Tengelmann-Chef Haub: "Bis zur letzten Minute für Lösung offen"

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (Mitte) und Kommunikationschefin Sieglinde Schuchardt äußern sich im Interview mit WAZ-Redakteur Frank Meßing über die Pläne für Kaiser’s Tengelmann.
Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (Mitte) und Kommunikationschefin Sieglinde Schuchardt äußern sich im Interview mit WAZ-Redakteur Frank Meßing über die Pläne für Kaiser’s Tengelmann.
Foto: Lars Heidrich
Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub will mit der Zerschlagung seiner Supermarktkette am Montag beginnen. Er sieht aber noch ein „Zeitfenster“ für eine einvernehmliche Lösung.

Mülheim. Erstmals äußert sich Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub im Interview mit Frank Meßing über seine Szenarien für die Zukunft der Kette Kaiser’s Tengelmann.

Herr Haub, warum sind die Verhandlungen über eine Lösung für Kaiser’s Tengelmann gescheitert?

Karl-Erivan Haub: Es gibt drei Gegner einer Übernahme durch Edeka: Rewe, Markant und Norma. Das ist eine schwierige Situation. Dabei ist Rewe aber der schwierigste Fall. Herr Caparros hat von Anfang an alles unternommen, um den Deal zu zerstören. Das hat er ja auch offen in einem Interview zum Ausdruck gebracht. Leider sind die Leidtragenden unsere Mitarbeiter und deren Angehörige.

Worüber haben Sie in den zwei Spitzengesprächen verhandelt?

Haub: In der zweiten Runde ging es darum, ob und wie Kaiser’s Tengelmann in zwei Teile aufgeteilt werden könnte für Edeka und Rewe. Es stellte sich aber heraus, dass dieses Modell innerhalb der Ministererlaubnis nicht funktioniert, weil diese nur den Vertrag mit Edeka abdeckt. Und außerhalb der Ministererlaubnis würde man ein neues Kartellverfahren benötigen, das wiederum viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Diese Zeit haben wir aber nicht mehr.

Die Rewe hat ihr Angebot erneuert. Sie will Kaiser’s Tengelmann als Ganzes übernehmen und die wettbewerbsrechtlich fragwürdigen Filialen an Dritte abgeben. Warum gehen Sie auf das Angebot nicht ein?

Haub: Weil es unseriös ist. Rewe wird die gleichen Probleme beim Kartellamt bekommen wie Edeka. Herr Caparros verspricht immer den Himmel auf Erden, weil sein Plan de facto nie zum Zuge kommen kann. Mir fehlt einfach das Vertrauen!

Wenn Filialaufteilung keine Option ist, wäre denn nicht auch eine finanzielle Lösung denkbar?

Haub: Ja, das kann man sich durchaus vorstellen und wäre auch für Markant der Weg gewesen. Hier gibt es ja kein Interesse an Filialen.

In der kommenden Woche wollen Sie mit der Zerschlagung in NRW beginnen. Ist das Ihr letztes Wort?

Haub: Wir verlieren allmählich die Kontrolle über das Unternehmen und ich habe keine andere Wahl mehr. Gerade in NRW sind wir in allergrößter Not. Insgesamt ist Kaiser’s Tengelmann mit fast zehn Millionen Euro pro Monat in den roten Zahlen. Trotzdem bin ich bis zur letzten Minute offen für eine einvernehmliche Lösung, die Kaiser’s Tengelmann als Ganzes und damit alle Arbeitsplätze erhält. Das war von Anfang mein oberstes Ziel und dafür werde ich auch weiter kämpfen. Das Zeitfenster für eine Lösung schließt sich erst, wenn die ersten Filialen tatsächlich verkauft sind, denn dann ist die Ministererlaubnis hinfällig.

NRW ist für Kaiser’s Tengelmann die schwierigste Region. Wie viele der verbliebenen 105 Supermärkte halten Sie für überlebensfähig?

Haub: Ich wäre froh, wenn wir für 30 bis 40 Filialen Supermarktbetreiber finden könnten. Viele unserer Filialen in Nordrhein liegen im ländlichen Raum, sind klein und alt. In München und Berlin sind wir dagegen stark in Innenstadtlagen. Seit nunmehr 17 Jahren macht Kaiser’s Tengelmann Verluste, die sich inzwischen auf weit über eine halbe Milliarde Euro angehäuft haben. Eigentlich hätten wir schon vor 25 Jahren von zentral auf von selbstständigen Kaufleuten geführte Supermärkte umstellen müssen. Das ist das erfolgreichste Konzept, weil der Kaufmann vor Ort stärker auf die regional unterschiedlichen Bedürfnisse der Kunden eingehen kann. Das haben wir versäumt.

