Sportwetten-Anbieter bewegen sich am Rande der Illegalität

Neu eröffnet: Ein Wettbüro an der Gemarkenstraße in Essen-Holsterhausen. Vor wenigen Monaten trafen sich an dieser Stelle die Menschen aus dem Viertel in einem Szenecafé.
Neu eröffnet: Ein Wettbüro an der Gemarkenstraße in Essen-Holsterhausen. Vor wenigen Monaten trafen sich an dieser Stelle die Menschen aus dem Viertel in einem Szenecafé.
Foto: Jakob Studnar
Sportwetten-Anbieter befinden sich in einer rechtlichen Grauzone. Die wirtschaftlich erfolgreichen eröffnen trotzdem mehr und mehr Shops in guten Lagen.

Ruhrgebiet.. Hinterköpfe, die dir ihr Geld geben, sind ein großer Vertrauensbeweis, und Fred Rama hat ständig zu tun mit Hinterköpfen. Zwar geben die Leute ihm ihre Wettscheine, ihr Geld über die Ladentheke, aber viele gucken dabei entschlossen in Gegenrichtung: auf die Wand mit den zwölf Bildschirmen.

Die mit den spannenden Zahlenkolonnen!

In zweien dieser Bildschirme läuft Sportfernsehen zur allgemeinen Unterhaltung, auf allen anderen stehen Zahlen ohne jedes Ende: Spielstände, vor allem aber Quoten, Quoten, Quoten für 1001 Wettmöglichkeit. Selten kommt es zu flackernden Höhepunkten wie der Einblendung „Mögliches Tor Anderlecht“ – und wenn es gleich gelten sollte, das Tor, dann schütteln sich die Zahlenkolonnen einen Moment komplett durch und stellen sich als neu berechnete Quoten sogleich wieder hin. Wer noch auf Arnheim setzt, den Gegner, kriegt jetzt mehr raus.

Aber sonst passiert auf den Bildschirmen nichts. Meistens passiert: nichts. Es ist eine Variante von Standfußball, die ausschließlich in Wettannahmen gespielt wird. Männer, die auf Zahlen starren.

Nervosität im Raum

Wettbüro in der Winterpause muss man mögen. „70 Prozent spielen nur Bundesliga“, sagt Rama. Aber ein paar Männer sind eigentlich immer da, auch an einem Freitag Mitte Januar; und weil viele auf acht oder zehn Spiele zugleich setzen, die irgendwo in der Welt gerade laufen, ist natürlich doch immer eine gewisse Bewegung in ihrem Tipp und eine gewisse Nervosität im Raum. „Celtic hat drei Tore gemacht. Zwei brauch’ ich noch. Hab’ noch fünf Minuten“, sagt ein Mann zu seinem Nachbarn. Seine Antwort: „Bei mir erste Halbzeit sechs Tore, zweite kommt gar nichts mehr, null.“ Zehn, zwölf Männern geht es gerade so ähnlich. Wenn es noch erlaubt wäre, wäre das hier ein verqualmter Raum.

Draußen zwei Sandkübel für Kippen.

Als Jacov Efroni in der Bochumer Innenstadt anfing, da arbeitete er mit Pferdewetten und war ein staatlich lizensierter Buchmacher. Heute, 31 Jahre später, hat er fünf Läden, Pferdewetten sind tot, Fußball und alles andere, was auf -ball oder -hockey endet, hat übernommen – aber die rechtliche Basis seines Geschäfts „gibt es im Moment nicht. Ich weiß, das hört sich dumm an“.

