Geflügel-Lobby gesteht Überschuss-Desaster ein

Bevor ein leckeres Hähnchen auf den Tisch darf, müssen viele Regeln in Aufzucht und Behandlung der Tiere befolgt werden. Erst dann wird es auch zu einem Genuss.
Bevor ein leckeres Hähnchen auf den Tisch darf, müssen viele Regeln in Aufzucht und Behandlung der Tiere befolgt werden. Erst dann wird es auch zu einem Genuss.

Herscheid. Das ist auch für Herscheider Betriebe und Verbraucher interessant: Die Geflügellobby gesteht ein agrarindustrielles Überschuss-Desaster ein. Netzwerk der Landwirtschaft fordert artgerechte Tierhaltung auf Bauernhöfen statt Agrarfabriken.

Angesichts von Meldungen der Geflügelbranche über die fehlende Rentabilität bei der Erzeugung von Masthühnern und Mastputen fordert die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) eine Abkehr von der agrarindustriellen Überproduktion und eine rasche Wende hin zu einer artgerechten und flächenbezogenen Tierhaltung in bäuerlichen Strukturen.

Die ruinösen Überschüsse seien Ausdruck einer unsinnigen agrarindustriellen Expansion im Verdrängungskampf der großen Futtermittel- und Schlachtkonzerne, die zu Lasten der abhängigen Vertragsmäster, der bäuerlichen Geflügelhalter, der Tiere und der Umwelt gehe. Außerdem gefährde der für diese agrarindustrielle Qualhaltung notwendige hohe Antibiotika-Einsatz die Gesundheit nicht nur der Anwohner durch die Herausbildung antibiotika-resistenter Keime.

ZDG ist gezwungen, wirtschaftliche Schieflage einzugestehen

Nach langjährigen illusionären Versprechungen über angebliche Verzehrssteigerungen und Schönfärbereien der Marktsituation, so die AbL, seien Vertreter des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) jetzt endlich gezwungen, die wirtschaftliche Schieflage, die schlechte Rentabilität und die dramatische Erlössituation offen einzugestehen und sogar das wirtschaftliche Ende vieler Mäster anzusprechen.

Wenn als Ursache hierfür der massive Anstieg der Preise von Soja-Futtermittelimporten benannt werde, dann sei dies teilweise richtig. Die Tatsache, dass diese gestiegenen Kosten nicht in Form höherer Erzeugerpreise an die Abnehmer weitergegeben werden könnten, liege aber vor allem an der Abhängigkeit der Vertragsmäster von wenigen Konzernen und der von diesen weiter angeheizten Überproduktion durch immer weitere Mega-Ställe.

Es sei höchste Zeit, dieser gesellschaftlich schädlichen Expansion durch das baugesetzliche Recht der Gemeinden zur Verhinderung jeglicher Agrarfabriken einen Riegel vorzuschieben. Die AbL begrüßt deshalb das längst überfällige Eingeständnis von ZDG-Vertretern, wonach die Investoren in neue Stallanlagen ernste Sorgen hätten, dass sie die Kosten dafür nicht wieder erwirtschaften könnten.

Branchenexperten warnen seit Jahren

Vermutlich sind heute sehr viele Landwirte den Bürgerinitiativen im Nachhinein dankbar, dass diese den geplanten Bau von Geflügelanlagen verhindert haben, weil die sich heute als unrentabel erwiesen hätten, so AbL-Vertreter Niemann. Umso unverständlicher sei es, dass die Bauernverbands-Spitze diese ruinöse Expansion agrarindustrieller Geflügelställe mit forciert habe, die Situation immer noch schönzureden versuche und sogar den angeblichen Verlust von Arbeitsplätzen infolge verhinderter Agrarfabriken behaupte.

Branchenexperten wie Professor Windhorst (Universität Vechta) hätten schon vor Jahren vergeblich vor dem Aufbau weiterer Überkapazitäten bei Stallanlagen und Schlachtbetrieben und dem Zusammenbrechen der Märkte gewarnt. Als besonders irrwitzig bezeichnete der AbL-Agrarindustrie-Experte Eckehard Niemann die millionenschwere Subventionierung eines Riesen-Masthühner-Schlachthofs des Rothkötter-Konzerns in Wietze (bei Celle) durch die alte niedersächsische CDU-FDP-Landesregierung, die in einer Zeit absehbarer Überschüsse die Situation deutlich verschärft habe.

Immerhin hätten es die im bundesweiten Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken vereinigten Bürgerinitativen und Verbände geschafft, Hunderte von möglichen Stallbau-Investoren von ihren Plänen abzubringen oder die Genehmigung von Ställen zu verhindern. Es sei ein Erfolg der gesellschaftlichen Bewegung, dass es auch dem Rothkötter-Schlachthof in Wietze trotz massiver Unterstützung der alten Landesregierung, der Landwirtschaftskammer und des Bauernverbands nicht gelungen sei, genügend Mäster für die notwendigen 400 neuen Mastställe anzuwerben.

Thema muss weiter behandelt werden

Selbst für die Auslastung der halben geplanten Ausbaukapazität sei Rothkötter gezwungen worden, die Masthühner von weither zu holen, sogar aus Dänemark. Die Frage stelle sich, wie lange eine derart unrentable, unsinnige und gesellschaftlich inakzeptable Produktion noch aufrecht zu erhalten sei.

Die Großaktion in Wietze am Samstag mit der Umzingelung des Schlachthofs sei ein gesellschaftliches Signal für eine Agrarwende Bauernhöfe statt Agrarfabriken. Ein Signal, das auch bis in die Ebbegemeinde vordringt und dort sicherlich auch interessiert diskutiert wird. Denn dieses Thema, so sind sich alle einig, sollte weiter behandelt werden.

Nun ist es an der Zeit, dafür zu sorgen, dass mit den Hühnern alles in bester Ordnung ist, bevor sie bei uns zum Verzehr gebracht werden. Und das ist nicht nur die landläufige Meinung von Verbraucherschützern und Landwirtschaftsexperten.

 
 

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