Haben Sie eine Prognose, wie viele der rund 4000 Beschäftigten in NRW bei einer Einzelverwertung eine Perspektive haben werden?

Haub: Glauben Sie mir, wir kämpfen um jede Stelle. Für viele werden die Arbeitsplätze aber wegfallen. Wenn ein Discounter eine unserer Filialen übernimmt, braucht er deutlich weniger Leute. Und wenn es ganz schlecht läuft, wird er den Laden besenrein übernehmen wollen.

Haben die Mitarbeiter in der Verwaltung, im Lager und im Fleischwerk Chancen?

Haub: Das ist besonders schwierig, denn so bitter es klingt: Für die rückwärtigen Dienste wird sich kaum jemand interessieren. Die betroffenen bundesweit 2000 Mitarbeiter werden wir auch nicht in anderen Bereichen der Tengelmann-Gruppe unterbringen können.

Wie werden Sie jetzt vorgehen?

Haub: In der kommenden Woche starten wir in NRW ein Interessenbekundungsverfahren. Berlin und München werden wahrscheinlich erst Anfang nächsten Jahres folgen. Wir werden das gesamte Filialnetz ausschreiben. Nach jeweils einer Woche wissen wir dann, wer sich für welchen Supermarkt interessiert und ob die Übernahme von Mitarbeitern und Ware gelingen kann. Nachdem die Interessenten eine Vertraulichkeitserklärung abgegeben haben, schicken wir ihnen die sensiblen Daten unserer Filialen. Parallel bereiten wir die Verhandlungen über einen Sozialplan mit unseren Betriebsräten vor.

Kritiker werfen Ihnen Dickköpfigkeit vor, weil Sie nach Untersagung durch das Kartellamt auf die Ministererlaubnis setzten, um den Verkauf an Edeka doch noch möglich zu machen. Haben Sie sich verkalkuliert?

Haub: Ich war dankbar, mit der Edeka überhaupt einen Gesamtübernehmer gefunden zu haben, der bereit war, alle Arbeitsplätze zu erhalten. Und dass Edeka zwei Jahre an unserer Seite gestanden hat, ist auch nicht selbstverständlich. Das Ministererlaubnisverfahren erschien uns im Vergleich zur Einzelverwertung oder der Klage gegen das Kartellamt der vernünftigste Weg zu sein. Ich hätte aber nicht gedacht, dass es so lange dauern würde. Jetzt stehe ich leider wieder da, wo ich vor zwei Jahren gestanden habe.

Tengelmann trennt sich mit dem Supermarktgeschäft von seiner Keimzelle. War der Schritt in der Familie Haub unumstritten?

Haub: Wir haben ein gutes Jahr darüber in der Familie diskutiert. Zuerst musste ich mich selbst zu dieser Entscheidung durchringen. Ich hatte viele schlaflose Nächte und wusste nicht, wie ich es den Menschen sagen sollte. Das war sehr emotional. In der Familie haben wir ein gutes Jahr darüber diskutiert, waren aber immer einig in dieser Sache. Wir sind jetzt noch davon überzeugt, dass es richtig war, wie wir gehandelt waren.

Was bleibt vom Handelskonzern Tengelmann ohne das Lebensmittelgeschäft?

Haub: Von einer Gruppe mit mehr als 24 Geschäftsfeldern von Ledi bis Pizzahut haben wir uns zu einem Marktführer-Unternehmen entwickelt. In unseren operativen Geschäftsfeldern Obi, Kik und Tedi sind wir die Nummer 1 und mit Babymarkt wollen wir es werden. Das gilt auch bei unseren E-Commerce-Beteiligungen wie Zalando. Für uns als Familienunternehmen sind hohe Umsatzzahlen nicht so wichtig, nachhaltige Themen liegen mir näher: keine Bankschulden und Reserven anlegen. Ich will weiter Freude daran haben, Unternehmer zu sein und das Unternehmen gut bestellt an die sechste Generation zu übergeben.

 
 

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