Wie sich die Industrie im Ruhrgebiet neu erfindet

Ulf Meinke
Foto: WAZ FotoPool
Hoffnungsträger, auch Problemfall, auf jeden Fall prägend: Die Industrie im Revier verändert sich – und mit ihr eine ganze Region. Thyssen-Krupp und Wilo sind nur zwei Beispiele. Ein Streifzug durch die Region, mit Abstechern nach Oberhausen, Essen und Dortmund.

Oberhausen/Essen. Burkhard Drescher steht in einem Käfig, aber er ist bestens gelaunt. Wenn er durch die Gitterstäbe blickt, kann er in der Ferne die Umrisse der Essener Konzernzentralen erkennen. Etwas weiter links liegt Bottrop, jene Stadt, deren Name gerade auf seiner Visitenkarte steht. Doch vor allem ist da Oberhausen, Heimat der „Neuen Mitte“. Der Käfig auf dem Gasometer soll Besucher von unüberlegten Handlungen abhalten, aber irgendwie passt er auch zum Ruhrgebiet, das gelegentlich so wirkt, als sei es gefangen in alten Strukturen – Stadtgrenzen, Regierungsbezirken oder Unternehmenstraditionen.

Strukturwandel, dieses sperrige Wort, erklärt Drescher gerne anhand eines meterlangen Fotos, das die Oberhausener Gutehoffnungshütte im Jahr 1951 zeigt. Es befindet sich im Eingangsbereich des Gasometers und zeigt den gigantischen, von Kohle und Stahl geprägten Industriekomplex. An dieses Bild wird Drescher erinnern, wenn er hoch oben auf dem Dach des Gebäudes steht und auf das Centro zeigt.

Wo früher die Montanwirtschaft regiert hat, befindet sich heute Deutschlands größtes Einkaufszentrum. „Das war radikal“, sagt ­Drescher, der Oberbürgermeister war, als sich Oberhausens freizeitindustrielle Revolution ereignete. Auf den Bergbau- und Hüttenbetrieb folgte die Einkaufs- und Unterhaltungsindustrie. Der Wandel in der Struktur der Stadt war zunächst einmal ein tiefer Bruch.

Englischer Investor ersetzte im Centro Kohle durch Kommerz

Von den Gebäuden der Gutehoffnungshütte sind nur noch ein paar Immobilien im Bauhausstil geblieben, mehr nicht. Das einstige Werksgasthaus steht noch. Es ist heute Teil des Oberhausener Technologiezentrums. Dass es eine englische Investorengruppe um einen gewissen Edwin D. Healey war, die das Centro entworfen hat – aus Sicht von Drescher ist das nur logisch. „Healey kannte Liverpool und Sheffield. Da war der Strukturwandel noch viel härter als im Ruhrgebiet.“ Healey also ersetzte in Oberhausen Kohle durch Kommerz, was andere Investoren nicht davon abhielt, sich ebenfalls auf dem Grundstück anzusiedeln – im Gegenteil.

„Durch die Adresse ,Neue Mitte’ sind Gewerbebetriebe hinzugekommen“, sagt Drescher. Und neue Adressen entstanden, beispielsweise die Europaallee, wo heute der Konzern Bilfinger residiert. Die Gruppe der Centro-Kritiker ist groß, größer aber dürfte die Zahl der Besucher des Einkaufszentrums und seiner umliegenden Kinos und Theater sein. Natürlich waren in den goldenen Jahren der Gutehoffnungshütte weit mehr Menschen auf dem Areal beschäftigt als heute. „12.500 Arbeitsplätze sind es jetzt. Das ist die letzte Zählung, die ich kenne“, sagt Drescher – und verlässt den Käfig auf dem Gasometer, dort oben, wo sich das Ruhrgebiet so gut betrachten lässt.

