Warum hunderte Lehrstellen in NRW unbesetzt bleiben

Der Beruf eines Elektroinstallateurs erfordert Kenntnisse im Vorfeld - die haben viele Bewerber nicht, deshalb bleiben Ausbildungsstellen frei.
Der Beruf eines Elektroinstallateurs erfordert Kenntnisse im Vorfeld - die haben viele Bewerber nicht, deshalb bleiben Ausbildungsstellen frei.
Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services
  • Neues Lehrjahr beginnt am 1. September
  • Berufsausbildung ist für viele junge Leute nicht so attraktiv wie ein Studium
  • Firmen beobachten bei Schulabgängern auch falsche Berufsvorstellungen

Essen. Ein Abiturient bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz in einem Elektroinstallations-Betrieb. Auf seinem Zeugnis steht in den Fächern Mathe und Physik ein "Gut". Einen auf dem Papier so geeigneten Bewerber hat Elektroinstallateur-Meister Gerd Peters aus Essen nach eigenen Angaben selten. Einstellen wird er den jungen Mann trotzdem nicht: im Eignungstest fällt der Abiturient in beiden Prüfungen durch.

Suche nach Auszubildenden kostet Zeit und Nerven

Für viele Betriebe ist es aufwendig und schwierig, geeignete Auszubildende zu finden. So werden in diesem Sommer mehr als tausend Ausbildungsplätze in NRW nicht vergeben. Häufig scheitert es daran, dass Bewerber nicht die geforderten Qualifikationen vorweisen können.

Gerd Peters führt seit 1984 einen Elektrotechnik-Betrieb in Essen-Rüttenscheid, den sein Vater 1947 gegründet hat. Peters ist Vize-Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf. Neun Lehrlinge bildet er aus – in diesem Jahr kommen zwei Azubis dazu. Gerne hätte er zum 1. September drei Lehrlingsstellen besetzt.

Studium statt Ausbildung: Wenn jeder Chef werden will

Ein Problem der Unternehmen ist, dass viele junge Leute sich nicht mit einer Berufsausbildung begnügen. Sie beginnen lieber ein Studium. "Die meisten wollen studieren, weil sie an attraktive Arbeitsplätze und höhere Gehälter denken", sagt Hans Michaelsen, Geschäftsführer der Abteilung Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer zu Essen. "Aber diese Einschätzung ist nicht unbedingt korrekt."

Abgesehen von klassischen Studiengängen wie Medizin oder Jura sind die Gehälter der Uni-Absolventen nicht so hoch, wie die meisten erwarten. Laut Studien des Deutschen Industrie- und Handelskammertags verdient ein Kaufmann mit Weiterbildungen wie Fachwirt oder Meister, im Arbeitsleben sogar mehr als ein Bachelor-Absolvent.

Einen Vorteil im Vergleich zum Studium sieht Michaelsen im Verlauf des Berufslebens. „Lehrlinge werden oft übernommen, ein klarer Vorteil im Vergleich zum Universitäts-Absolventen, der sich nach dem Abschluss viel zu oft mit befristeten Verträgen und schlechter Bezahlung herumschlagen muss.“ Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bestätigt in einer Studie, dass zwei Drittel der Azubis am Ende der Ausbildung von ihrem Betrieb übernommen werden.

Viele Lehrstellen sind noch nicht besetzt

Bei der IHK zu Essen sind Ende August noch immer bis zu 150 Stellen offen: Es werden etwa Bankkaufleute oder Köche gesucht. Ausbildungsberufe gerade im kaufmännischen Bereich seien anspruchsvoller geworden. „Berufe mit geringem Theorieanteil gibt es nicht mehr viele“, sagt Michaelsen. „Nur mit einem Hauptschulabschluss im Rücken ist es schwierig, eine Lehrstelle zum Industriekaufmann zu ergattern."

Die Handwerkskammer Düsseldorf registriert zum Endspurt gut 1075 offene Ausbildungsplätze. "Das sind 300 mehr als im Vorjahr", sagt Sprecher Alexander Konrad. Gesucht werden zum Beispiel Kfz-Mechatroniker und Gebäudesystem-Techniker, aber auch Frisöre und Bäcker. "Schüler kommen kaum noch in Kontakt mit dem Handwerk, da an Realschulen und Gymnasien kein Werkkunde-Unterricht angeboten wird", sagt Konrad.

