Vor der OP haben Patienten Recht auf eine Zweitmeinung

Frank Meßing
Vor Operationen können sich Patienten eine Zweitmeinung bei einem unabhängigen Arzt einholen, um sich Sicherheit zu verschaffen.
Vor Operationen können sich Patienten eine Zweitmeinung bei einem unabhängigen Arzt einholen, um sich Sicherheit zu verschaffen.
Foto: Volker Hartmann
Patienten können die Diagnose ihres Arztes durch eine Zweitmeinung überprüfen lassen. Kliniken im Ruhrgebiet richten sich auf das neue Gesetz ein. Die Nachfrage steigt.

Essen. Wenn der Arzt zur Operation rät, stehen viele Patienten vor der Frage, ob der Eingriff wirklich notwendig ist. Seit dem 1. Januar haben Krankenversicherte einen gesetzlichen Anspruch auf eine Zweitmeinung, die sie bei einem unabhängigen Mediziner einholen können. Politik und Krankenkassen erhoffen sich davon einen Rückgang unnötiger Operationen.

Als erste Einrichtung in NRW hat das Klinikum Dortmund bereits 2013 ein Zweitmeinungszentrum eingerichtet. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Anfragen um 27 Prozent und addierte sich seit dem Start bereits auf 1175. 80 Prozent der Fälle, sagt Klinikumssprecher Marc Raschke, kommen aus dem Bereich Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie.

Gute Erfahrungen in Dortmund

Immer wieder werden Klagen laut, dass Krankenhäuser zu häufig neue Knie- oder Hüftgelenke einbauen wollen. Die Orthopäden des Klinikums Dortmund bestätigten allerdings in 75 Prozent der Fälle die Diagnose des Erstarztes. In der Wirbelsäulenchirurgie kam der Zweitgutachter bei jeder zweite Therapieempfehlung, die den Patienten mit auf den Weg gegeben wurde, zum identischen Ergebnis.

Um den Versicherten bei der Absicherung einer Diagnose Hilfestellung zu geben, hat sich nun auch im westlichen Ruhrgebiet ein Netzwerk gebildet. Zu den Gründungsmitgliedern gehören das Elisabeth-Krankenhaus und das St. Josef Krankenhaus in Essen, das Marien-Hospital in Mülheim, sowie das St. Clemens-Hospital, das St. Josef-Hospital und das St. Marien-Hospital in Oberhausen.

„Unser Netzwerk ist offen für andere Partner und auch Arztpraxen“, sagt Dirk Albrecht, Geschäftsführer der Contilia-Gruppe, die drei Krankenhäuser in Essen und Mülheim betreibt. Der Wunsch nach einer Zweitmeinung unter den Patienten werde immer größer. „Sie ist das älteste Qualitätssicherungs-Instrument, das Kliniken haben“, so Albrecht.

„Durchsehen von Krankenakten reicht nicht“

Die steigende Nachfrage registriert auch Professor Georg Sabin, der das Netzwerk Zweitmeinung koordiniert. „Die Patienten sind über das Internet und andere Medien gut informiert. Die Zweitmeinung darf sich deshalb nicht auf das Durchsehen von Krankenakten beschränken“, fordert der ehemalige Ärztliche Direktor des Essener Elisabeth Krankenhauses.

„Wir erwarten eine angemessene Vergütung für die Zweitmeinungs-Untersuchung“, erklärt Michael Boos, Geschäftsführer des Katholischen Klinikums Oberhausen. Er beziffert die Kosten auf 150 bis 250 Euro, die die Krankenkassen übernehmen sollen. Ob sie das auch wirklich tun, sollten die Patienten zuvor erfragen. Das Versorgungsstärkungsgesetz stützt zwar die Rechte der Patienten bei der Einholung einer zweiten Meinung. Die Details muss aber noch abschließend der Gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzte-, Kassen- und Krankenhausvertretern festlegen.

Patienten trauen sich oft nicht

Abzusehen ist, dass sich das Verhältnis der Ärzte zu ihren Patienten verändern wird. Denn die Mediziner müssen ausdrücklich auf das Recht auf eine Zweitmeinung hinweisen und den Patienten entsprechende Unterlagen aushändigen. Stimmen Erst- und Zweitdiagnose nicht überein, sollen die beiden Ärzte über die Differenz reden.

„Oft trauen sich die Patienten gar nicht, zu einem zweiten Arzt zu gehen“, gibt Sabin zu bedenken, ermutigt sie aber ausdrücklich dazu. Sollte ein Arzt das neue Hüftgelenk empfehlen, der andere aber nicht, sei auch eine Drittmeinung möglich, betont er. Die Ärzte, die das Zweitgutachten abgeben, dürfen laut Gesetz den Eingriff nicht selbst vornehmen. Demnach können sie dem Kollegen auch nicht den Patienten abwerben.