Warum das Sauerland die neue Industrieregion ist

Begriffe, die groß und wichtig sein sollen, werden gerne mit großen Buchstaben versehen. Also sprechen die Wirtschaftsförderer im Ruhrgebiet vom „Industriellen Kern“. Zwar sei seine Stellung nicht mehr so dominant wie in früheren Jahrzehnten, er trage jedoch noch immer ganz wesentlich „zur wirtschaftlichen Profilierung des Ruhrgebiets“ bei, heißt es im Jahresbericht der Wirtschaftsförderer um Rasmus Beck. Es folgt eine Statistik, die nach wie vor beeindruckend ist: Fast 290.000 Beschäftigte, 78,4 Milliarden Euro Umsatz, mehr als 20.000 Unternehmen – Chemie- und Kunststoffindustrie, Stahlbranche, metallverarbeitende Betriebe, Maschinenbauer, Messtechnikfirmen und Dienstleistungsbetriebe sorgen für jede Menge Aufträge und Arbeitsplätze.

Ein Eingeständnis haben die Wirtschaftsförderer aus dem Revier allerdings auch im Gepäck: „Lange Jahre galt das Ruhrgebiet als das industrielle Herz Deutschlands. Gemessen an den Beschäftigtenzahlen trifft dies heute in Nordrhein-Westfalen für weniger metropolitan geprägte Regionen wie das Rhein- oder Sauerland zu.“ Hinzu kommen weitere Regionen, die stark von der Industrie geprägt werden – der Stuttgarter Raum mit einem Mix aus Maschinenbau, Elektronik und Autoindustrie; das Volkswagen-Städtedreieck Hannover-Braunschweig-Wolfsburg und der Rhein-Neckar-Raum mit seiner chemischen Industrie. Kurzum: Es schlagen viele industrielle Herzen in Deutschland.

Strukturell unterscheide sich das Ruhrgebiet von diesen Regionen, da es stärker auf Zulieferprodukte ausgerichtet sei, analysieren die Wirtschaftsförderer. Für das Ruhrgebiet hat die Industrie nach wie vor eine überdurchschnittlich große Bedeutung. 18,4 Prozent der Beschäftigten arbeiten in diesem Bereich, bundesweit sind es lediglich 16,6 Prozent.

Wie die Dortmunder Firma Wilo die Weltmärkte erobern will 

Oliver Hermes hat sich leicht verspätet. Er war gerade beim Chinesisch-Unterricht. Während seines Studiums hat Hermes begonnen, die ziemlich fremde Sprache zu lernen. Es gab so viele Wirtschaftswissenschaftler, da wollte er etwas Besonderes machen, erzählt er. „Mittlerweile kann ich die Sprache einigermaßen häufig einsetzen.“ Schließlich gehört China zu den wichtigen Märkten für die Dortmunder Firmengruppe Wilo, deren Vorstandsvorsitzender Hermes ist.

Oliver Hermes zählt zur jungen Riege der Chefs im Ruhrgebiet. Gerade einmal 43 Jahre alt ist er, an der Spitze von Wilo steht er schon seit mehr als fünf Jahren. Hermes wohnt in Essen, seiner Geburtsstadt. Als Ort für ein Gespräch über die Region und ihre Industrie hat er ein angesagtes Café an der Rüttenscheider Straße vorgeschlagen, was ganz gut zu einem Unternehmen passt, das sich im Aufbruch befindet. Die Firma Wilo entwickelt und produziert Pumpen für Heizungen in Privathäusern ebenso wie für große Wasserversorger oder Klärwerke. Wilo hat Werke in Großbritannien und Frankreich, China und Indien, in den USA und Korea.

Das Unternehmen profitiert von globalen Trends wie Urbanisierung, Energieknappheit und Klimawandel. Die Ingenieure von Wilo sollen Produkte entwickeln für Regionen, in denen das Wasser knapp oder die Luft schmutzig ist. In den vergangenen Jahren ging es rasant aufwärts für die Firma. Der Umsatz liegt schon bei rund 1,23 Milliarden Euro. Im Jahr 2020 sollen es zwei Milliarden Euro sein.

Im Ruhrgebiet hat es der Mittelstand traditionell schwer

Harald Rutenbeck spricht gerne über seine Heimatgemeinde Schalksmühle und das verblüffend hohe Pro-Kopf-Einkommen vor Ort. „In Südwestfalen – und nicht etwa im Ruhrgebiet – befindet sich der stärkste Industriestandort Nordrhein-Westfalens“, sagt der Unternehmer, der auch Präsident der Industrie- und Handelskammer ist. Rutenbeck erwähnt Unternehmen aus der Stahl- und Metallverarbeitung, Autozulieferer oder Maschinenbauer. Mehr als jeder zweite Beschäftigte in der Region arbeite im produzierenden Gewerbe. Oft sind es inhabergeführte Betriebe, die vergleichsweise sichere Jos bieten. Davon weiß der Südwestfale Rutenbeck zu berichten.