Über Lehrstellenbörse an Unternehmen herantreten

Ein Problem sieht Michaelsen in der Selbsteinschätzung. Viele Bewerber haben Berufsvorstellungen, die nicht zu ihrem Profil und den Qualifikationen passen. In einem persönlichen Gespräch könne für Klarheit gesorgt werden. Das Vermittlungsteam der IHK Essen unterstützt Unschlüssige bei der Ausbildungsplatzsuche und den Bewerbungsunterlagen. "Unser Matcher-Team besteht aus vier Leuten, die helfen, junge Menschen in Ausbildungen zu vermitteln", erklärt Michaelsen.

Wer noch sucht, findet auf den Lehrstellenbörsen von IHK und HWK mehr Informationen. Bewerber können sich auf den Portalen direkt auf Ausbildungsstellen bewerben. Mehr als tausend Ausbildungsplätze sind insgesamt noch frei – kurzfristige Vertragsabschlüsse möglich.

Übernahmechance macht Ausbildung attraktiv

Hat der Bewerber aber die Stellenzusage, heißt das noch nicht, dass er auch Lehrling in diesem Betrieb wird. Häufig sagt auch der Auszubildende eine Lehrstelle kurzfristig ab oder er tritt sie unangekündigt gar nicht an. „Am ersten Tag sind sie meistens da, aber ob sie danach noch kommen, ist fraglich", sagt Peters. "Deshalb überlegen es sich Betriebe vorher ganz genau, wer zu ihnen passt. Da ist viel Menschenkenntnis gefragt. An den sozialen Kompetenzen scheitert es häufig.“

Die Lehrlinge, die bei Peters im Elektrobetrieb die Ausbildung erfolgreich abschließen, bekommen in der Regel einen Arbeitsvertrag angeboten, wenn sie bleiben wollen. „Wir stellen Gesellen ein, um sie nach der Ausbildung zu übernehmen“, sagt Peters. "Das ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit, denn die Ausbildung kostet den Betrieb viel Geld."

Ende September werden nach Schätzung der IHK Essen 250 junge Menschen ohne Ausbildungsstelle sein: Weil sie sich nicht beworben haben, weil nicht die passende Stelle dabei war oder weil ihre Schulnoten oder ihr Auftreten im persönlichen Gespräch nicht überzeugt haben.

Bislang wenige Flüchtlinge in Ausbildung vermittelt

Ausbildungsplätze mit Flüchtlingen zu besetzen, ist in diesem Jahr noch keine Option. Ihre Sprachkenntnisse reichen oftmals noch nicht. „Ehrenamtliche Helfer arbeiten daran, Einzelfälle schon jetzt in Qualifizierungsmaßnahmen unterzubringen“, sagt Michaelsen. Zum nächsten Jahr, schätzt er, seien mehr junge Menschen sprachlich integriert.

Auch die Handwerkskammer kann schon einige Erfolge aufweisen: Auf 20.000 Auszubildende in 2016 kommen bislang 360 Flüchtlinge. „Über Weiterbildungsmaßnahmen und Kurse in Wirtschaftsdeutsch soll die Zahl deutlich ausgebaut werden“, sagt Konrad, Sprecher der HWK. Es sei geplant, in Kooperation mit der Agentur für Arbeit in den kommenden drei Jahren 10.000 junge Flüchtlinge in den Ausbildungsmarkt zu integrieren.

Bewerbungsgespräche sind kurzfristig möglich

In dieser Woche stellt sich noch ein Bewerber kurz vor Ausbildungsbeginn in Gerd Peters Betrieb vor – vielleicht der richtige Kandidat für die verbliebene Lehrstelle. Aber „auf Biegen und Brechen jemanden einzustellen kommt nicht in Frage“, sagt Peters. Lieber lasse er die Stelle unbesetzt. „Wir wollen auch, dass unsere Gesellen bei der Prüfung am Ende gut abschneiden.“

Die Bundesgentur für Arbeit NRW wird an diesem Mittwoch zum Endspurt auf dem Ausbildungsmarkt informieren und Zahlen zum Ausbildungsmarkt für geflüchtete Menschen bekanntgeben.

 
 

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