Urlaubsfreiheit auf vier Rädern

Mülheim.  Maria Dhonau ist das, was man getrost ein Urgestein nennen kann. Ein Urgestein der Wohnwagenbranche. Die Mülheimerin ist seit 56 Jahren Händlerin. Sie war dabei, als der erste große Wohnmobil-Boom in den Sechzigern entstand. Heute betreibt sie mit ihrem Sohn das Hymer Zentrum auf der Kölner Straße, eine der größten Wohnwagenmeilen Europas, in Mülheim. Und die Branche boomt: „Wieder einmal“, sagt die 77-Jährige. Rekordzahlen bei den Zulassungen. Dabei habe sich die Klientel verändert – die Sehnsüchte, die die Menschen auf die Straße treiben, seien hingegen dieselben.

„Was gleich geblieben ist, ist der Wunsch nach Freiheit, Spontaneität und Natur“, sagt Maria Dhonau. „Die Leute wollen heute hier und morgen dort sein.“ Damals sei es zudem die günstigere Urlaubsvariante gewesen. Flüge und Hotels waren im Verhältnis teurer als heute. „Mit dem Wohnwagen konnte man jedes Wochenende weg. Ansonsten war für die meisten nur ein Urlaub im Jahr drin.“

Heute wird mehr Geld ausgegeben. Der Anspruch an die Caravans (Anhänger) und Wohnmobile hat sich verändert. „Die Kunden wollen alles dabei haben. Vom Navigationsgerät bis zur Solaranlage auf dem Dach, um unabhängig zu sein“, erzählt Dhonau. In den Anfängen habe man Komfort noch ganz anders definiert. „Der Kühlschrank war ein Loch im Boden mit einer Metallwanne darunter. Und zum Heizen haben wir einen Tontopf über eine Gasflamme gestellt“, erinnert sich Dhonau lachend, die selbst seit jeher überzeugte Camperin ist.

Die Reisemobile und Caravans heutzutage würden so sicherlich aus dem Verkehr gezogen. Und es wären im Zweifel viele. Denn immer mehr werden angemeldet. Bei den Mobilen vermeldet der Caravaning Industrie Verband (CIVD) seit 2011 fünf Zulassungsrekorde in Folge. Der Trend hält an: Von Juni 2015 bis Mai 2016 wurden 32 084 Reisemobile zugelassen. Das entspricht einem Plus von 19,7 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2014/15. Bei Caravans waren es 19 605 Anmeldungen, eine Zunahme um acht Prozent.

Auch der Deutsche Caravaning Handels-Verband (DCHV) freut sich über die steigenden Zahlen. Geschäftsführer Oliver Waidelich sieht einen Wandel in der Wahrnehmung des Urlaubs auf vier Rädern. Er macht dafür auch eine groß angelegte Imagekampagne des CIVD mit Fernsehspots verantwortlich. Sie richtet sich laut dem Industrieverband vorwiegend an Familien mit Kindern und Menschen über 50. Das Bild vom billigen Campingurlaub sei verschwunden, sagt Oliver Waidelich. „Ganz bestimmt, wenn man die Anschaffungskosten berücksichtigt. Die Fahrzeuge werden immer komfortabler, und die Leute sind bereit, mehr Geld auszugeben. Sie legen Wert drauf, dass jegliche Ausstattung möglich ist.“

Preis: 50 000 bis 70 000 Euro

Maria Dhonaus Kunden geben heute im Schnitt zwischen 50 000 bis 70 000 Euro für einen Neuwagen aus. Pro Jahr gehen bei ihr etwa 300 Modelle vom Hof. Davon sind 60 Prozent Wohnmobile. Die klassischen Käufer seien über 60 Jahre alt. Jedoch kämen auch immer öfter Jüngere auf ihren Hof: „Knapp ein Drittel sind inzwischen 40 bis 50 Jahre alt. Das sind oft Menschen, die im Beruf eingebunden sind und abschalten wollen. Sich aber auch teurere Wagen leisten können.“ Gemietet werde wenig.

Manche kommen aber auch einfach nur auf den Hof an der Kölner Straße und gucken sich die Wagen an. „Ein Mann kam immer wieder vorbei. Ich habe ihn irgendwann angesprochen“, erzählt Maria Dhonau. „Er war frisch verwitwet und einsam. Am Ende hat er seine Wohnung verkauft, vom Geld ein Wohnmobil gekauft und ist losgefahren.“ Vor kurzem sei er strahlend ins Geschäft gekommen.

 
 

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