Unternehmen führt 30-Stunden-Woche ein – bei vollem Lohn

Der Chef der Online-Marketingfirma eMagnetix aus Österreich, Klaus Hochreiter (1.v.r.), bereut nicht, die 30-Stunden-Woche eingeführt zu haben.
Der Chef der Online-Marketingfirma eMagnetix aus Österreich, Klaus Hochreiter (1.v.r.), bereut nicht, die 30-Stunden-Woche eingeführt zu haben.
Foto: Alexander Kaiser/lichtlinien.at
In einer österreichischen Firma wird nun regulär 30 statt 40 Stunden gearbeitet. Der Chef erklärt, warum die Maßnahme ein Erfolg ist.

Bad Leonfelden/Berlin.  Die Forderung ist populär: Die IG Metall hatte erst kürzlich wieder ihre Forderung nach einer 28-Stunden-Woche in der Metall- und Elektrobranche ins Gespräch gebracht – und damit für reichlich Aufregung unter Ökonomen und Arbeitgebern gesorgt.

Vor allem letztere waren über diese Diskussion nicht sonderlich begeistert. Schließlich sind sie diejenigen, die den durch Arbeitszeitverkürzung zustande gekommenen Produktivitätsverlust bezahlen müssen.

30-Stunden-Woche wird zur Regel

Das österreichische Online-Marketing-Unternehmen eMagnetix aus der Nähe von Linz hat sich trotzdem getraut – und die Arbeitszeit seiner Mitarbeiter nach einem Testlauf seit ein paar Wochen auf 30 Stunden reduziert. Und das bei vollem Lohnausgleich.

Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der Geschäftsführer Klaus Hochreiter, warum die 30-Stunden-Woche kein allgemein gültiges Rezept ist, wie sie bei seinen Mitarbeitern angekommen ist und warum er seine Entscheidung nicht mehr rückgängig machen will.

Wie sind Sie darauf gekommen, die 30-Stunden-Woche einzuführen?

Klaus Hochreiter: Wir haben Mitarbeiter gesucht – aber keinen gefunden. Auch wenn der Job zu branchenüblichen Konditionen ausgeschrieben wurde, haben wir keine Bewerbungen bekommen. Selbst als ich das Gehalt deutlich über die branchenübliche Bezahlung angehoben habe, kam nicht eine einzige Bewerbung.

Ich hatte Angst, dass das in der Zukunft so weitergeht und habe mich mit dem Thema Mitarbeiter-Motivation beschäftigt und mir Beispiele aus der ganzen Welt von Unternehmen angeschaut. So ist eine Strategie entstanden, die neben der 30-Stunden-Woche auch weitere Maßnahmen beinhaltet. Wobei das natürlich die größte ist.

Glauben Sie, dass das auch für andere Branchen ein wirksames Mittel ist?

Hochreiter: Das behaupte ich nicht. Da muss man von Fall zu Fall entscheiden: Das Geschäftsmodell muss passen, man muss das überhaupt erstmal finanzieren können. Der Fachkräftemängel wird sich aber weiter zuspitzen. Die Unternehmen müssen also umdenken. Die Zeiten sind vorbei, in dem man ein Stellenangebot inseriert und wartet, bis sich die Leute bewerben. Heute ist es – besonders in unserer Branche – umgekehrt: Die Unternehmen müssen sich bei den Fachkräften bewerben.

Wie zeigt sich das?

Hochreiter: Wir hatten mal einen Bewerber, der am Ende des Gesprächs meinte: „Danke, Herr Hochreiter. Ich werde mir das überlegen und Sie hören von mir.“ Die Bewerber wissen ihren Wert und dass sie am Markt begehrt sind und dann muss man sich als Unternehmer etwas einfallen lassen.

Die IG Metall forderte erst kürzlich wieder, dass Beschäftige ihre Stundenzahl befristet bis zu zwei Jahre sogar auf eine 28-Stunden-Woche begrenzen können.

Hochreiter: Es müssen alle was in die Richtung machen. Aber Umfragen zeigen, dass die Leute für eine verkürzte Arbeitszeit sind. Unsere Zielgruppe beim neuen Personal ist sehr jung. Sie – und genauso ältere Generationen – wollen eine Work-Life-Balance haben. Bei ihnen zählt nicht mehr das Geld als Statussymbol wie früher. Sondern die Zeit.

