Veröffentlicht inWirtschaft

Warum die Barmer GEK jede zweite Filiale schließen will

Barmer GEK--656x240.jpg
Foto: dpa
Deutschlands zweitgrößte Krankenkasse beschließt ein 300-Millionen-Euro-Sparpaket: Die Barmer GEK will 3500 Arbeitsplätze abbauen und jede zweite ihrer rund 800 Geschäftsstellen in Deutschland schließen. Der Kampf der Kassen gegen Zusatzbeiträge wird härter.

Essen. 

Zweimal geht die Tür einer Barmer-Geschäftsstelle in Essen in dieser halben Nachmittags-Stunde auf und wieder zu, ein dritter Versicherter wirft einen Umschlag in den Briefkasten. Eine Momentaufnahme, die den Vorstand der zweitgrößten deutschen Krankenkasse in seinem Sparplan zu bestärken scheint, mit dem er am Montag Versicherte und Angestellte schockte: Jede zweite ihrer 800 Geschäftsstellen will die Barmer GEK in den kommenden Jahren schließen, dabei sollen 3500 der aktuell noch 16 900 Arbeitsplätze wegfallen.

„Beratung vor Ort ist persönlicher“

„Ganz furchtbar“ findet das eine Dame, die gerade aus der Filiale kommt. Die Begründung des Barmer-Chefs Christoph Straub, die meisten Versicherten regelten ihre Angelegenheiten längst online oder am Telefon, zieht bei ihr nicht. Im Gegenteil: „Online wäre mein Antrag sicher abgelehnt worden. Hier konnte ich jetzt noch ein paar Dinge dazu sagen – und er wurde angenommen. Die Beratung vor Ort ist einfach viel persönlicher.“

Doch die Dame gehört zu einer schrumpfenden Minderheit. Auch der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem bestätigt: „Online und Telefon nehmen zu, vor Ort nimmt ab.“ Viele Kassen hätten deshalb schon mit der Ausdünnung ihres Filialnetzes begonnen. Ganz ähnlich hatten zuletzt die Geschäftsbanken auf das zunehmende Onlinebanking reagiert.

Die Barmer wagt einen Spagat

Häufig sind es ältere Kunden, die noch das persönliche Gespräch suchen, ihnen ist das allerdings sehr wichtig. So wagt die Barmer einen Spagat: Einerseits will sie bei der Beratung mit der Zeit gehen, andererseits will sie keine Versicherten verprellen, schließlich ist sie gerade erst von der Techniker (TK) als größte Kasse entthront worden.

Wie das ausgeht, ist laut SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach entscheidend dafür, ob andere Kassen beim Filial- und Stellenabbau nachziehen: „Wenn die eingesparten Kosten in eine bessere Versorgung der Versicherten fließen und diese Strategie funktioniert, könnten andere Kassen nachziehen. Geht es schief und die Barmer verliert Mitglieder, werden sie das eher nicht tun.“

TK verschickt Schecks über 160 Euro an ihre Versicherten

Barmer-Chef Straub versprach zwar im ARD-Morgenmagazin: „Das ist kein Sparprogramm.“ An anderer Stelle verwies er jedoch auf die schwieriger werdende Finanzlage der Kassen. Die Ausgaben für Arzneien, Kliniken und Ärzte steigen, die Einnahmen sinken. Das Sparprogramm, das keines sein soll, spart der Barmer 250 bis 300 Millionen Euro jährlich. Laut Gesundheitsökonom Wasem hat der durch die Zusatzbeiträge zugespitzte Wettbewerb der Kassen „einen geschärften Blick auf die Verwaltungskosten bewirkt“.

Zurzeit verlangt wegen der zuletzt guten Einnahmen keine Kasse einen Zusatzbeitrag. Die Erfahrungen etwa der DAK, die 2010 und 2011 acht Euro extra im Monat kassierte, waren verheerend, sie verlor fast eine halbe Million Mitglieder. Umgekehrt locken reiche Kassen mit Rückzahlungen. Die TK verschickte dieser Tage einen Scheck über 160 Euro als Prämie für 2013 und 2014. Sie hat mit 3,5 Milliarden Euro auch die größten Rücklagen. Die Barmer verfügt über eine Reserve von immerhin 1,3 Milliarden, schüttet aber keine Prämien aus. Ihr ist wichtiger, den Beitrag langfristig stabil zu halten.

Techniker hat die größten Reserven

Darum werden alle Kassen bemüht sein, wenn die Koalition ab 2015 das System ändert: Der Zusatzbeitrag soll dann prozentual vom Lohn abgezogen werden. Arbeitgeber und -nehmer zahlen je 7,3 Prozent. Es fehlen jene 0,9 Prozent, die Versicherte heute allein obendrauf zahlen. Wollen die Kassen ihre Einnahmen stabil halten, müssen sie diese 0,9 Prozent als Zusatzbeitrag einziehen. Reiche Kassen wie die TK können weniger nehmen, Barmer-Chef Straub hofft lediglich, nicht über dem Durchschnitt zu liegen. Die Branche erwartet einen verschärften Wettbewerb um einen möglichst niedrigen Zusatzbeitrag. Und den erreicht man durch möglichst niedrige Kosten, zum Beispiel durch Stellenabbau – siehe Barmer GEK.