real.de: Proteststurm wegen Wehrmachts-Fanartikeln - so reagiert das Unternehmen

So wurde der Helm auf real.de angeboten.
So wurde der Helm auf real.de angeboten.
Foto: Screenshot / real
„Einmal hin, alles drin” wollte Real auch im Netz bieten. Artikel für Wehrmachts-Fans im Online-Shop bringen dem Händler Riesen-Ärger.

Mönchengladbach.  Die Supermarktkette Real hat sich mit Wehrmachts-Artikeln in ihrem Onlineshop einen gewaltigen Proteststurm eingefangen. In der Beschreibung zu einem Totenkopfschädel-Aufnäher wurde offen für das Dritte Reich geworben. Nur Stunden nach der Entdeckung kündigte ein Grünen-Politiker die erste Strafanzeige an. Bei Real konnte es dazu kommen, weil der Händler Amazon nacheifert.

Eine aus Langeweile entstandene Internetsuche nach „Tropenhelm” hatte den Fall am Sonntagmittag ins Rollen gebracht. Twitternutzer @AirRic89 aus Dortmund hatte eine Doku gesehen und den Begriff eingegeben, wie er unserer Redaktion sagt. In den Treffern der Bildersuche war ein Helm mit den schwarz-weiß-rotem Abzeichen des Dritten Reichs - auf real.de. Er wunderte sich, postete das – und dachte nicht weiter daran.

Real bietet auch Wehrmachts-Gürtel und Feldkochbücher

Er bekam zunächst auch nicht mit, wie die Militaria-Artikel bei Real plötzlich große Wellen schlugen, als Stunden später auch Jan Böhmermann dieses Angebot an seine 1,9 Millionen Follower das Angebot postete. „Spar- und Wüstenfüchse: Ihre besonders deutsche Kopfbedeckung für die nächste Reise ins Osterzgebirge oder nach Bornhagen/Thüringen gibt es zurzeit in Ihrem traditionsbewussten @realMarkt im Angebot.”

Andere Nutzer stießen nun auf weitere Artikel, die man bei real.de nicht erwarten würde. Es ging Schlag auf Schlag mit weiteren Entdeckungen: „Wehrmachts Hosengürtel”, „Feldkochbuch für behelfsmäßiges Kochen in den Kolonien (Hg. Oberkommando der Wehrmacht)” oder „Soldaten Uniform in grau” mit „Uniformmütze mit Adler”. Bei der ist zwar das „Maschinengewehr schwarz nicht incl.”, dafür gibt es den Tipp vom Händler: „Sieht besonders erschreckend mit unserer Adolf Hitler Maske aus!”

Grünen-Politiker kündigt Strafanzeige an

Alle Artikel sind zwar nach dem Gesetz legal verkäuflich, bei einem „Bügelbild Totenkopf mit Stahlhelm” wird es aber juristisch heikler: Hier sah Sebastian Hansen, Mitglied im Landesvorstand der Grünen Jugend Bayern, den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt und kündigte für den Montag eine Strafanzeige an.

Auf der real-Seite selbst war zwar auch kein strafwürdiger Text zu lesen. Wer den Artikel aber auf Facebook postete, bekam dann dort in der Beschreibung einen Text ausschnittsweise angezeigt, der das Dritte Reich zumindest in Teilen verteidigte: Programmiert war dort im sogenannten Quelltext als Teaser für Facebook „Auch nach dem Tod kämpft dieser Schädel noch für die Ideale des ,Dritten Reichs’, wobei er immer noch einen Helm der Wehrmacht in den Farben von Deutschland trägt. Mit diesem Aufnäher können Sie deutlich machen, dass Ihnen einige Ideen aus dieser Zeit auch heute noch gefallen.”

Real stellt Anbietern Plattform zur Verfügung

Neben vielen empörten Nachfragen und Boykottankündigungen gingen über soziale Netzwerke aber auch Nachfragen ein, ob bestimmte Artikel auch in einem nahegelegenen Markt zu kaufen seien oder nur online.

In den Regalen von Real-Märkten wird man die Artikel aber nicht finden. Real selbst führt sie auch online nicht. Real.de funktioniert wie Amazon oder eBay auch als Plattform für andere Händler – was aber bislang offenbar kaum jemandem unter den Kunden bewusst ist. Die Abwicklung läuft auf der sogenannten Dropshipping-Basis: Ware wird zwar im Real-Shop mit Preisen in der markanten Real-Schrifttype angezeigt und verkauft, aber direkt vom Handelspartner verschickt. Klein taucht das auch in den Angeboten auf.

