„Widerliche Zustände“

Dortmund.  Sie arbeiten zwölf Stunden am Tag für einen Lohn von knapp über einem Euro pro Stunde: Syrische Flüchtlinge, darunter Kinder und Jugendliche, sollen einem Bericht des britischen Senders BBC zufolge in türkischen Textilbetrieben arbeiten. Ohne ausreichende Schutzkleidung stellen sie demnach Mode für große Einzel- und Onlinehändler her, die auch in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Filialen besitzen.

Kinderhilfsverbände und Flüchtlingshelfer reagieren empört, Pro Asyl spricht von „widerlichen Zuständen“. Die Türkei ist seit dem Flüchtlingsabkommen vom Jahresanfang ein wichtiger Partner in der EU. Dort leben drei Millionen syrische Flüchtlinge.

Mit versteckter Kamera aufgenommene Bilder zeigen Jugendliche und Kinder, die nähen und bügeln. Die Kleidung ist laut Sender für die britische Kaufhauskette Marks & Spencer und den englischen Online-Händler Asos. Auf anderen Aufnahmen sind Flüchtlinge zu sehen, die Jeans für die Modeketten Zara und Mango mit giftigen Bleichmitteln bearbeiten.

Ninja Charbonneau vom Kinderhilfswerk Unicef beschreibt die Lage syrischer Flüchtlingskinder als erschreckend: „Es geht hier um Kinder und Jugendliche, die aus Kriegs- und Krisengebieten fliehen und dann unter ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen arbeiten, weil ihre Familien in Not sind.“

„Generation ohne Hoffnung“

Denn die Eltern dürften in der Türkei oft nicht legal arbeiten, sagt Karl Kopp von der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. Berichten zufolge sollen weniger als ein Prozent der Syrer dort eine Arbeitserlaubnis haben. Kopp fordert, den türkischen Arbeitsmarkt zu öffnen und die Kinder besser zu beschulen. „Sie werden sonst zu einer verlorenen Generation ohne Hoffnung und ohne Schule.“

Das spanische Textilunternehmen Zara mit etwa einem Dutzend Filialen allein in NRW unterstreicht, die kritisierte Fabrik sei bereits kontrolliert worden. Der Besitzer sei aufgefordert worden, Sicherheitsmängel zu beseitigen. Minderjährige indes seien bei unangemeldeten Besuchen nie angetroffen worden. Kinderarbeit werde nicht toleriert, heißt es auch von den anderen betroffenen Modefirmen. Deutsche Kenner der Branche halten sie dennoch nicht für ausgeschlossen. Der Markt sei so unübersichtlich, dass echte Kontrollen kaum möglich seien.

Dirk Peterson von der Verbraucherzentrale bemängelt das fehlende Interesse vieler Konsumenten an den Produktionsbedingungen ihrer Kleidung. „Wer will, kann sich über nachhaltige Textilien gut informieren. Sie sind weiter verbreitet als vielfach angenommen.“ Sicheres Indiz für faire Produktion etwa sei das internationale GOTS-Siegel. Es komme nur auf Kleidung, die ohne Kinderarbeit hergestellt worden sind.

 
 

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