Wer wechselt, kann beim Strompreis sparen

Matthias Kurth schätzt, dass der Ausbau der Netze im Zuge der Energiewende rund 40 Milliarden Euro kosten würde. Foto: dapd
Matthias Kurth schätzt, dass der Ausbau der Netze im Zuge der Energiewende rund 40 Milliarden Euro kosten würde. Foto: dapd
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Matthias Kurth, scheidender Präsident der Bundesnetzagentur, fordert die Verbraucher auf, den Stromanbieter zu wechseln. Zudem sollten die Versorger flexiblere Tarife anbieten, sagte er im Gespräch mit DerWesten.

Berlin.. Beim Strom kann eine Familie leicht 200 Euro im Jahr sparen, wenn sie den Anbieter wechselt, sagt der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth. Im Interview mit dieser Zeitung ruft zu mehr Wechselbereitschaft auf und fordert flexiblere Tarife von den Energieversorgern.

Herr Kurth, zahlreiche Anbieter erhöhen den Strompreis. Was empfehlen Sie Verbrauchern?

Kurth: Sie sollen die Preise vergleichen. Auf dem Strommarkt gibt es unterschiedliche Angebote. Doch nur 15 Prozent der Bürger haben bisher den Anbieter gewechselt. Fast die Hälfte hat noch den teuersten Tarif beim Grundversorger. Durch einen Wechsel kann eine Familie 200 oder mehr Euro im Jahr sparen.

Wechseln zu wenige Bürger?

Kurth: Ja, absolut. In anderen Märkten sind sich die Verbraucher viel mehr bewusst, dass man durch Wechseln Geld sparen kann.

Könnten mehr Wechsel auch zu sinkenden Strompreisen führen?

Kurth: Schwer zu sagen. Zwei Drittel des Preises - für Steuern, die EEG-Umlage, Abgaben und mit Abstrichen die Netzentgelte - sind fest. Beim Vertrieb, der Energiebeschaffung und der Marge ist Spielraum. Hier gibt es noch zu wenig Wettbewerb. Die Preise auf dem Beschaffungsmarkt für Strom sind bei weitem dynamischer als die Preise für private Endkunden. Da hätte man durch mehr Wechselbereitschaft stärkeren Einfluss auf den Preis.

Der Kunde braucht Anreize

Sind die Preiserhöhungen angemessen?

Kurth: Wir sollten keine Pauschalurteile fällen, weil auch günstige Anbieter auf dem Markt sind. Die Beschaffungspreise sind zuletzt wieder etwas gestiegen. Allerdings ist es bemerkenswert, dass wir von den Stromkonzernen in den letzten sechs Jahren wenig gehört haben, als die Beschaffungspreise zum Teil deutlich gesunken waren. Insgesamt gibt es in anderen Branchen bessere Angebote für die Kunden. Die intelligente Tarifgestaltung etwa steckt beim Strommarkt noch in den Kinderschuhen.

Was verstehen Sie darunter?

Kurth: Die Energieversorger sollten neue, flexiblere Tarife anbieten, und zwar bald. Der Kunde braucht Anreize, damit er den Strom nicht zu Spitzenlastzeiten bezieht. Ein Elektroauto etwa kann man auch nachts laden, wenn Energie zum Teil im Überfluss vorhanden ist. In der intelligenten Steuerung der Nachfrage stecken gewaltige Potenziale. Sie könnte einen wesentlichen Teil zum Gelingen der Energiewende beitragen.

Inwiefern?

Kurth: An sonnen- oder windreichen Tagen werden wir händeringend Verbraucher suchen, weil wir ein Überangebot an Strom haben. Es gibt schon intelligente Geräte, die man ansteuern kann, so dass sie genau dann Strom beziehen, wenn er im Überfluss vorhanden ist. Doch die werden erst zum Durchbruch kommen, wenn die Stromverbraucher dafür einen maßgeschneiderten Tarif bekommen. Es nutzt auch keinem Kunden, wenn er nur einen intelligenten Zähler eingebaut bekommt und sich dies finanziell nicht lohnt. Bei Stromverbrauch und der Tarifgestaltung muss mehr Innovation einkehren.

Strom nicht durch halb Europa wälzen

Auch die EEG-Umlage belastet des Portmonee des Stromkunden. Wie stark wird sie je Kilowattstunde steigen?

Kurth: Laut Regierung soll sie bei 3,5 Cent bleiben. Die Übertragungsnetzbetreiber rechnen mit 3,66 bis 4,74 Cent für das Jahr 2013. Ich rechne nicht mit dem obersten Wert. Ich würde aber auch nicht garantieren wollen, dass es bei 3,5 Cent bleibt. Das ist nach dem gegenwärtigen gesetzlichen Rahmen schwer möglich. Vielleicht werden wir in der Mitte landen.

Ist es sinnvoll, jede Solaranlage im entlegendsten Winkel ans Netz anzubinden, damit sie Ökostrom einspeisen darf?

Kurth: Wir müssen das EEG weiterentwickeln, wenn die erneuerbaren Energien in Zukunft zum Regelfall werden. Dann müssen wir weg von der garantierten Einspeisevergütung und brauchen mehr Wettbewerb. Auch die Erneuerbaren müssen auf Dauer nachfragegerecht produzieren. Sie müssen möglichst vor Ort verbraucht werden. Man muss nicht die letzte Photovoltaikkilowattstunde durch halb Europa wälzen.

Wie kann man den Ausbau der erneuerbaren Energien noch steuern?

Kurth: Bislang darf jeder Anlagen bauen, wo er will. Denkbar ist, dass wir in den Bundesbedarfsplan steuernde Elemente einbauen, dass die erneuerbaren Energien dort gebaut werden, wo sie am meisten Potenzial haben.. Denkbar wäre, Anlagen weniger oder keine Förderung zukommen zu lassen, wenn sie an Orten stehen, wo man sie nicht benötigt oder wo sie das Netz zusätzlich belasten.

1,5 Cent je Kilowattstunde für Investitionen in Netze

Was kostet der zur Energiewende nötige Netzausbau?

Kurth: Es könnten 40 Milliarden Euro werden. Die muss der Verbraucher aber nicht auf einmal bezahlen. Die Investitionen werden über Jahrzehnte refinanziert. So wird sich die Belastung in Grenzen halten. Vielleicht kommt am Ende ein bis 1,5 Cent je Kilowattstunde hinzu.

Die Netzbetreiber beklagen, dass Investitionen in Stromnetze nicht attraktiv genug sind. Müsste die Netzagentur nicht höhere Renditen genehmigen?

Kurth: Wir haben einen Wert von 9,05 Prozent genehmigt. Das ist in der Finanzkrise sehr attraktiv. Netzinvestitionen sind der sichere Hafen in der Finanzkrise und nahezu risikolos, was heutzutage immer wichtiger wird.

2012 soll es einen Netzentwicklungsplan geben. Kann man schon sagen, ob es neue Hochleistungstrassen durch NRW gibt?

Kurth: Das ist noch nicht absehbar. Wir sind in einem frühen Stadium.

Rechnen sie noch mit Stromausfällen im Winter?

Kurth: Nein. Mit den Reservekraft-werken bleibt das Netz aller Voraussicht nach stabil.

 
 

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