Geschäftsführer Real.Digital: „Keine Böse Absicht – Shit happens“

Im Februar war der von Real übernommene Online-Marktplatz hitmeister.de mit real.de verschmolzen, seither gibt es auf real.de ein Sortiment mit mehr als zehn Millionen Produkten von Tausenden Händlern. Begründung von der Real Holding damals: „Wir wollen unser Markenversprechen ,Einmal hin. Alles drin’ auch online einlösen. Um mit anderen Playern wie Amazon oder eBay vergleichbar sein zu können, müssen wir uns für wesentlich mehr Handelspartner öffnen als bisher.”

Diese Öffnung fliegt Real nun um die Ohren, weil unter dem Dach von Real nun auch die Artikel für Wehrmachtsfans verkauft werden. „Sorry, es war keine böse Absicht”, antwortete Gerald Schönbucher, Geschäftsführer von Real.Digital auf Twitter unserer Redaktion. „Shit happens.” Nachdem man Kenntnis davon erlangt habe, seien entsprechende Angebote sofort herausgenommen worden, erklärte Schönbucher.

Später veröffentlichte der Konzern eine Stellungnahme im Internet, in der Real um Entschuldigung bittet für das Angebot im Online-Shop: „Trotz bereits umfangreicher vorhandener Sicherheitsmaßnahmen mussten wir jedoch zu unserem großen Bedauern feststellen, dass sich im Angebot Dritter auch Artikel befinden, die die Vorgänge in der Zeit des Nationalsozialismus verherrlichen und als Fan-Artikel angeboten werden.“ Real distanziere sich eindeutig vom Angebot und Verkauf solcher Artikel; sie seien umgehend aus dem Shop entfernt worden. „Wir bitten unsere Kunden und die Öffentlichkeit um Entschuldigung und werden alle Anstrengungen unternehmen, dass sich solche Vorgänge nicht wiederholen“, hieß es weiter.

Jeder Artikel ist so oder ähnlich auch bei Amazon zu haben

Allerdings ist solches Sortiment auf Online-Marktplätzen nicht ungewöhnlich: Jeder der Artikel auf real.de, die Empörung auslösen, ist so oder ähnlich oft vom gleichen Händler auch auf amazon.de oder bei eBay zu haben – ohne, dass das bisher zu öffentlicher Empörung geführt hat. An die Marke Real werden offenbar andere Erwartungen geknüpft.

Die angebotenen Artikel verstoßen aber möglicherweise nicht einmal gegen die Verkaufsbedingungen in der neuen realen Marktplatzwelt. Per Liste verbotener Artikel werden „Propagandamaterial und Material mit Kennzeichen verbotener und verfassungswidriger Organisationen” sowie „gewaltverherrlichendes, volksverhetzendes, diskriminierendes Material“ ausgeschlossen.

Die Kurdistan-Anhänger hat Real aus dem Angebot genommen

Real hatte im September bereits einmal großen Ärger mit einem Angebot anderer Händler auf seiner Plattform. Nach zahlreichen Protesten türkischer Kunden hatte Real erklärt, künftig keine Artikel mehr mit einer Karte Kurdistans anzubieten. Seither gibt es keine Kettchen mehr mit Kurdistananhänger, Imitationen von Wehrmachtsgürtel und Tropenhelm des Afrikakorps waren aber erhältlich.

Auf großen Handelsplattformen gibt es Kontrollen durch die Betreiber. Insider berichten aber, dass Händler auch zunächst mit unverdächtigem Sortiment einsteigen und nach einer Stillhaltephase ihr Angebot sukzessive um problematischere Artikel erweitern. Der Wehrmachtsgürtel war von dem Händler – vielleicht auch versehentlich – unter der Kategorie „Brillenputztücher” bei real.de eingestellt worden.

Amazon schafft es aber beispielsweise auch nicht, kindlich wirkende Sexpuppen dauerhaft aus dem Angebot auf seinem Marktplatz zu verbannen. Nach Hinweisen werden solche Angebote gelöscht, umgehend tauchen neue auf.

 

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