Im Ruhrgebiet dagegen ist der Mittelstand unterrepräsentiert. „Im montanindustriellen Ruhrgebiet konnte sich der Mittelstand nur schwach entwickeln“, analysiert Werner Müller, der frühere Wirtschaftsminister an der Spitze der RAG-Stiftung. Jahrzehntelang haben große Kohle- und Stahlunternehmen das Revier dominiert. Die Folgen sind bis heute zu spüren. Uwe Neumann vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) sagt, in früheren Jahren sei die feste, am besten lebenslange Anstellung in einem der großen Ruhrgebietsunternehmen Wunsch vieler Menschen gewesen, da sie hier ein relativ gutes Auskommen hatten. Eine selbstständige Tätigkeit erschien da wenig attraktiv. „Solche eingeschliffenen Orientierungen werden durchaus auch über Generationsgrenzen hinweg übertragen, selbst dann, wenn sich das wirtschaftliche Umfeld stark verändert.“

Neue Unternehmen hatten es in den Nachkriegsjahrzehnten schwer, im Ruhrgebiet Fuß zu fassen. Weite Areale befanden sich im Eigentum der großen Konzerne. Neumann erinnert daran, dass es auch Ziel gewesen sei, unliebsame Konkurrenz um qualifizierte Arbeitskräfte auszuschalten. Eine „Bodensperre“ verhinderte die Ansiedlung neuer Industrien. Viele Unternehmen zogen daher lieber in andere Regionen Deutschlands.

Initiativkreis Ruhr will mehr Existenzgründer im Revier

Heute wünscht sich Klaus Engel, der Mann an der Spitze des Unternehmensbündnisses Initiativkreis Ruhr, mehr Existenzgründer im Revier. Er hoffe auf einen „Mentalitätswandel“, denn es gebe „noch zu wenige Gründer“. Der Mittelstand wird zum Hoffnungsträger. „Die Zahl kleinerer und mittlerer Unternehmen wächst stetig“, sagt Werner Müller. „Sie prägen zunehmend unsere Wirtschaftsstruktur, gewinnen immer mehr an Gewicht.“ Müllers RAG-Stiftung will künftig gezielt in mittelständische Betriebe investieren.

Als Industriestandort werde es das Ruhrgebiet auf lange Sicht schwer haben, vermutet Müller. Der Wettbewerb im Zuge der Globalisierung bedrohe die klassischen Industrien im Revier. „Ganz praktisch bedeutet das: Sie können einem Autobauer nicht vorschreiben, Bleche einzusetzen, die im Ruhrgebiet gefertigt werden. Und das gilt auch für viele andere Bereiche.“

Wie sich Thyssen-Krupp verändern will 

Im Thyssen-Krupp-Quartier hängen an diesem Tag riesige Plakate mit Fußballspielern. Ein meterhohes Foto zeigt Jürgen Klinsmann, daneben ein Zitat: „Wenn du heute der Champion bist, bist du es lange noch nicht morgen.“ Nun hat Thyssen-Krupp gerade nicht das Problem, der aktuelle Champion zu sein – im Gegenteil. Andere Unternehmen haben zuletzt das Geld verdient, während der Industriegigant aus Essen Verluste schrieb.

Das soll sich natürlich ändern. Daher hat die Konzernleitung kürzlich zu einer Tagung eingeladen und den Managern ein paar Lehrstunden in Sachen Fußballpsychologie verordnet. „Wir wollen aufsteigen“, war auf einem Chart zu lesen. Als Deutschland 1990 mit Lothar Matthäus den Weltmeistertitel holte, hätten Physis, Taktik und Kampf entschieden, aber heute gehe es um Schnelligkeit und Teamspiel. „Wir müssen uns immer wieder verändern, um zu gewinnen“, steht unter den Fotos der Fußballer.

