Statoil-Chef: „Klimaziele nur mit Gas erreichbar“

Stefan Schulte
Das hocheffiziente Gas- und Dampfkraftwerk „Fortuna“ in Düsseldorf erzeugt Strom und Wärme.
Das hocheffiziente Gas- und Dampfkraftwerk „Fortuna“ in Düsseldorf erzeugt Strom und Wärme.
Foto: Siemens AG
Der norwegische Öl- und Gaskonzern Statoil kritisiert das deutsche Festhalten am Kohlestrom. Vorstand Anfinnsen setzt auf schärferen Emissionshandel.

Essen. Deutsche Umweltpolitiker blicken voller Neid nach Norwegen. Auf den Straßen des dünn besiedelten, riesigen Landes mit seinen fünf Millionen Einwohnern fahren etwa doppelt so viele Elektroautos wie in Deutschland. Betankt werden sie in aller Regel mit grüner Energie, denn Norwegen gewinnt seinen Strom fast vollständig aus Wasserkraft. Die vor der Küste reichlich vorhandenen fossilen Brennstoffe Öl und Gas werden zum allergrößten Teil exportiert und begründen den Reichtum des norwegischen Staates.

Doch wie blickt dieses Norwegen auf Deutschland und seine Energiewende? Der mehrheitlich staatliche Statoil-Konzern ist einer der wichtigsten Gaslieferanten für die Bundesrepublik. Dass als eine Folge der Energiewende sich konventionelle Kraftwerke kaum mehr rechnen, Gas betriebene am wenigsten, bereitet den Norwegern Sorge, auch wenn das meiste Gas für Wärmeerzeugung geliefert wird.

Gas-Verstromung in Deutschland nimmt ab

Dass die Gasverstromung in Deutschland abnehme, bringe aber Nachteile für Deutschland und das Klima, sagte Tor Martin Anfinnsen im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist bei Statoil Vorstand für das globale Vertriebsgeschäft mit Erdöl und Erdgas. „Vor dem Hintergrund der deutschen und europäischen Klimaziele wäre es sehr schlecht, wenn die flexiblen und hocheffizienten Gaskraftwerke weiter aus dem Markt gedrängt werden.“

Die Emissionen des Treibhausgases CO2 bei der Stromerzeugung könnten bei einem Wechsel von Kohle zu Erdgas halbiert werden. „Daher ist Erdgas mit Sicherheit der ideale Partner für Wind und Photovoltaik“, sagte Anfinnsen. Um das Ziel des Klimaschutzplans zu erreichen, die deutschen CO2-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken, müsse Deutschland umsteuern: „Eine derartige Emissionsminderung ist kurz- und mittelfristig nur mit einem starken Rückgang der Kohleverstromung und am Ende einem Ausstieg aus der Kohle zu erreichen.“

Hoffnung setzen die Norweger auf die von der EU geplante Reform des Emissionshandels. Brüssel will die Lizenzen zum Ausstoß von CO2 verknappen und somit verteuern. Aktuell kostet der Ausstoß einer Tonne CO2 knapp sechs Euro, die Zielmarke lag ursprünglich bei etwa 20 Euro.

Stahlindustrie: Reform des Emissionshandels existenzgefährdend

Was etwa die deutsche Stahlindustrie für existenzgefährdend hält, weil es die energieintensive Produktion verteuern würde, käme emissionsarmen Gaskraftwerken im Vergleich etwa zu den besonders klimaschädlichen Braunkohleblöcken zugute. „Der CO2-Preis müsste nur leicht über dem heutigen Niveau liegen, um den Brennstoffwechsel von Kohle zu Gas anzureizen“, sagt Statoil-Manager Anfinnsen, „bereits bei einem CO2-Preis von 15 Euro würden wir Effekte sehen.“

Als Beispiel für die erhoffte Wirkung nennt er Großbritannien, das einen eigenen Emissionshandel betreibt. „Dort liegt der Mindestpreis für eine Tonne CO2 seit April bei 18 Pfund (22,85 Euro, die Red.). Das Resultat: Mehrmals lag der Kohlestrom-Anteil auf der Insel zuletzt bei null Prozent.“

Und wie bewertet der norwegische Energiemanager die Bemühungen Deutschlands, mehr Elektroautos auf die Straßen zu bringen? Kaufprämien sowie Steuer- und diverse andere Vorteile haben in Norwegen dazu geführt, dass fast jedes fünfte neu zugelassene Auto dort bereits ein Stromer ist. Deutschland versucht nun nachzuziehen, begeht laut Anfinnsen aber einen ökologisch fragwürdigen Frühstart: „Dass Deutschland bereits jetzt so stark auf Elektromobilität setzt, überrascht mich. Schließlich kommt weiterhin mehr als 40 Prozent der deutschen Stromproduktion aus der klimaschädlichen Kohle, womit der Klimaschutzeffekt von Elektroautos gering ist. Das ist paradox.“