Über den Rechtsstreit in der Wett-Branche berichtet die Kollegin Maren Schürmann unten auf dieser Seite; Efroni, ein freundlicher und offener Mann, hat ihn so in Erinnerung: „Zehn Jahre Hölle, versiegelte Läden, unsere Branche galt als DER Feind des deutschen Staates.“ Neulich hat er sich mit seiner Frau mal hingesetzt und überschlagen: „Was wir in diesem Leben an Steuern bezahlt haben, da kommt eine Summe heraus, das ist unfassbar.“

Gespielt wird nämlich immer. Morgens um 11 schließt Fred Rama die Annahme auf, dann stehen da schon „zwei, drei, vier mit ihren Scheinen“. Wer will, kann jetzt live Japan oder Australien tippen, wo es schon wieder Abend wird. Mit dem Lauf der Sonne dann kommen die Abschläge näher: Hongkong, Arabische Emirate, Israel, Griechenland . . . Aber, Herr Rama, allen Ernstes, wer setzt denn sein gutes Geld auf „Emirates Kaima – Nasr Dubai“ oder auf „Kitchee SC – Sun Pegasus“? „Irgendeiner kennt sich immer in einem Land aus.“ Oder nutzt die weitgehend unterschätzten Möglichkeiten des weißrussischen Eishockeys: „HC Dinamo – Khimik Novopolotsk“ bringt das stolze 4,8-fache – im Falle eines Unentschiedens.

Da soll man nicht eben eine rauchen gehen!

Es ist ein Raum der kurzen, leisen Ansagen. Des Raschelns von Papier: An guten Sportwochenenden im Frühjahr umfasst das Wettprogramm bis zu 100 eng bedruckte DIN-A-4-Seiten. Viele Kunden kennen einander. Verkehrssprachen Türkisch und Deutsch. Schulterklopfen. „Alles klar?“ „Wie geht’s?“ „Da isser wieder, unser Gewinner.“ „Wird doch alles geschoben hier.“ „Kommße morgen wieder?“ Der eine da hinten knobelt stundenlang an seinem Tipp und hat fußballerische Fachliteratur auf dem Tisch ausgebreitet. Links beraten sich zwei leise: „Zwei Tore vor bei denen?“ „Die haben mich schon Nerven gekostet, die mach’ ich gar nicht mehr.“ Sonstigen Gesprächsstoff liefern die Bildschirme: „Mögliches Tor Arnheim.“ Und Handys sind verboten. Weil manchmal die Lautstärke mit einem Spieler durchging. „Manche wollen bei wichtigen Spielen ihre Ruhe haben“, sagt Rama.

Auf was man alles wetten kann

Klar, sie können auf eine Mannschaft oder Unentschieden setzen. Sie können auf zwei dieser Möglichkeiten wetten, Halbzeitergebnisse wetten, Tordifferenzen, wer das nächste macht, eine Heim- oder Auswärtsmannschaft, wieviel Tore insgesamt fallen, mehr auswärts oder heim, vor Spielbeginn oder ab jetzt, wetten wetten wetten . . . Meist gehen dabei kleinere Summen über die Ladentheke, aber dann kommt so ein junger Kerl und setzt 200 Euro auf Exeter gegen Liverpool, und das ist auch nicht völlig ungewöhnlich. Gewinne über 2000 Euro, steht an der Wand, werden nach 20 Uhr nicht mehr ausgezahlt, sondern am nächsten Tag. Sicherheitsgründe natürlich, aber „an ganz großen Wetten bin ich auch nicht mehr interessiert, ich werde älter“, sagt Efroni, der Inhaber: „Früher wollte ich jedes Risiko gehen.“

Viele suchen sich natürlich die leichten Spiele aus; die, bei denen man mit ein bisschen Fußballverstand gar nichts falsch machen KANN. Beliebt: acht bis zehn Spiele und die Wette, dass in allen am Ende zwei Tore Unterschied herrschen. „Haste gewonnen, Hassan?“ – „Eine ist falsch. Eine von zehn ist falsch. Da kriege ich statt 860 Euro zehn.“

Draußen zwei Sandkübel voller Kippen.

(Hubert Wolf)

Die Gesetzgebung ist eine einziges Glücksspiel

Wer wollte wohl eine Wette darüber abschließen, wie sich die rechtliche Lage für Sportwetten-Anbieter in Deutschland weiter entwickeln wird? So verworren ist die Situation seit Jahren. Und selbst diejenigen, die Wett-Steuern zahlen, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone am Rande der Illegalität, so Mathias Dahms, Präsident des Deutschen Sportwettenverbands.

