Warum NRW in Fukushima Chancen wittert

Fukushima.  Gleich zur Begrüßung lässt Yuhei Sato, der Regionalgouverneur von Fukushima, Hochglanzbroschüren austeilen. Fotos zeigen lachende Skifahrer, prächtige Kirschblüten und idyllische Thermalquellen. „Die Insel der Freude“, prangt in bunten Buchstaben. Ein Behördenmitarbeiter schiebt lächelnd hinterher: „Sie können alle Lebensmittel aus Fukushima problemlos verzehren.“

Die Chancen auf ein Comeback als Urlaubsregion stehen für den Nordosten Japans jedoch schlecht. Kurz vor dem dritten Jahrestag der Tsunami- und Atomkatastrophe vom 11. März 2011 befinden sich noch immer 140 000 Menschen in der Evakuierung. Ihre Häuser sind zerstört oder radioaktiv verseucht. Im Umkreis von 20 Kilometern ist die Ruine des Atomkraftwerks bis heute Sperrzone. Knapp 3500 Japaner fanden in den schlimmen Tagen von 2011 mit Kernschmelze und Sechs-Meter-Welle den Tod. Der Großraum Fukushima, mit zwei Millionen Einwohnern einst ein regionales Kraftzentrum des Landes, verliert vor allem die jungen, mobilen Japaner. Sie ziehen weg.

Ausländer trauen sich gar nicht erst her. Zu Strategietreffen der internationalen Botschaften, die immer wieder auf Initiative der Zentralregierung in Tokio einberufen werden, verlieren sich allenfalls ein paar Diplomaten aus Schwellenländern, die dankbar sind für jede Beachtung. Wer kann, macht einen Bogen um Fukushima.

Umso herzlicher wurde gestern NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) empfangen, der ein Versprechen mitbrachte: Die rot-grüne Landesregierung werde den wirtschaftlichen Wiederaufbau unterstützen. Und zwar durchaus aus Eigeninteresse. „Es ist in Fukushima noch ein weiter Weg. Aber es ist wichtig, sich nicht nur auf die Beseitigung der Schäden zu konzentrieren“, sagte Duin.

Gemeinsam mit Regionalgouverneur Sato unterzeichnete Duin eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit in der Medizintechnik. In den kommenden Monaten soll konkret ausgelotet werden, welche Firmen und Institutionen beider Länder zusammenarbeiten könnten. Für den Herbst ist der Besuch einer Fukushima-Delegation in Düsseldorf geplant. Aus nahe liegenden Gründen wird es um Krebstherapie, Diagnoseverfahren und Behandlungsmethoden gehen. Aber auch um Krankenhaus-Ausstattungen. Vor allem Kinder werden regelmäßig zu Serienuntersuchungen auf Schilddrüsen-Auffälligkeiten einbestellt.

„Medizintechnik und die komplette Umstellung der regionalen Energieversorgung auf Erneuerbare bis 2040 sind Vorreiter unseres wirtschaftlichen Wiederaufbaus“, erklärte Sato. Anders als im Rest des Landes soll in der Region Fukushima nie wieder ein Atomreaktor ans Netz gehen. Auf beiden Feldern wittert Duin Chancen für NRW. „Wir können eine ideale Verbindung eingehen.“

Zwei Klinikenkooperieren bereits

Schon heute kooperieren das Uniklinikum Essen und das Bochumer Krankenhaus Bergmannsheil mit japanischen Forschern, die etwa Robotergelenke für gelähmte Patienten entwickelt oder innovative Bestrahlungsgeräte zur zielgenauen Entfernung von Tumoren. Führende Mediziner aus dem Ruhrgebiet verbinden sich hier mit den technikbegeisterten Asiaten. Selbst in der verstrahlten Ruine des Kernkraftwerks Fukushima haben die geschäftstüchtigen Erfinder schon bewiesen, wie man aus der Not ein Geschäft macht: Arbeiter tragen dort einen schweren, aber motorisierten Hightech-Schutzanzug mit eingebauter Klimaanlage.

 
 

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