Weihnachtseinkäufe: Jeder zweite Händler hat Sorge um Lieferungen

Rund um die Weihnachtszeit stoßemn Logistiker an ihre Grenzen.
Rund um die Weihnachtszeit stoßemn Logistiker an ihre Grenzen.
Foto: Uli Deck / dpa
Der Shopping-Rausch im Netz hat Folgen: Paketdienste kommen kaum mit. Der Onlinehandels-Verband erklärt schon: Es muss sich was ändern.

Leipzig/Berlin.  Übers Internet wird zu Weihnachten so viel bestellt wie nie – zu viel für die Paketdienste? Bei den Händlern wächst jedenfalls die Sorge. Jeder zweite hat in einer Umfrage des Händlerbunds Bedenken geäußert. Geschenke, die zu spät ankommen, sind für Kunden ein großes Ärgernis.

Damit das nicht passiert, lehnen Paketdienste bereits Paketaufträge ab. Und der Bundesverband Onlinehandel erklärt, dass sich an der Lieferpraxis generell etwas ändern muss. „Wir haben dauerhaft ein Logistikproblem.“

Der Onlinehandel könnte sich beim bereits laufenden Weihnachtsgeschäft die Hände reiben: 75 Prozent von 417 befragten Händler erwarten laut einer Studie des Händlerbunds ein deutliches Umsatzplus wegen Weihnachten. Aber die Pakete müssen zu den Käufern – und da beginnen die Sorgen. Vor dem Weihnachtsfest 2016 gaben 36 Prozent der Händler an, Lieferprobleme zu befürchten, jetzt sind es 50 Prozent.

25.000 Zusteller mehr als 2016

135.000 Zusteller werden in der Branche insgesamt in den kommenden Wochen unterwegs sein, heißt es vom Bundesverband Paket und Expresslogistik e. V. (BIEK), dem bis auf DHL alle großen Unternehmen in Duetschland angehören. Das sind noch einmal 25.000 mehr als im vergangenen Jahr. Es werden allerdings auch 30 Millionen mehr Pakete verschickt als vor Weihnachten 2016, schätzt die Branche.

An normalen Tagen werden täglich neun bis elf Millionen Pakete verschickt, vor Weihnachten wird mit bis zu 15 Millionen Sendungen täglich gerechnet. Die Mitgliedsunternehmen hätten sich darauf durch Investitionen und optimierte Prozesse eingestellt, stießen aber an den Rand ihrer Kapazität, sagt BIEK-Sprecherin Elena Marcus-Engelhardt unserer Redaktion.

Obergrenzen für die Paketannahme

Hermes wird der Weihnachtshype deshalb bereits zu viel: Die Tochter der Otto-Group hat zwar gerade zwei neue Logistikzentren eröffnet, aber dennoch in manchen Regionen Obergrenzen eingeführt: Hermes nimmt Kunden dort also nur eine vorher festgelegte Zahl von Paketen ab – dann müssen sich die Kunden andere Abnehmer suchen. Das betrifft vor allem Regionen mit leer gefegtem Arbeitsmarkt.

Bei der Suche nach Alternativen können sich Händler aber auch Absagen holen: DPD erklärt, man prüfe neue Anfragen, „aber auch unsere Möglichkeiten haben ihre Grenzen.“ GLS hat bereits gegenüber der „Welt“ mitgeteilt, in den Weihnachtswochen keine neuen Aufträge mehr anzunehmen und die Zustellarbeit auf vorhandene Kunden zu beschränken.

12.000 Fahrzeuge zusätzlich bei DHL

Hermes-Kunden hatten nach Unternehmensangaben lange Zeit, sich auf die Suche nach Alternativen zu machen. Bereits im Sommer seien Gespräche über die Obergrenzen geführt worden. Und Branchenführer DHL hat gewaltig aufgerüstet: 12.000 zusätzliche Fahrzeuge seien unterwegs, erklärt eine Sprecherin. Ein Annahmestopp ist dort kein Thema, eine klare Aussage, dass es keine Probleme geben wird, ist aber auch von dort nicht zu bekommen.