„In Deutschland gibt es nach Angaben des Hessischen Innenministeriums etwa 130 verschiedene Sportwettenanbieter, online und stationär, von denen aber angeblich nur 39 Steuern zahlen“, so Dahms weiter. 16 von ihnen vertritt der Deutsche Sportwettenverband. „Sie versuchen, sich rechtskonform zu verhalten, haben aber nichts davon, weil die Behörden nicht dafür sorgen, dass die schwarzen Schafe aus dem Markt verdrängt werden.“

Vor sieben Jahren herrschte in Deutschland noch ein staatliches Glücksspielmonopol, begründet in einer damit verbundenen staatlichen Suchtbekämpfung. Allerdings sah der Europäische Gerichtshof anlässlich der Glücksspiel-Werbung diesen Schutz für die Bevölkerung nicht gegeben und kippte 2010 mit einem Urteil den zwei Jahre zuvor abgeschlossenen Glücksspielstaatsvertrag. Die Bundesländer unterzeichneten einen neuen, mit dem noch komplizierteren Namen: Glücksspieländerungsstaatsvertrag. Dieser sollte in einer Experimentierphase bis 2019 auch 20 privaten Sportwetten-Firmen den Markt öffnen. „Bis heute gibt es keine Lizenzen für Sportwetten in Deutschland“, kritisiert Dahms. Das hessische Innenministerium war von allen anderen Bundesländern beauftragt worden, diese an die Sportwettenanbieter zu vergeben. Im Oktober vergangenen Jahres stoppte jedoch der hessische Verwaltungsgerichtshof das Verfahren, es sei fehlerhaft. Dahms: „Man kann eigentlich davon ausgehen, dass es im Rahmen des aktuellen Glücksspielstaatsvertrages keine Lizenzen geben wird.“

Imagewandel der Anbieter

Das hindert jedoch den Staat nicht daran, Steuern einzunehmen: 5 Prozent auf jeden Wetteinsatz. Die Wettanbieter haben derweil gelernt, in dieser Grauzone gut zu leben. „Es ist vielfach so, dass die bisher häufig im Rotlicht-Schmuddel-Milieu befindlichen Shops mehr und mehr durch Shops in guten Lagen ersetzt werden und diese dort eine neue Klientel finden. Wir sehen da einen Imagewandel, den wir sehr begrüßen.“

Währenddessen schließen mehr Spielhallen. Die neue „Spielverordnung“ sieht strengere Regeln für Spielautomaten vor, die bis 2017 erfüllt werden müssen. Damit will der Staat die Jugend schützen und Steuerhinterziehung bekämpfen. Dahms: „Für viele Spielhallen-Betreiber fällt dann ein Teil des Einkommens weg und sie überlegen, ebenfalls Sportwetten anzubieten.“ (Maren Schürmann)

Viele erliegen der Illusion, Einfluss nehmen zu können

Glücksspiele, dazu gehören natürlich auch Wetten, können zur Sucht werden. Im Essener Modellprojekt „fair/play“, das von der Krupp-Stiftung unterstützt wird, beraten Sucht- und Schuldnerhilfe gemeinsam gefährdete Personen. Abteilungsleiter Michael Mombeck sprach mit Georg Howahl über die Gefahren.

Herr Mombeck, was ist das Besondere an ihrem Modellprojekt?

Das liegt in unserer Zusammenarbeit mit der Schuldnerhilfe. Wir haben in der Regel die gleiche Klientel. Das heißt: Entweder kommen die Menschen zur Schuldnerberatung und die Kollegen finden heraus, dass die Schulden möglicherweise vom Glücksspiel kommen. Umgekehrt: Sie kommen zu uns und wir stellen fest, dass es auch Schulden gibt. Man kann nicht die eine Seite behandeln, ohne die andere zu berücksichtigen.

Wie groß ist denn das Problem der Glücksspielsucht?

