 Leute arbeiten und sie Sorge haben, dass auch hier der Kahlschlag droht, weil Siemens den US-Konkurrenten Dresser-Rand übernehmen will, der in Frankreich ähnliche Industrieverdichter baut. Da braucht man nicht viel Fantasie, was Duisburg ins Haus stehen könnte.

Aber jetzt geht es erstmal um Mülheim. Dort ist die Existenzangst groß. Über 950 Jobs stehen nach Betriebsratsangaben auf dem Spiel. Das Turbinenwerk soll Teile der Generatorenfertigung abgeben an Erfurt, vor allem aber ans Siemenswerk Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina, wo man angeblich näher an den Kunden ist, weil ein deutscher und europäischer Markt für fossile Großturbinen auch wegen der Energiewende in Deutschland nicht mehr existiert. So jedenfalls sieht Siemens-Chef Kaeser die Weltlage.

In Duisburg, ja in ganz NRW sehen sie’s anders. Den Kunden hinterherziehen? Dieses Argument will Knut Giesler dem Weltkonzern nicht durchgehen lassen. „Ohne Export wäre Siemens heute noch eine kleine Elektrobude“, schimpft Nordrhein-Westfalens IG-Metall-Chef. Einer solchen Philosophie folgend dürfe man in Deutschland auch keine Autos mehr bauen. Und die Energiewende habe Siemens schlichtweg verschlafen, wirft Giesler unter dem Beifall der Belegschaft dem Management vor.

Deutlicher noch wird Pietro Bazzoli. „Das haben wir nicht verdient“, ruft Mülheims Betriebsratschef zornig von der Bühne herab. „Das ist geschäftsschädigendes Verhalten. Wir lassen uns nicht von Unternehmensberatern auf die Straße werfen.“ Bazzoli weiß die Massen zu mobilisieren. Nicht die Finanzinvestoren, die Menschen machten das Unternehmen aus, sagt er und schreit in den Jubel der Dreitausend: „Wir sind Siemens.“

Vorsorglich lässt Bazzoli schon mal die Muskeln des kampferprobten IG-Metallers spielen. In Anspielung auf den Kraftwerksgroßauftrag aus Ägypten, den Siemens vergangene Woche an Land ziehen konnte und den die Mülheimer Turbinenbauer vor ihrer Verlagerung zwei Jahre abarbeiten sollen, warnt er: „Wir werden alles geben. Aber dafür muss der Vorstand seine Pläne zurücknehmen.“

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