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Tausende Unternehmen suchen Nachfolger für ihren Chef

Bildnummer_ 53270076 Datum_ 10_07_2009 Copyright_--656x240.jpg
Foto: imago stock&people
1800 Firmen mit mehr als 23 000 Arbeitsplätzen sind 2010 vom deutschen Markt verschwunden, weil scheidende Unternehmer keinen Nachfolger finden konnten. Die Schwierigkeiten häuften sich, sagt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Schuld sind auch die Unternehmen sind: Sie bauen häufig keine Nachfolger auf.

Essen. 

Seit drei Wochen ist der Kaufvertrag unterschrieben. Sigrid Schlangen und drei Teilhaber haben ihre Firma verkauft, einen Pflegedienst aus Bielefeld – 21 Mitarbeiter, etwa 700 000 Euro Jahresumsatz. Sechs Monate hat es gedauert, bis sie einen Käufer fanden, ein großes Unternehmen aus Berlin. Die Arbeitsplätze in Bielefeld sind gesichert. Die Chemie zwischen Käufer und Verkäufer stimmte. „Das war alles relativ unkompliziert. Selbst beim Kaufpreis haben wir schnell Einigkeit erzielt“, sagt Sigrid Schlangen. Die Hauptstädter zahlten einen mittleren sechsstelligen Betrag. Ein Dienstleister hat mitverdient. Die Unternehmensnachfolge ist ebenso ein Markt wie die Pflege von Alten und Kranken.

Die 52-Jährige und ihre Mitgesellschafter waren sich einig: Nach fast zehnjähriger Tätigkeit sollte Schluss sein. „Wir brauchen alle eine Pause, wir wollen uns neu orientieren“, sagt Schlangen. Ihre Firma war finanziell gesund. „Wir haben etwas Kostbares aufgebaut, aber es war Zeit, zu verkaufen.“ Schlangen, die als Krankenschwester und Geschäftsführerin mitarbeitete, wird den neuen Eigentümer noch bis März 2012 beraten. „Es ist eine Erfahrung des Loslassens“, sagt Schlangen.

Dass die Gesellschaft aus Bielefeld einen Käufer fand und wie, ist nicht selbstverständlich. Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) sucht jeder dritte Unternehmer, der sein Geschäft aus Alters- oder Krankheitsgründen aufgeben will, vergeblich. „Die Fachkraft Chef wird immer mehr zum Engpass“, sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Als Hindernisse nennt er Finanzierungsprobleme und überzogene Vorstellungen der Verkäufer. Nicht jedes Familienunternehmen wird an Verwandte weitergereicht. 1800 Firmen mit insgesamt mehr als 23 000 Arbeitsplätzen seien im vergangenen Jahr wegen fehlender Nachfolge vom Markt verschwunden.

„Viele Unternehmer bauen keinen Nachfolger auf“

Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM) schätzt die Zahl der anstehenden Unternehmensübergaben im familiengeführten Mittelstand auf 22 000 pro Jahr. Im Zeitraum 2010 bis 2014 sollen etwa 110 000 Chefs die Nachfolge planen oder vollziehen. Betroffen seien 1,4 Millionen Beschäftigte. Das Thema habe „eine große volkswirtschaftliche Bedeutung“, erklärt das Institut. Es gehe um die Sicherung des Unternehmensbestands und die Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft.

Udo Goetz kennt die Probleme. Er ist Vorstand der Axanta AG. Die Beratungsgesellschaft aus Oldenburg ist einer der Marktführer für den Kauf und Verkauf von Unternehmen. Axanta konzentriert sich dabei auf kleine und mittlere Betriebe. „Viele Unternehmer lassen hinter sich keinen Platz für einen Nachfolger, sie bauen keinen auf“, nennt Goetz Gründe für die Probleme. Die Inhaber beschäftigten sich spät mit dem Thema, glaubten oft nicht, „dass es auch noch andere Menschen gibt, die 80 Stunden pro Woche für ein Unternehmen arbeiten wollen. Sie gehen davon aus, dass nichts mehr geht, wenn sie selbst aufhören“.

Die Axanta verdient ihr Geld als Vermittler. „Wir moderieren und dienen als Puffer zwischen Verkäufer und Käufer“, sagt Goetz. Das Verhältnis der beiden sei oft kompliziert. „Viele Käufer können in den Augen der Verkäufer nicht bestehen.“ Der alte Chef sei oft ein großer Verhinderer. „Er hängt an seiner Firma, es ist für ihn sein Baby. Da findet man schnell einen Grund, warum man gerade an diesen Interessenten nicht verkaufen kann“, sagt Goetz. Manchmal rufe der Boss auch schlicht einen viel zu hohen Preis auf.

Banken geben sich zunehmend zugeknöpft

Auch den Banken redet Goetz ins Gewissen. Sie seien zunehmend zugeknöpft bei der Finanzierung von Firmankäufen. Sie setzten auf die letzte Sicherheit. „Dass sie Sorgfalt walten lassen, ist völlig okay“, sagt der Axanta-Chef. Sie sollten aber nicht neue Vorschriften vorschieben, um Unternehmensverkäufe abzuwürgen. Goetz: „In Deutschland gibt es ja eigentlich keine Kreditklemme, aber wir stellen eine fest.“