Sprecherin Marcus-Engelhardt vom Logisitikverband gibt sich immerhin optimistisch: „Die Dienste werden es schon stemmen.“ Dass nicht immer alles glatt läuft, sei bei der Masse an Paketen aber nicht zu verhindern, „und das auch mal eher zu Weihnachten, wo das Aufkommen so hoch ist und noch nicht so erfahrene Kräfte zum Einsatz kommen.“

UPS nimmt in den USA Weihnachtszuschlag

Von Logistikern gibt es zudem Klagen, dass Probleme auch von Händlern selbst verschuldet sind, die ihre Prozesse im Warenausgang schlecht aufs Weihnachtsgeschäft eingestellt haben. Handel und Logistiker raten, möglichst früh zu ordern und private Pakete spätestens Mitte Dezember zu verschicken.

In den USA hat UPS in diesem Weihnachtsgeschäft erstmals einen Weihnachtszuschlag eingeführt: ein Aufpreis für einen Versand in einem Zeitraum vor Weihnachten. In Deutschland hat UPS keine entsprechenden Pläne, DHL hat sie auch „aktuell nicht“. In der Logistikbranche gibt es Sympathie für Preise, die sich auch an der Nachfrage orientieren.

Bundesverband Onlinehandel: Umdenken ist nötig

Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) hat Hoffnung, dass Hype-Tage wie „Black Friday“ oder „Cyber Monday“ perspektivisch dazu beitragen, den Weihnachtstrubel etwas zu entzerren. bevh-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer geht davon aus, dass „der Weihnachtsmann auch dieses Jahr wieder online und pünktlich kommt – sofern nicht ,höhere Gewalten’ unvorhersehbare Probleme verursachen“.

Beim Bundesverband Onlinehandel macht sich Präsident Prothmann nicht so sehr wegen Weihnachten Sorgen: „Wir haben dauerhaft ein Logistikproblem. Da muss sehr schnell eine Lösung her.“ Die Wachstumsraten erforderten ein Umdenken. Im Sommer 2017 seien bereits die Spitzenwerte von Weihnachten 2016 erreicht worden, „wir könnten im Sommer 2018 dann wieder bei dem Volumen von diesem Weihnachten landen.“

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Angesichts der guten Wirtschaftslage könnten die Kapazitäten aber nicht endlos weiter ausgebaut werden. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von fast 10.000 unbesetzten Stellen Ende November.

In Kommunen Unmut über Lieferfahrzeuge

Erleben werde man im Weihnachtsgeschäft auch wachsenden Unmut aus den Kommunen, weil ständig rechte Spuren auf den Straßen von Paketdiensten blockiert sind, so Prothmann. Ein Folge für ihn aus alledem: In Zukunft könne nicht mehr im gleichen Umfang an die Haustür geliefert werden.

Der Handel müsse den Kunden dahin lenken, sich stärker in die Lieferprozess einzubringen. Handel, Logistiker, Kommunen sowie Immobilienbranche müssten auch gemeinsam über Lösungen wie Abholpunkte nachdenken.

„Wenn wir nur auf Zustelldienste schimpfen, hilft das auch nicht weiter, sondern bremst das Wirtschaftswachstum“, sagt Oliver Lucas, der als Geschäftsführender Gesellschafter von ecom consulting GmbH, die Unternehmen bei der Optimierung von eCommerce-Umsetzungen berät. Den Kunden stärker zum Regisseur seiner Zulieferung zu machen und flexible Anlieferungsorte zu bieten, sei ein Beitrag. Besser strukturierte Zustellinformationen der Kundendaten könnten zudem helfen, die Zustellquote zu erhöhen.

Bewusstseinswandel trotz Amazon?

Die richtige Ansprache könne auch bei vielen Kunden eine Einsicht bewirken, dass eine komfortable Lieferung an die Haustür nicht nur etwas kostet, sondern auch etwas wert ist – oder man andernfalls andere, effizientere Abhol-Optionen wählen muss.

Doch das sei nur ein Aspekt, so Lucas: Die Logistikunternehmen optimierten ihre Prozesse jeweils isoliert voneinander, Zustell- und Abholstruktur müsse aber übergreifender gedacht werden, auch sollten etwa Abholstationen bei einem Neubaugebiet gleich mit eingeplant werden. „Die Frage, die sich stellt: Wer treibt das Thema? Die Initiative muss von einer Organisation kommen, die alle Beteiligten an einen Tisch holt.“

 

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