Teilen wird zum Standortfaktor im Wettbewerb der Städte

Müssen alle mit: Car-Sharing, Mitfahrzentralen und Leih-Fahrräder sind umweltfreundliche Alternativen.
Müssen alle mit: Car-Sharing, Mitfahrzentralen und Leih-Fahrräder sind umweltfreundliche Alternativen.
Foto: WAZ FotoPool
Wer nicht teilt, wird zurückfallen: Sharing Economy zeigt auch die kulturelle Attraktivität eines Standorts an.

Die Sharing Economy ist ein Wirtschaftstrend, den Experten durchaus differenziert beurteilen. Reinhard Loske, seit April 2013 Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke, sprach mit Britta Heidemann über wirtschaftliche Risiken und psychologische Nebenwirkungen.

Was ist das eigentlich, die Sharing Economy?

Reinhard Loske: Die Ökonomie des Teilens hat es historisch immer gegeben: Der gemeinsame Verzehr von gemeinsam erlegter Beute in archaischen Gesellschaften oder die gemeinschaftliche Nutzung von Land sind erste Beispiele. Allerdings hat man das bislang innerhalb sozialer Gemeinschaften getan, in der Familie, der Nachbarschaft. Man kennt sich, hat Vertrauen, deshalb teilt man Dinge. In der Sharing Economy kommt das Internet ins Spiel. Es gibt immer noch im Nahraum liegende Dinge: Kleidertausch, Food Sharing, Urban Gardening. Aber eben auch kommerzielle Angebote mit weiter Reichweite wie Car Sharing oder Crowd Funding.

Welche Motivation steckt dahinter?

Erstens ein gestiegenes Umweltbewusstsein, das uns sagt, dass man Dinge, die man selten nutzt, auch leihen oder teilen kann. Zweitens der Kostenfaktor: Wenn man Dinge nur dann zahlt, wenn man sie auch nutzt, kann man die Fixkosten senken – das ist vor allem für junge Leute wichtig. Drittens die Lust am gemeinsamen Wirken, das ist ein ganz neues Phänomen.

Was sind heikle Aspekte der Bewegung?

Was nicht gut wäre: Wenn die Ökonomie des Teilens dazu führen würde, dass wir Dinge, die wir bisher aus sozialem Denken oder Empathie gemacht haben, kommerzialisieren. Wenn wir früher beim Trampen mal jemanden mitgenommen haben, wollen wir heute Geld dafür haben. Oder wenn wir früher jemanden gratis haben übernachten lassen, wollen wir jetzt einen anständigen Preis dafür kriegen. Die Chance auch im kommerziellen Teil der Sharing Economy sehe ich darin, dass sie durchaus Ressourcen einspart. Das ist ein Nachhaltigkeitseffekt.

Die Taxifahrer wettern gegen Uber, die Hoteliers gegen Airbnb – gibt es hier Regulierungsbedarf?

Wenn solche Dinge wie Mitnahme oder Übernachtung dazu führen, dass bestimmte Branchen unter Veränderungsdruck geraten, darf man dennoch nicht in deren Interesse diese neuen Dinge totregulieren. Das geht nicht! Aber wer sich unter der sympathischen Flagge des Ride Sharing faktisch als Taxifahrer betätigt, der muss auch den gleichen Anforderungen genügen in Bezug auf Lizenz und Ortskenntnis und Versicherungsschutz und so weiter. Da brauchen wir eine Regulierung, die Wettbewerbsfairness herstellt.

Welche Zukunft hat die Sharing Economy?

Es gibt Bereiche, die sich eher zur Kommerzialisierung hin entwickeln: Car Sharing oder Coworking Spaces, auch der Kleidertausch geht immer mehr in Richtung Kommerz. Daneben gibt es viele Dinge, die ihrem Wesen nach sozial sind und sozial bleiben – zum Beispiel die Stadtgärten oder das Food Sharing.

Wenn es ein Städte-Ranking in Sachen Sharing Economy gäbe, wie stünde das Ruhrgebiet da?

Die Sharing Economy ist ja eine klassische soziale Innovation, die in der Nische gedeiht und dann teilweise aus der Nische in den Hauptstrom der Gesellschaft hineinwächst. Ich traue mir kein Urteil darüber zu, ob das Ruhrgebiet da eine Vorreiterrolle einnimmt. Es gibt in den Städten da sicherlich enorme Aktivitäten.

Ist denn die Sharing Economy bereits ein ernsthafter Standortfaktor?

Lassen Sie es mich so formulieren: Im Städtewettbewerb werden sicher diejenigen Städte zurückfallen, wo solche Aktivitäten nicht stattfinden. Die haben dann ein Modernitätsdefizit. Das ist eine Art weicher Standortfaktor, der für die kulturelle Attraktivität von Städten immer wichtiger wird. Gerade für junge Menschen ist es oft ganz entscheidend, ob Raum gelassen wird für solche Aktivitäten. Da können die Kommunen durchaus förderliche Rahmenbedingungen schaffen, indem sie Flächen bereitstellen oder alte, ungenutzte Immobilien zur Zwischennutzung öffnen.

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