Premal Desai ist der Chefstratege von Thyssen-Krupp. Der 45-Jährige soll Zukunftstrends identifizieren, um die Aufstellung des Konzerns darauf auszurichten. So prägt er auch das Ruhrgebiet von morgen. Desai kam in Daressalam im Osten Tansanias zur Welt, er stammt aus einer indischen Bauernfamilie, die ausgewandert ist. Seine Muttersprachen sind Hindi und Englisch. In Deutschland lebt Desai, seit er zehn Jahre alt ist. Mit Talent und Ehrgeiz machte er schnell Karriere, zunächst bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, vor sieben Jahren wechselte Desai zu Thyssen-Krupp.

„Orientieren uns an globalen Megatrends wie Urbanisierung"

„Wir orientieren uns an globalen Megatrends wie Urbanisierung, einer Zunahme der Industrialisierung, Klimaschutz und Ressourcenschonung“, sagt er. „Die Schlüsselbegriffe lauten ,mehr’ und ,besser’.“ Die Welt brauche immer mehr Konsum- und Investitionsgüter, Infrastruktur, Energie und Rohstoffe. „Wir müssen dabei allerdings die Ressourcen effizienter und besser nutzen und Konsum- und Industriegüter umweltschonender produzieren.“

Ob das Ruhrgebiet veränderungsbereit genug sei? „Ja, absolut“, sagt Desai. „Ich nehme eine sehr starke Bereitschaft zum Wandel wahr. Verglichen mit vor 20 Jahren ist das eine andere Welt.“ Die Ansammlung von Industrie, Forschung und Entwicklung in der Region sei einzigartig in Deutschland und Europa. „Es gibt eine Renaissance der Industrie“, stellt Desai fest. „Davon kann insbesondere das Ruhrgebiet profitieren.“ Daran, dass sich auch Thyssen-Krupp verändern muss, lässt er allerdings keinen Zweifel. „Das Inseldenken im Unternehmen war stark ausgeprägt. Das ist altes Denken“, sagt Desai. „Wir brauchen heutzutage ein starkes Team. Aus dem Fußball wissen wir: Einer alleine kann ein Spiel nicht gewinnen.“

Was Heizungspumpen mit der Energiewende zu tun haben 

Ein Symbol des Strukturwandels steht in Sichtweite der Wilo-Zentrale in Dortmund – der Hoesch-Turm symbolisiert nicht nur den Aufstieg, sondern auch den Niedergang der Montanindustrie. Wenn es heute um die Energiewende geht, möchte Wilo-Chef Oliver Hermes das Ruhrgebiet lieber als Motor, nicht als Bremsklotz sehen. „Die Abkehr von der Steinkohle war ähnlich anspruchsvoll wie jetzt der Ausstieg aus der Kernenergie. Die Region ist also geübt darin, eine Energiewende zu vollziehen oder sie zu unterstützen“, sagt er. „Das Ruhrgebiet macht einen Fehler, wenn es sich als Opfer der Energiewende darstellt.“

Wilo gehört zu den Gewinnern der Energiewende

Tatsächlich gehört Wilo zu den Gewinnern der Energiewende, denn die Firma liefert Produkte, die für mehr Effizienz sorgen sollen. „Es geht nicht nur darum, wie wir künftig Energie produzieren. Mindestens ebenso wichtig ist es, Energie einzusparen“, lautet die These des Managers.

Eine alte Heizungspumpe im Keller sei in vielen Gebäuden der größte Stromfresser, nicht etwa der Kühlschrank oder die Waschmaschine. Hermes rechnet vor: Von den 42 Millionen Heizungspumpen in Deutschland seien rund 95 Prozent veraltet. Würden diese Geräte durch neue Anlagen ersetzt, wären locker drei mittelgroße Kohlekraftwerke verzichtbar – allein durch Stromsparen. Eine neue Heizungspumpe koste zwischen 200 und 300 Euro. Oft habe sich die Investition „innerhalb von ein, zwei Jahren“ durch die geringere Stromrechnung ausgezahlt.

Großteil der Umsätze außerhalb Deutschlands

Einen Großteil der Umsätze erwirtschaftet Wilo außerhalb Deutschlands. Entsprechend sensibel wird Hermes, wenn es um das Image der Exportnation geht. „Noch hat Deutschland den Ruf, eine Ingenieursnation und besonders energieeffizient zu sein“, sagt Hermes. „Damit das auch in Zukunft so bleibt, muss die Energiewende gelingen.“ Wenn die Energiewende scheitere, sei der Ruf Deutschlands angekratzt. Wenn sie gelinge, gebe es „eine Blaupause für viele andere Länder“.

