Sicherer Arbeitsplatz ist der größte Glücksfaktor

Die Deutschen waren schon lange nicht mehr so zufrieden. Glücksfaktor Nummer Eins: der sichere Arbeitsplatz.
Die Deutschen waren schon lange nicht mehr so zufrieden. Glücksfaktor Nummer Eins: der sichere Arbeitsplatz.
Foto: Getty
In diesem Jahr fühlen sich die Deutschen so zufrieden, wie seit fast 30 Jahren nicht mehr. Das kollektive Stimmungsbarometer erreicht gerade ähnliche Werte wie in den ersten Jahren der Regierung Kanzler Helmut Kohls. Dies ist hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt.

Berlin. Die Stimmung der Deutschen ist deutlich besser geworden, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung herausgefunden. Forschungsleiter Jürgen Schupp erklärt, warum.

In ihren Koalitionsverhandlungen reden Union und SPD über Strompreis, Steuern und Abgaben. Spielen die Aussichten auf solche finanziellen Vor- oder Nachteile eine Rolle für das Glück der Deutschen?

Jürgen Schupp: Nein, derartige Vorschläge und Spekulationen haben wenig Einfluss auf das Niveau der Zufriedenheit, das wir seit 30 Jahren mit unserer Studie „Sozialökonomisches Panel“ ermitteln. Wir können vielmehr zeigen, dass die reale Erhöhung der Nettoeinkommen der letzten 30 Jahre nicht zur Folge hatte, dass die Zufriedenheit anstieg. Gleichwohl gibt es auch periodische Schwankungen im Niveau der Zufriedenheit in Deutschland.

So greifen Sorgen vor allem in Phasen hoher Arbeitslosigkeit wie in den Jahren 2004 und 2005 um sich. Dabei leiden die Menschen nicht so sehr unter fehlendem Einkommen, sondern eher unter dem Verlust des Arbeitsplatzes und der Entwurzelung aus einem sozialen Kontext, der ihnen wichtig ist. Gegenwärtig jedoch sind die Deutschen im Vergleich zu den Vorjahren ziemlich zufrieden. Die wesentliche Ursache liegt in der niedrigen Arbeitslosigkeit.

Können Sie den Verlauf der deutschen Zufriedenheitskurve seit dem Start Ihrer regelmäßigen Untersuchung 1983 beschreiben?

Schupp: Zu Beginn der 1980-er schien das Modell des Wirtschaftswachstums grundsätzlich noch zu funktionieren, und die Erwerbslosigkeit hielt sich im Rahmen. So lag die durchschnittliche Zufriedenheit der Deutschen damals bei 7,5 Punkten auf einer Skala, die bis zehn reicht. Von der Freude über die Wiedervereinigung unterbrochen, ging es dann abwärts: Atomkatastrophe von Tschernobyl, Angst vor der Globalisierung, fast fünf Millionen Arbeitslose 2005. Die Zufriedenheit sank auf 6,9 Punkte. Seitdem steigt die Stimmung mit Pausen. So zufrieden wie vor 30 Jahren sind wir aber immer noch nicht ganz.

Was hat die Menschen am Tiefpunkt besonders bedrückt – die Arbeitslosigkeit oder die Antwort darauf – Hartz IV?

Schupp: Der Verlust des Arbeitsplatzes ist viel einschneidender. Und selbst wenn man eine neue Stelle bekommt, bleibt die Zufriedenheit gedämpft. Der Schock wirkt nach, die Angst sitzt tief. Der persönliche Verlust von Status und Anerkennung wiegt schwerer als der Zorn über eine umstrittene Reform.

Die Wut über die von vielen als ungerecht kritisierte Agenda 2010 war also nicht wesentliche Ursache für verbreitete Unzufriedenheit?

Schupp: Zumindest ist es schwierig, diesen Zusammenhang mit unseren Daten als kausal wirksamen Effekt zu belegen. Interessant erscheint ein anderer Befund: In Krisen nimmt das Gefühl für Ungerechtigkeit ab. Auch in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit sinkt es. Wenn die Wirtschaft dagegen gut läuft, halten mehr Menschen ihren Arbeitslohn für zu niedrig. Mit der Lage wächst auch das Niveau der Ansprüche.

Stimmt die verbreitete Annahme, dass das Glücksempfinden oberhalb eines bestimmten materiellen Niveaus nicht mehr steigt – reiche Leute also kaum glücklicher sind als Angehörige der Mittelschicht?

Schupp: Nein. Wenn wir die Bevölkerung in Dezile, Gruppen zu jeweils zehn Prozent, einteilen, sehen wir: Je höher Einkommen und Vermögen steigen, desto zufriedener sind die Menschen. Oder umgekehrt: Je ärmer, desto unzufriedener.

Hängt das nur am Geld?

Schupp: Mindestens ebenso relevant sind Vorteile und Lebensstile, die mit dem Wohlstand einhergehen: bessere Bildung, gesunder Lebenswandel und höhere soziale Anerkennung.

Es heißt, Kinder seien glücklich - und ältere Menschen. Dazwischen liege die Mühsal des Berufs, des Kinderaufziehens, der Versorgung der Eltern. Gilt diese U-Kurve noch?

Schupp: Etwa vom 50. bis zum 60. Lebensjahr sind viele Menschen tatsächlich am wenigsten zufrieden. Mit dem Beginn des Rentenalters steigt das Wohlbefinden dann allerdings wieder. Insofern stimmt das Bild mit der U-Kurve. Mit einer Einschränkung: Während der letzten vier, fünf Jahre im hohen Alter sackt die Zufriedenheit stark ab. Das hat wenig mit der materiellen Lage, sondern mit gesundheitlichen Einschränkungen zu tun. Die letzten Lebensjahre sind hart.

Sie haben Einblick in die anonymen Daten zehntausender Bundesbürger. Mögen Sie uns einen Tipp für mehr Zufriedenheit geben?

Schupp: Albert Schweitzer hat den schönen Satz geprägt: „Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Aus unserer Langzeitstudie wissen wir, wie recht er hat: Vergemeinschafte Dich! Die Glücksrendite ist am höchsten, wenn man viele Freunde hat, in einem stabilen sozialen Netzwerk lebt, und mit anderen zusammen beispielsweise ehrenamtlichen Tätigkeiten nachgeht. Das sind die Faktoren, die wirklich wichtig sind.

 
 

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