Wie auf alten Bergbauflächen neue Ideen entstehen

Die letzte Zeche des Ruhrgebiets, das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, wird 2018 geschlossen.
Die letzte Zeche des Ruhrgebiets, das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, wird 2018 geschlossen.
Foto: imago/blickwinkel
Die RAG Montan Immobilien entwickelt alte Bergbauflächen. Zwischen Schmuckstücken und Sorgenkindern gibt es viel Platz für „normales Arbeiten“

Ruhrgebiet.. Im Dortmunder Norden ereignet sich neuerdings sehr Neumodisches: Man schießt Bälle in Erdlöcher und nennt es „Fußballgolf“. Vor der Tür aber steht eine Kohle-Lore auf einem Stück einst tief unterirdischer Schiene, es ist von Auguste Victoria angefahren, denn von der Zeche, die hier einmal war, gab es keine mehr. Fast 30 Jahre nach dem Ende von Minister Stein ist damit mal wieder aus einem Stück seiner Fläche etwas geworden. „Ein Bergwerk ist schnell geschlossen“, erklärt Hans-Peter Noll, Chef der RAG Montan Immobilien, „aber ein neues Quartier zu entwickeln, dauert ewig.“

Fußballgolf auf dem Gelände des Bergwerks

Fußballgolf also. 250 Bürger kamen am ersten Wochenende zum Spielen, und viele dürften nicht geahnt haben, was unter ihnen früher einmal war. Nur Dirk, 53, der einst hier gearbeitet hatte, sah es mit Tränen in den Augen. „Die Leute, die hier geschuftet haben“, sagt Investor Stephan Stiens, „haben Wohlstand gebracht. Die muss man mit Respekt behandeln.“ Die Flächen, die die Zechen hinterließen, auch. Seit 37 Jahren versucht die RAG-Tochter Montan Immobilien, die Brachen des Bergbaus zu vermarkten. Entwickelt Logistikflächen, Wohngebiete, Naturparks, Anlagen für erneuerbare Energien – und Fußballgolf: „Jede Nutzung, die Sie sich vorstellen können“, sagt Noll, „irgendwo passiert es.“

Mehr als 1500 Hektar Fläche werden zurzeit entwickelt, 14 700 Fußballfelder besitzt die Montan Immobilien und darauf 1600 Gebäude vom Pförtnerhäuschen über Waschkauen bis zum Förderturm. Wobei es dabei besonders schwierig ist, eine neue Nutzung zu erfinden: Meist sind sie denkmalgeschützt, schwer zu erklimmen und also nicht leicht zu vermarkten. In Neukirchen-Vluyn etwa hat die Entwicklung von Niederberg 1,2,5 zwei Seiten. Nördlich der Niederrheinallee wachsen dort Wohnhäuser wie früher die Wildpflanzen, südlich stehen noch Förderturm und Maschinenhaus – wofür? „Fragen Sie mich mal“, sagt ein Mitarbeiter über die „undankbare Baustelle“, „was machen wir da?“

Sorgenkinder, Pleiten und Bürgerinitiativen

Es gibt mehr solcher Sorgenkinder zwischen Kamp-Lintfort und Hamm: den „Blauen Turm“, einst als Leuchtturm erdacht für das Wasserstoff-Kompetenzzentrum auf Ewald in Herten, der nach Pleiten als „Schiefer Turm“ in Erinnerung bleibt. Das Bergwerk West, wo gerade Bürgerinitiativen finden, dass sie Altlasten doch lieber nicht in einem „Landschaftsbauwerk“ verstecken mögen. Wobei die RAG gerade mit diesen grünen Hügeln, in denen sie den Dreck vergangener Zeiten luftdicht abschließt, die besten Erfahrungen gemacht hat. „Kein Standort ist ein Selbstläufer“, weiß Hans-Peter Noll.

Doch ist die Ab- und Entwicklung der Ruhrgebiets-Zechen eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Zwischen dem bald 400 Grundstücke großen Wohnquartier in Neukirchen-Vluyn und der grünen Wohn- und Logistikfläche Gneisenau in Dortmund liegen Vorzeigeprojekte wie das Welterbe Zollverein mit seinen Kultureinrichtungen, Mont Cenis in Herne mit seiner Solarenergie, Ewald in Herten mit Wasserstoff, Theater, Halde und bald wohl einem Oldtimer-Zentrum, der jüngst eröffnete Biomassepark Hugo in Gelsenkirchen, das Verteilzentrum von Ikea auf dem Gelände des Kohlenlagers in Dortmund-Ellinghausen . . . Und Kamp-Lintfort wird bald Teil der Landesgartenschau 2020.

80 bis 90 Hektar, zusammen mit Zusatzflächen an die 300 Hektar, kommen 2018 noch hinzu, wenn auch die letzte Zeche des Reviers in Bottrop schließt. Wie überall will die RAG, wie deren Chef Bernd Tönjes gern sagt, „keine verbrannte Erde hinterlassen“. Das wäre auch schlimm, denn der Brandfleck läge fast überall im Herzen der Städte: Die wuchsen dereinst schließlich um die Schächte herum, noch jede geschlossene Zeche riss ein Loch in die Mitte. Und das Ruhrgebiet, wie alle Regionen, die gern Metropole sein würden, hat ja zu wenig Platz. Der scheidende Bergbau bereitet den Boden für das Recycling der Flächen, „die man für den Strukturwandel braucht“, so Noll.

Die Zeit der grünen Wiese ist vorbei, man baut auf den Zechengeländen im Zentrum. Trotzdem entsteht auf vielen Logistik, Logistik, Logistik – in Dortmund zog die Montan Immobilien den Lkw eine eigene Straße nach Gneisenau. Und Minister Stein heute, sagt ein Sprecher, „ist kein Schmuckstück“, jedenfalls nicht nur. Hinter Saturn, Real und Disco reihen sich Autowerkstatt, Gerüstbauer, Lager. „Platz für ganz normales Arbeiten.“ Muss es auch geben. Man ist ja schon zufrieden, wenn auf den wiederbelebten Flächen nur zehn Prozent der bei Schicht am Schacht arbeitslos gewordenen Menschen Arbeit finden. Oder wenn überhaupt wieder Leute kommen – und sei es zum Golfspielen mit einem Fußball.

 
 

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