Studenten geben Noten für ihr Praktikum

Witten.. „Stets bemüht“ - dieses vernichtende Urteil steht in manchen Arbeitszeugnissen. Jetzt können Praktikanten den Spieß umdrehen. Über ein neues Internetportal können sie ihrem Arbeitgeber Noten geben. 1400 Bewertungen sind schon online.

„Das Unternehmen war stets bemüht, den Ansprüchen des Praktikanten gerecht zu werden.“ So lautet das vernichtende Urteil manches Schnupperangestellten über seinen Arbeitgeber, übersetzt in reinstes „Personaler-Deutsch“. Dem Chef konnte das bisher gleichgültig sein – nur er stellte tatsächlich ein Zeugnis aus. Doch seit Mitte Januar bewerten die Praktikanten zurück: Auf „MeinPraktikum.de“ benoten sie ihre Plätze. 1400 Bewertungen für 1000 Firmen sind dort nur einen Mausklick entfernt. Täglich werden es mehr.

Waren die Aufgaben an­spruchsvoll? Gab es kon­struktives Feedback? Hat der Praktikant etwas gelernt? So­bald ein Nutzer solche Fragen beantwortet, erstellt ein Programm automatisch ein Kurzprofil der entsprechenden Firma. Die anonymen Bewertungen zwischen einem und fünf Sternen gibt es für sechs Kategorien: Karrierechancen, Aufgaben, Lernerfolg, Wertschätzung, Betreuung, Atmosphäre.

Dieser Ansatz hat schon einige Firmen überzeugt mitzumachen: Acht Partnerunternehmen hat der junge Gründer Daniel Pütz (27) aus Witten mit seinen Kommilitonen bereits akquiriert; darunter namhafte wie Philips, Lufthansa und Haniel. Immerhin „eine einstellige Tausendersumme im Jahr“ lassen sie es sich laut Pütz kosten, auf seiner Plattform ein detailliertes Firmenprofil inklusive Interview, Praktikanten-Fragebogen, Fotos und Videos zu präsentieren – obwohl sie sich dadurch keine bessere Bewertung kaufen können.

Gute Studenten als künftige Top-Arbeitnehmer

„Das ist eine Möglichkeit, Authentizität und Transparenz zu schaffen“, erklärt Alena Heßhaus, Personalreferentin für Bildungsprogramme und Hochschulmarketing beim Duisburger Unternehmen Haniel. „Wir erhoffen uns natürlich auch, dass Studenten sehen, wie gut wir bewertet sind, und dass wir dadurch gute Praktikanten gewinnen.“ Ein guter Student sei schließlich ein potenzieller Top-Arbeitnehmer, betont auch Pütz. Und den wollten die Unternehmen möglichst früh für sich begeistern. Das Engagement der Firmen erstreckt sich daher immer mehr auf Web-2.0-Dimensionen: „Die Unternehmen gehen gerade viel in Social Media wie Facebook und Twitter“, hat Pütz beobachtet. Er will den Grund kennen: „Das liegt daran, dass Fachkräfte in Zukunft knapper werden.“ Heßhaus bestätigt: „Immer mehr Studenten suchen ihre Kontakte über soziale Netzwerke. Das ist die Plattform, um sich in Zukunft zu präsentieren und zu kommunizieren.“

Kopierpraktikum oder Karrierestufe

Gründer Daniel Pütz gehört selbst zur „Generation Praktikum“. Manche Erfahrung hätte er sich sparen können, wenn er selbst schon auf seiner Internetseite hätte nachschlagen können. Besonders eine Hospitanz ist ihm in schlechter Erinnerung geblieben. Dabei „bin ich da sehr motiviert angetreten“. Dann kam die Er­nüchterung: Statt seines Kopfes benutzte er vor allem Ko­pierer und Kaffeemaschine. Kein Einzelfall. Bisher klaffen Praktikantenerwartung und Praxis oft weit auseinander.

Auch die Praktikanten selbst treten mit sehr unterschiedlichen Erwartungen an. Gut und schlecht sind subjektive Kategorien: Der eine will etwas lernen, der andere eine weitere Station für einen schicken Lebenslauf. „Man kann nicht sagen, ob ein Praktikum gut ist oder schlecht, sondern nur, es passt zu mir oder eben nicht“, resümiert Pütz. „MeinPraktikum“ will die Puzzle-Stücke Student und Unternehmen so zusammenbringen, dass sie passen. „Eine gute Idee“, findet Dr. Claudia Drawe, Leiterin des Praktikumsbüros für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. „Auch die Kategorien finde ich gut. Da werden Fragen beantwortet, die für die Studenten wichtig sind.“

Zeugnisportal und Praktikumsbörse

Die Top-Arbeitnehmer von morgen können Firmen seit diesem Monat über Ausschreibungen bei „MeinPraktikum. de“ rekrutieren: Das Start-up ist nun nicht mehr nur Zeugnisportal, sondern auch Praktikumsbörse. Trotz dieser Er­weiterung weist die Seite noch Schwächen auf: Die Zahl der Bewertungen muss noch wachsen.

Aber das will das Portal ja selber auch noch. Pütz jedenfalls könnte heute schon um sein missglücktes Praktikum herumsurfen: „Wenn ich jetzt bei diesem Unternehmen gucke, sehe ich, dass ich nicht der Einzige war mit meinem Eindruck.“

 
 

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