Wir hatten vor kurzem einen Bewerber, der gesagt hatte, dass er nur 30 Stunden arbeiten möchte und er nur noch danach konkret suche. Weil er seine Hobbys wie etwa die Musik und alles andere unter einen Hut bringen wolle. Das kann ich verstehen.

Wie wirkt sich die 30-Stunden-Woche auf die Produktivität aus?

Hochreiter: Wir verlieren durch die Reduzierung der Arbeitszeit insgesamt 22 Prozent. Wenn wir das auf unsere Kunden umschlagen würden, hätten wir morgen keine mehr. Wir müssen konkurrenzfähig bleiben, sonst ist das Ganze nicht nachhaltig.

Und wie machen Sie das dann?

Hochreiter: Unser Umsatz ist nicht zu 100 Prozent ressourcenintensiv, wir brauchen also nicht immer die volle Manpower. Gemeinsam mit unseren Mitarbeitern haben wir geschaut, wo wir Arbeitsabläufe optimieren und vereinfachen können.

Insgesamt konnten wir dadurch den Umsatzverlust auf fünf Prozent begrenzen. Das finanzieren wir aus unserem Gewinn. Sozusagen als Investiton für die Mitarbeiterzufriedenheit, weil die für uns das größte Kapital sind. Andere Unternehmen müssen vielleicht in Maschinen investieren, wir machen das gleiche mit unseren Mitarbeitern. Nur so können wir konkurrenzfähig bleiben und unseren Kunden die gewohnte Qualität nachhaltig sicherstellen.

Wir kommt die 30-Stunden-Woche bei ihren Mitarbeitern an?

Hochreiter: Die ersten Reaktionen waren euphorisch, viele haben sich das gar nicht vorstellen können, weil die 40-Stunden-Woche seit 1975 normal ist. Und das ist natürlich im Kopf verankert. Deshalb haben unsere Mitarbeiter von Anfang an mit eingebunden. So haben wir im Herbst einen zweimonatigen Test durchgeführt, in dem sie jede Woche Feedback geben sollten.

Was kam dabei raus?

Hochreiter: Am Anfang waren viele überfordert, weil sie nicht wussten, was sie mit ihrer freien Zeit jetzt anstellen sollen. Das hat sich aber schnell gelegt. Was sich auch positiv ausgewirkt hat, war das zusätzliche Tageslicht – vor allem im Winter, als wir den Test durchgeführt haben. Da geht man ja sonst im Dunkeln zur Arbeit und kommt im Dunkeln nach Hause. Das zusätzliche Tageslicht in der Freizeit wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus. Daran hatten wir vorher gar nicht gedacht.

Wie sieht so eine 30-Stunden-Woche aus?

Hochreiter: Die Arbeitszeit ist von Montag bis Freitag. Es kann aber sein, dass jemand an einem Tag acht Stunden statt sechs arbeitet und dann am nächsten Tag eher geht. Wir haben Gleitzeit – wobei es eine Kernzeit gibt. Da kann sich der Mitarbeiter aussuchen, wann er kommt und geht. Wir machen das auch in Zukunft, um Flexibilität zu erhalten.

Es gibt aber keinen zusätzlichen freien Tag?

Hochreiter: Nein, das gibt es nicht. Es ist nach wie vor eine 5-Tage-Woche. Es gibt Zeiten, an denen man da sein muss, damit die Zusammenarbeit unter den Kollegen weiter funktioniert. Die Kernzeit geht von Montag bis Donnerstag von 9 bis 14 Uhr. Und am Freitag ist sie von 9 Uhr bis 11 Uhr.

Glauben Sie, dass noch weitere Unternehmen Ihrem Beispiel folgen werden?

Hochreiter: In Deutschland gibt es ein Unternehmen, das die 25-Stunden-Woche seit zwei, drei Monaten testet. Auch aus Österreich bekommen wir Zuschriften von Firmen, die ähnliche Modelle vorbereiten. Es hängt aber immer von der Branche ab – es ist kein allgemein gültiges Rezept.

Es gab zum Beispiel in Schweden ein Altenheim, das auch die 30-Stunden-Woche ausprobiert hat. Man ist dort zu dem Schluss gekommen, dass man das aktuell nicht umsetzen kann, weil man mehr Personal braucht. Bei einem Automobilkonzern war es dagegen erfolgreich. Jeder Betrieb muss sich überlegen, ob und wie das funktionieren kann.

Weitere Informationen gibt es auf www.30sindgenug.at.

 
 

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