Es geht auch um Arbeitsplätze. Von den knapp 7500 Menschen, die Wilo weltweit beschäftigt, arbeiten 2300 in Deutschland, davon 1500 in Dortmund. „Wir sind eines der wenigen Industrieunternehmen, das massiv im Ruhrgebiet investiert“, bemerkt Hermes. Ein 40.000 Quadratmeter großes Grundstück hat das Unternehmen schon erworben, hinzu soll ein weiteres 40.000-Quadratmeter-Gelände kommen. In den nächsten Jahren werde Wilo 30 bis 40 Millionen Euro in Dortmund investieren, um den Produktions- und Verwaltungsstandort zu erweitern. Bis zum Jahr 2020 rechnet Hermes mit etwa 300 neuen Arbeitsplätzen in Dortmund. „Das Ruhrgebiet präsentiert sich zu defensiv“, sagt Hermes. „Wir haben starke Unternehmen, die sich wahrlich nicht verstecken müssen.“

Bottrop soll eine Blaupause für den Rest der Republik liefern 

Bottrop hat das, was neudeutsch ein Alleinstellungsmerkmal genannt wird. Die Stadt beheimatet nach wie vor ein Bergwerk und eine Kokerei – und ausgerechnet Bottrop will der Bundesrepublik vormachen, wie die Energiewende gelingen kann.

Burkhard Drescher hat eine Präsentation mitgebracht. Er ist Experte in Sachen Präsentationen. Drescher war Stadtkämmerer, Oberstadtdirektor, Oberbürgermeister, Chef eines Immobilienkonzerns und Unternehmensberater. Heute leitet er das Bottroper Stadtumbauprojekt „Innovation City“.

Bis zum Jahr 2020 soll in Bottrop ein Stadtteil mit 70.000 Einwohnern so umgebaut werden, dass sich der gesamte Energiebedarf halbiert. Dies soll vor allem, aber nicht nur, durch die Sanierung von Wohngebäuden gelingen. Angestoßen hat das Projekt der Initiativkreis Ruhr, ein Zusammenschluss von großen Unternehmen der Region.

„Energiewende von unten“

Als „Energiewende von unten“ bezeichnet Drescher das Vorhaben, doch auch auf den Chefetagen spielt das Projekt eine Rolle. Energiekonzerne wie RWE und Wohnungsgesellschaften wie Vivawest präsentieren in Bottrop Zukunftsideen. Im Aufsichtsrat der Projektgesellschaft sitzen Industrievertreter. Es gibt einen wissenschaftlichen Beirat und eine Arbeitsgruppe der Landesregierung. „Wir verstehen uns als Dolmetscher“, sagt Drescher. Und schickt seine Hauptbotschaft hinterher: „Der eigentliche Treiber für Strukturwandel ist das gemeinschaftliche Handeln verschiedener Akteure.“

Bottrop möchte gerne eine Blaupause liefern für andere Städte, die ebenfalls das Projekt Umbau wagen wollen. Seit jeher denkt Drescher gerne eher in größeren Dimensionen. Wenn in Bottrop ein Klärwerk zum Kraftwerk umgebaut wird, sagt er: „Das kann man auch übertragen in die ganze Welt.“ Drescher zieht eine Zwischenbilanz: 978 Eigenheime sind seit Beginn des Projekts energetisch modernisiert worden – exakt 7,82 Prozent aller Wohngebäude im Projektgebiet. Bald gehen Mitarbeiter von „Innovation City“ wieder von Tür zu Tür, um die Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Viele Informationen bekommen die Bürger kostenlos, die Kosten der Sanierung müssen sie aber selbst tragen.

Überzeugungsarbeit ist gefragt

„Ich muss nicht mehr gewählt werden“, sagt Drescher, der ehemalige Oberbürgermeister, gerne. Doch um sein aktuelles Projekt zum Erfolg zu führen, benötigt er Akzeptanz. Überzeugungsarbeit ist gefragt. Im Dezember 2018 schließt das Bergwerk Prosper-Haniel. „Innovation City“ hat sich bis zum Jahr 2020 Zeit gegeben. Doch der Strukturwandel kennt vermutlich ohnehin keinen Endpunkt, sondern nur permanente Anfänge.