Man geht davon aus, dass 0,2 bis 06 Prozent der Bevölkerung ein pathologisches Problem haben, also wirklich suchtkrank sind. Und noch einmal genauso viele haben ein problematisches Glücksspielverhalten.

Klingt nach vergleichsweise wenig . . .

Man geht davon aus, dass in Essen 6000 Menschen spielsüchtig sind.

Wie ist denn Ihre Klientel zusammengesetzt?

90 Prozent der Betroffenen sind männlich. Bei den Angehörigen, die Beratung brauchen, geht das Verhältnis eher in die andere Richtung: 73 Prozent sind weiblich.

Wovon sind die Betroffenen denn konkret abhängig?

Die meisten, die zu uns kommen, spielen an Glücksspielautomaten, fast 90 Prozent. 25 Prozent haben Probleme mit Wetten. Es gibt viele Mischformen, bei denen Online-Spiele oder Casinos dazukommen.

Kommen die Menschen erst, wenn sie finanzielle Probleme haben?

Meist ist ein gewisser Leidensdruck da, entweder wird er selber gesehen oder von den Angehörigen. Finanzielle Belastungen treffen ja die ganze Familie. 26 Prozent der Leute, die zu uns kommen, haben eine Schuldenbelastung, die höher ist als 30 000 Euro. Wir haben auch Spieler gehabt mit 80 000 Euro Schulden. Der finanzielle Schaden ist oft höher als der, den Opiatabhängige anrichten.

Was ist der Kick beim Wetten?

Es geht um die Illusion von Einflussnahme. Viele haben etwa im Fußball eine enorme Kompetenz. Das ändert aber nichts daran, dass eine Wette ein Glücksspiel bleibt.

Stimmt der Eindruck, dass es mehr Wettbüros gibt als früher?

Ich bin mir da nicht sicher. In Essen geht man derzeit von 30 Wettbüros, vor zwei, drei Jahren sollen es noch 40 gewesen sein. Einige haben aufgrund der unsicheren Gesetzeslage geschlossen. Es konzentriert sich auf die wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen.

Kommentar – Sie verändern das Gesicht der Stadt

Heute findet man Wettbüros nicht nur in Bahnhofsnähe, sondern auch in guten Lagen, in denen man sie zuvor nicht erwartet hätte. Ein Beispiel: Am Gemarkenplatz in Essen-Holsterhausen trafen sich jahrelang Menschen in einem Eckcafé. Freundinnen tranken dort ihren Cappuccino, Familien ihre Limo. Dann gab der Besitzer das Café auf. Heute sieht man dort keine Frauen mehr. Und auch keine Familien. Dort gehen Männer ein und aus. Die meisten wirken nicht, als lebten sie in der direkten Nachbarschaft, als seien sie aus der „Mitte der Gesellschaft“, wie Mathias Dahms, der Präsident des Sportwettenverbands, die gewünschte Zielgruppe beschreibt. Sind das Vorurteile? Fest steht, dass die Klientel der Apotheke, der drei Bäcker und der Boutique in der Nähe eine andere ist als die des Sportwettbüros. Und dies ist nur ein einziges Beispiel aus dem Ruhrgebiet!

Abstand zu Schulen

Das Gesetz in NRW schreibt eine Abstandsregelung für Wettbüros zu Schulen vor. Nicht ohne Grund versucht man, Kinder von Sportwetten fernzuhalten. Obwohl der Zugang generell erst ab 18 Jahren erlaubt ist. Es wird Zeit, dass die verwirrende rechtliche Lage für Wett-Anbieter geregelt wird. Die Politik schreckt vor diesem Problem zurück. Doch die Wett-Steuern, die bei einem großen Schwarzmarkt eh nur in Teilen erhoben werden, rechtfertigen nicht, dass man diese Angelegenheit schleifen lässt.

Verändert sich das Image der Wettbüros durch die stärkere Präsenz mitten in den Städten, wie es manche Anbieter erhoffen? Nein. Aber das Image der Stadtteile. Und zwar zum Negativen.

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