Warum der Ölpreis so stark sinkt, der Benzinpreis aber nicht

Wolfgang Mulke
Die Förderländer steigern die Erdöl-Produktion, obwohl weltweit die Nachfrage nachlässt. Die Kosten für den Sprit sinken aber nicht im gleichen Maße.

Berlin. Die Ölpreise bleiben auf Talfahrt und haben gestern zum Teil den tiefsten Stand seit über sechs Jahren erreicht. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete 46,48 US-Dollar. Das waren 68 Cent weniger als am Mittwoch und so wenig wie seit Jahresbeginn nicht. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum haben viele Experten mit ihren Prognosen stark steigender Ölpreise so daneben gelegen?

Erdöl ist der Schmierstoff der Wirtschaft, aber auch eine Waffe in internationalen Konflikten. Verlässliche Prognosen sind angesichts der vielen Einflussfaktoren kaum möglich. „Derzeit dominieren die geopolitischen Einflüsse“, sagt die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert. Gezielte Eingriffe, wie der Ausbau des Fracking in den USA, halten den Preis künstlich niedrig, um die Lieferländer zu schwächen. Ölpreis

Wie kommt der Ölpreis zustande?

Neben der Entwicklung der Weltkonjunktur und politischen Entscheidungen wie der Fördermenge beeinflussen auch Spekulanten die Kosten für ein Fass Öl. Rund um den Erdball haben viele Volkswirtschaften Probleme. Mit China schwächelt sogar ein Riese. Das dämpft die Nachfrage nach Öl und mindert den Preis dafür. Zugleich steigt die Fördermenge in den Herkunftsländern. Nach Berechnung der Internationalen Energieagentur bringt das Ölkartell Opec so viel auf den Markt, wie seit drei Jahren nicht mehr. Auch der Iran und der Irak werden nach Einschätzung von Fachleuten noch mehr Öl fördern.

Profitieren die Verbraucher?

Ja, aber nicht genug. Generell wird der Import von Erdöl und den damit zusammenhängenden Produkten wie Benzin und Diesel für Deutschland billiger. Als Folge sind die Spritpreise auch schon deutlich gesunken. Zeitweilig gab es Dieselkraftstoff bereits für wenig mehr als einen Euro. Verbraucherschützer werfen den Mineralölfirmen aber vor, die Preissenkungen nicht vollständig oder verzögert an die Kunden weiterzugeben. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) hat dies in einer Studie kürzlich bei Produkten wie Kraftstoff, Gas oder Flugtickets nachgewiesen. Wer mit Öl heizt, kann sich jetzt günstig mit Heizöl eindecken.

Warum fallen die Preise für Benzin und Diesel nicht genauso stark wie für das Erdöl?

Im Juli sind die Spritpreise um 0,4 Prozent gestiegen, obwohl der Weltmarktpreis nachgab. Dafür können neben der Geschäftspolitik der Mineralölfirmen auch andere Faktoren verantwortlich sein. Der schwache Eurokurs verteuert zum Beispiel das in Dollar gehandelte Öl. „Manchmal gibt es Sondereffekte wie Niedrigwasser im Rhein“, erläutert Stephan Zieger, Chef des Bundesverbands Freier Tankstellen (BFT). Dann komme kein Benzin mehr aus Rotterdam durch und der Bedarf müsse anderweitig und teurer gedeckt werden.

Bleibt es bei dem insgesamt günstigen Preisniveau?

Experten gehen von einem vorerst anhaltend niedrigen Ölpreis aus. Denn die Lagerbestände sind voll und die Produktion läuft auf vollen Touren. Auch gibt es kaum Hinweise auf eine beschleunigte Erholung der Weltwirtschaft. „Derzeit können wir beobachten, dass weniger in die Ölförderung investiert wird“, sagt Kemfert. Dies lasse steigende Preise erwarten. Aber es gebe viele Unsicherheitsfaktoren, die eine Bewertung der Entwicklung erschweren.

Gibt es auch langfristige Folgen?

Der Klimaschutz erfordert einen sparsamen Umgang mit fossilen Brennstoffen. Wenn diese aber zu billig sind, wird darauf weniger geachtet. „Es verleitet zu kurzfristiger Verschwendung, so dass beispielsweise Investitionen in Energieeffizienz verschoben werden“, befürchtet Kemfert. Auch Investitionen in eine nachhaltige Mobilität könnten leiden, obwohl Erdöl nicht mehr endlos zur Verfügung steht.