„So viele Täler haben wir gar nicht“

Der Schluchsee im Schwarwald ist Deutschlands größter Speichersee –  aber nicht groß genug für die Energiewende.
Der Schluchsee im Schwarwald ist Deutschlands größter Speichersee – aber nicht groß genug für die Energiewende.
Foto: HO
Pumpspeicherseen wären die Lösung. Energieexperte Rehtanz erklärt, warum die Energiewende ohne fossile Kraftwerke dennoch nicht funktioniert

Dortmund.. Die Energiewende wirbelt das ganze Land durcheinander. Nach dem Ausstiegsbeschluss aus der Kernkraft diskutiert die Nation lebhaft über die Abschaltung fossiler Kraftwerke. Und Deutschlands größter Energiekonzern Eon vollzieht einen radikalen Kurswechsel, will sich aus der „alten“ Energie verabschieden. Ist unser Strom eigentlich noch sicher? Im Prinzip ja, meint der Dortmunder Energiexperte Christian Rehtanz. Michael Kohlstadt sprach mit ihm.

Schon jetzt speisen Windanlagen und Solarkraftwerke Strom im Überfluss ins Netz ein. Können wir demnächst nicht ganz auf Kohle und Gas verzichten?

Ganz ohne konventionellen Strom wird es nicht gehen. Das Problem ist ein Zehn-Tages-Zeitraum im europäischen Winter, an dem gleichzeitig die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Das zeigen langfristige Wetteraufzeichnungen. Diese sogenannte Dunkel-Flaute ist der Dreh- und Angelpunkt der Versorgungssicherheit. An den meisten Tagen des Jahres lässt sich grüner Strom so flexibel ins Netz einspeisen, dass die Versorgung auch ohne nennenswerte Zuleitung aus konventionellen Kraftwerken gesichert werden kann.

Zehn Tage – können wir die nicht mit Speichern überbrücken?

Die gängigen Speicher für grünen Strom sind Pumpspeicherwerke. Doch um die Dunkel-Flaute zu überbrücken, bräuchte man enorm viele Speicherseen. So viele Täler, die wir überfluten könnten, haben wir gar nicht. Für diese Phase werden wir also auf absehbare Zeit einen konventionellen Kraftwerkspark vorhalten müssen. Das werden vornehmlich einfache Gaskraftwerke sein, die sich schnell hochfahren lassen und mit relativ geringem Aufwand vorgehalten werden können.

Heißt das etwa, diese Kraftwerke laufen nur an zehn Tagen und sind den Rest des Jahres außer Betrieb?

Ja. Natürlich müssen sie aber dauerhaft gewartet und instandgehalten werden. Hinzu kommt: Die Reservekraftwerke dürfen natürlich nicht irgendwo stehen, sondern müssen regional verteilt werden. Andernfalls gibt es Probleme mit den Netzen.

Gibt es keine Alternative?

Man kann Strom aus dem Ausland importieren. Doch in weiten Teilen Europas ist das Wetter wie bei uns. Ausweichen können wir auf norwegische Wasserkraft. Wir müssen in den zehn Tagen aber eine Lücke von bis zu 50 Gigawatt stopfen. Strom aus Norwegen wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie viele Kraftwerke müssen denn am Netz bleiben?

Wir brauchen 50 Gigawatt. Ein mittelgroßes Kohlekraftwerk produziert etwa 0,5 Gigawatt. Da kommen Sie auf die Größenordnung. Damit aber können wir trotzdem unsere Klimaschutzziele erreichen, da diese Kraftwerke nur geringe Einsatzzeiten haben.

Kann man die Pumpspeichertechnologie verbessern?

Pumpspeicherkraftwerke, die einen Zehn-Tages-Ausfall von Wind- und Solarkraft kompensieren könnten, wären gigantisch. Vorhandene Speicherseen laufen in der Regel in acht Stunden leer. Sie bräuchten also Pumpspeicherseen, die etwa 30 Mal so groß sind wie die heutigen. So etwas können sie hierzulande nicht durchsetzen.

Was ist mit Untertage-Speicherkraftwerken in alten Bergwerken, wie sie im Ruhrgebiet diskutierten werden?

Eine interessante, aber zunächst auch teure Technologie. Auch hier haben Sie das Problem, dass solche Speicher in acht Stunden leer sind.

Bleibt NRW das Energieland Nummer 1?

In NRW gibt es große Potenziale für erneuerbare Energien. Aber Ballungsräume wie das Ruhrgebiet werden ihren Energiebedarf durch eigene Produktion von grünem Strom allein nicht decken können. Es wird zu einem Strom-Import aus dem Münster- und Sauerland, aus Niedersachsen und auch großflächig darüber hinaus kommen.

 
 

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